Gedankenlesen

Verdammt, ich kriege es einfach nicht hin. Es kann doch nicht so schwer sein, diesen Fuß richtig zu setzen und mich dann kontrolliert und stabil im richtigen Maß zu drehen.
Ich bin im Tango-Technik-Kurs und es ist zum Mäuse melken. Einfach nur eine Drehung – Einfach?! Pustekuchen. Die Lehrerin sieht meine Verzweiflung. Sie kommt und macht die Übung mit mir. Doch auch mit ihr als Partnerin will es nicht klappen.
„So eine Sch****“, entfährt es mir, „ich bin einfach unfähig.“
„Schimpfe niemals über dich selbst, egal wie unzufrieden du mit dir bist“, sagt sie streng.
Doch ich mache wieder und wieder den gleichen Fehler. Immerhin das mit dem Nicht-Fluchen lerne ich schneller. Ich beiße mir auf die Zunge und fluche nur noch innerlich über mich selbst. Dabei bin ich stolz, wenigstens diesbezüglich Fortschritte zu machen. Doch zu früh gefreut. Sie schaut mich ernst an: „Du sollst auch nicht in Gedanken mit dir schimpfen. Das überträgt sich unmittelbar in der Verbindung auf deinen Tanzpartner.“

Wenn ich seitdem beim Tanzen etwas denke (was zum Glück nicht immer der Fall ist), frage ich mich, ob und in welcher Form mein Tanzpartner meine Gedanken wohl wahrnimmt. Merkt er, dass ich gerade überlege, was ich nach der Milonga noch esse oder wie ich wohl an seine Telefonnummer komme, dass ich per Telekinese versuche, meinen rutschenden BH-Träger wieder nach oben zu schieben oder mir ein Wörterbuch für seine Führung anzulegen, dass ich mich frage, ob es besser gewesen wäre, diese Tanda auszulassen, oder mich darüber ärgere, dass ich die Drehung mal wieder so richtig versemmelt habe?

Okay, Spaß bei Seite. Vermutlich ist es weniger das konkrete „Was“ als viel mehr das „Wie“, also die Stimmung meiner Gedanken, die sich auf den Tanzpartner überträgt. Positiv oder negativ, gefühlvoll oder technisch, glücklich oder unzufrieden, neugierig oder gelangweilt, sinnlich oder verspielt,  ganz im Moment oder irgendwo anders, gehetzt oder „Alle Zeit der Welt“.

Und manchmal wünsche ich ganz ehrlich, dass mein Tanzpartner nicht allzu empfänglich für meine Gedanken und die sie begleitenden Stimmungen ist.

2 Kommentare zu „Gedankenlesen

Gib deinen ab

  1. Nun, einer der wichtigen Aspekte des Tangotanzens, ist das Zulassen einer ganz besonderen Nähe des Partners, in der sich gerade nicht nur die eigene, sondern auch die Verfassung des Partner widerspiegelt.
    Mit der Aussage „und manchmal wünsche ich ganz ehrlich, dass mein Tanzpartner nicht allzu empfänglich für meine Gedanken und die sie begleitenden Stimmungen ist“ konterkariert die Autorin genau den vorgenannten Aspekt zugunsten einer Optimierung des eigenen Bildes, das möglichst fehlerlos ond ohne Makel beim Partner ankommen soll.
    Tja, hier scheint das Credo vorzuliegen: mehr scheinen – als sein.
    Mit bescheidenen Grüssen aus dem 1. Bezirk
    Wiener Milonguero
    P.S. Darf ich anmerken, dass die bereits in den letzten Posts verwendete Gender-gerechte Sprache heuer einen neuen Höhepunkt der Unverständlichkeit erklommen hat? Normalerweise findet man in jener Notation nur einen Stern, aber nun ist der Leser gleich mit vieren konfrontiert. Oder sollte damit darauf hingewiesen werden, dass „Sch****“ ein besonders wichtiges Wort in der Diskussion der gendergerechten Sprache sein könnte?

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  2. Ich finde – obwohl oder gerade weil ich deine Verzweifeliung auch kenne – dieses Zitat immer wieder als extrem hielfreich:

    No mistakes in the tango, Donna, not like life. It’s simple. That’s what makes the tango so great. If you make a mistake, get all tangled up, just tango on.”

    ~ Lieutenant Colonel Frank Slade, Scent of a Woman (1992)

    Tango on! 😉

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