Freiheitsberaubung

– Buenos Aires Vibes –

„Das ist doch Freiheitsberaubung hier“, regt sich meine Begleiterin auf, „ich fühle mich, als könne ich mich auf dieser Milonga gar nicht frei bewegen. Immerhin auf’s Klo darf ich alleine, aber das ist auch schon alles.“

Ich finde das Urteil etwas hart, doch ich verstehe, was sie meint. Kaum hat man den Eintritt bezahlt, wird man an einen Platz geleitet – freie Platzwahl? No way. An diesem Platz hat man zu sitzen, den ganzen Abend. Frauen und Männer, aber natürlich nicht gemeinsam, sondern getrennt. Platz tauschen oder umsetzen strengstens verboten. Getränke bringt bei Bedarf eine Kellnerin oder ein Kellner. Der Weg an die Bar ist somit überflüssig. Wer Glück hat, sitzt neben Menschen, die auch mal zu einem kleinen Plausch aufgelegt sind, das nimmt dem Ganzen die Strenge.

Doch unterm Strich ist stillsitzen, zu den Herren rüberlächeln und fleißig Miradas verschicken angesagt. Wer einen Cabeceo erhascht, darf seinen Platz verlassen, aber natürlich nicht allein. Frau wartet auf dem Stuhl, bis der Herr ihr die Hand reicht und sie auf die Tanzfläche führt. Da wir Damen hier sitzen wie die Hühner auf der Stange, hat dieses Vorgehen durchaus seinen Sinn. Denn es räumt mögliche Mißverständnisse beim Cabeceo sofort wieder aus und verhindert so peinliche Momente und geklaute Tandas. Nach dem Tanz bringt der Herr die Dame ebenso formvollendet wieder an ihren Platz zurück. Tja, und da sitzt sie dann wieder. Festgenagelt auf dem Stuhl. Bis zum nächsten Cabeceo.
Wenn es gut läuft, tanzt sie viel. Das ist der Sinn des Konzepts. Es geht um’s Tanzen, um nichts sonst. Jegliche potenzielle Ablenkung ist auf das absolute Minimum reduziert. Die Leute, mit denen man sich vielleicht gerne unterhalten würde, sitzen ganz woanders und dort führt jetzt gerade kein Weg hin, so ist das eben. Wer reden will, geht in die Kneipe, wer tanzen will auf die Milonga. Basta.

Der einzige Ausweg, wie meine Bekannte so treffend feststellte, ist der Toilettengang. Der wird auch dementsprechend zelebriert. Auf der Toilette ist die Hölle los. Da wird ausgelassen gescherzt, gelacht, gequatscht, nachgeschminkt, nachgesprüht und die Frisur gerichtet. Manche Dame macht es sich gleich auf dem bereitgestellten Stuhl gemütlich und zeigt, dass sie hier etwas länger verweilen möchte. Oft gibt es sogar eine Toilettenfrau, die aber in Wahrheit geheime Informantin, Life Coach, Beautyberaterin und Seelentrösterin in einem zu sein scheint. Bei Bedarf hat sie alles parat, was frau spontan brauchen könnte: Kaugummis, Haargummis, Pflaster, Tampons, Pfeffis und und und. Ich frage mich, ob es auf den Männertoiletten wohl auch so gesellig und fürsorglich zugeht?

Irgendwann ist auch der ausgiebigste Toilettengang zu Ende. Auf, auf, zurück auf’s Plätzchen und ab auf die Jagd nach der nächsten Tanda.

 

 

Unter der Rubrik „Buenos Aires Vibes“ berichten wir hier auf unserem Tangoblog über unsere Erfahrungen mit dem Tango Argentino in Buenos Aires.

11 Kommentare zu „Freiheitsberaubung

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  1. Na gottlob geht es nicht überall in Buenos Aires auf Milongas so zu. Ich glaub, das muss man einfach mal gesehen haben. Mir blieb es (auch gottlob?) erspart.

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  2. Alle fliegen nach Buenes Aires. Es gehört zum guten Ton in der Tango-Szene, dort mal gewesen zu sein. Ich werde das sicher auch mal machen. Aber wahrscheinlich erst 2021.
    Triffst du denn auch Einheimische? Ein Typ berichtete mir, dass er kam Einheimische traf, da denen die Milongas zu teuer, zu fremd, was weiß ich, seien. Er tanzte dagegen mit Frauen aus der ganzen Welt, aber kaum mit Argentinierinnen.
    Ein anderer, der dagegen wohl doch Argentinierinnen traf, erzählte, dass knallharte Führung und Rhythmussicherheit angesagt sei. Also mit ausgeklügelten Figuren hätte er kaum reüssieren können. Führen die Männer dort anders?
    Ich freu mich jedenfalls auf weitere Berichte, postet ruhig auch mal ein paar Bilder.

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    1. Also was verstehst du unter knallharter Führung?
      Ich interpretiere da, mit Händen und Füssen!
      Das ist kaum die Art und Weise wie mann in BA zu guten Tänzen kommt.
      Und was sind für dich ausgeklügelte Figuren ?

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      1. Es geht um die Führungscharakteristik des Führenden.
        Der eine führt sehr akkurat jede Bewegung, der andere gibt nur einen Führungsimpuls und lässt ansonsten Freiraum für die Umsetzung und Ausführung.
        Wobei jede Folgende etwas anderes braucht. Als Führender muss man dies erkennen.
        Ich bevorzuge gegenwärtig die letztere Variante, gestehe aber auch, dass die erste Variante seinen Reiz hat.

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      2. Hm, ok, ist für mich nicht aber die Antwort auf meine Frage (knallharte Führung).
        Und ich (als Führender) biete nur eine Art der Führung an. Nicht zwei oder drei.
        Die da heisst, Führen durch Folgen.
        Ich biete der Folgenden einen Raum anbieten, den sie einnehmen kann oder auch nicht. Je nachdem folge ich dann ihrer Bewegung..Dadurch verwischt sich von Aussen gesehen, wer führt und wer folgt..

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    2. Die Aussage „es gehört zum guten Ton“ ist m.E. nicht zutreffend. Es gibt sicher einige, die meinen, nach einem Buenos Aires-Besuch die Nase etwas höher halten zu müssen. Ich finde das ätzend. Ich war nicht so lange dort und kann deshalb nicht viele Erfahrungen teilen. Ich habe die Tango-Szene dort zum Teil völlig anders erlebt, als mir erzählt wurde. Habe viel mit Einheimischen getanzt, war (unabsichtlich) auf Queer-Veranstaltungen oder Milongas, auf denen Frauen explizit zum Auffordern angehalten wurden usw. Vielleicht hängt auch die Wahl der Jahreszeit davon ab, ob man dort mehr andere Tango-Turisten trifft oder Einheimische. Im argentinischen Winter sind deutlich mehr Einheimische da als Turisten ;-). Und wie bei uns ist auch dort Insider-Wissen von Vorteil: was-ist-wann-wo-gut. Ich persönlich hatte eine tolle Zeit dort und kann es nur weiterempfehlen.

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  3. Der Eintrag existiert schon etwas länger, aber hier sind wohl noch ein paar Fragen unbeantwortet:
    Die Portenos meiden eher die touristischen Milongas – zu teuer, zu voll, zu viele (nach ihren Kriterien) schlechte Tänzer. Ausnahmen: wer mit Touristen Geld verdient oder sie anmachen will.
    Die anderen verabreden sich an anderen Orten. Die können schnell und spontan wechseln. Wer einen lokalen Guide hat, der die aktuelle Situation kennt, oder experimentiert, kann – wie hier auch schon vollkommen richtig geschildert – an die interessanten Orte kommen.
    Portenos tanzen anders. Das beinhaltet keine Wertung, es ist einfach anders. Und es beinhaltet andere Kriterien, welchen Tanz Portenos als gut oder schlecht empfinden.
    Die Umarmung ist fest und bestimmt – eher fester, als die meisten nordeuropäisch sozialisierten Tänzer sie als körperlich angenehm empfinden werden. Die Führung mit dem Oberkörper klar und eindeutig (und mit keinem Körperteil sonst).
    Das Schrittrepertoire ist reduziert. Ein deutscher Mittelstufentänzer kann locker 80% seines Repertoires vergessen. Dafür fehlen ihm eine ganze Reihe rhythmischer Elemente, die in D kaum gelehrt und getanzt werden. Variationen mit halber und doppelter Geschwindigkeit sind normal, gelten dort als Anfängerfähigkeit. Das Gehen (caminar) mit allen Variationen hat mehr Bedeutung als hier, komplexe Drehungen eher weniger.
    Kriterien für einen guten Tanz sind für einen Porteno: rhythmisches Tanzen absolut in der Musik und – ganz wichtig und in D leider viel zu sehr vernachlässigt – Tanzen mit „Cadencia“. Wer den Begriff nicht kennt – er ist sehr schwer zu fassen, beschreibt so etwas wie den Swing des gesamten Körpers mit der Musik, die Dynamik der Bewegungen, auch die Bewegung des Körpers in der Nichtbewegung (Pause). Vielleicht hilft dieser Link: http://joymotiondance.com/cadencia/
    Und – ganz wichtig: die Portenos tanzen einfach und denken nicht so verkopft darüber nach, was sie tanzen. Keine Gedanken daran, was jetzt der nächste Schritt sein könnte. Und wenn es eine neue Erfindung ist, ist es eine neue Erfindung. Es zählt nur das Gefühl für die Musik und für den Partner. Loslassen und in die Musik fallen lassen ist die Devise. Und das wünsche ich mir auch hier.

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