Emanzen-Tango oder Tango-Emanze?

Lange hat mich Tango als Tanz nicht interessiert, weil Tango in meinen Augen zu sehr der Machokultur entsprach. Eine tangotanzende Freundin sagte gar über sich selbst: „Ich bin nicht emanzipiert, ich tanze schließlich Tango.“ Das alles hat meine Lust auf Tango nicht unbedingt gesteigert.
Nun gut, irgendwann bin ich dann doch über den Tango gestolpert und nicht mehr davon losgekommen. Doch tief in mir drin gibt es sie immer noch, die Feministin, die sich fragt, ob das eigentlich alles so richtig ist mit den Rollen und den Geschlechtern beim Tango.

Um von den klassischen Tango-Geschlechterrollen wegzukommen, haben sich auch im politisch korrekten Deutschland – und nicht nur da – die Bezeichnungen Führende*r und Folgende*r durchgesetzt. In Buenos Aires fiel mir auf, dass dort im Tangounterricht, oft einfach von den Tanzenden, dem Tanzpaar, den Tanzpartnern, dem Tänzer und der Tänzerin gesprochen wird. Nur in bestimmten Situationen werden explizit die Rollen benannt, um etwas zu erklären. Auch Stefania Colina hat das in dem Interview mit Berlin Tango Vibes bestätigt. Von anderer Seite hört man Sätze wie: „Argentinierinnen folgen nicht, die tanzen einfach.“ Klingt eigentlich ganz attraktiv: selbstbestimmter, emanzipierter, freier. Auch wenn jeder weiß, dass gerade in Argentinien Gender-mäßig wahrlich nicht alles Gold ist, was glänzt.

In mir kommt manchmal der Gedanke auf, ob die eigentlich gut gemeinte Verwendung dieser Rollenbezeichnungen nicht einer besonderen Beschneidung der klassischen Frauenrolle beim Tango gleichkommt. Plötzlich wird das stupide „Folgen“ das, was die weibliche Rolle im Tanz definiert, sie ausmacht. Und als „Folge“ dessen vergessen wir vor lauter Folgen schließlich zu tanzen. Vor lauter Folgen, vernachlässigen wir es, unsere tänzerische Identität zu finden und unser „Ich“ im Tanz auszudrücken, stattdessen ordnen wir uns vollkommen der Führung unter. Ist das eigentlich der Sinn der Sache? Und mal über den Tango hinausgedacht, was macht das mit mir als Frau? Als emanzipierte Frau? Als beruflich erfolgreiche Frau, vielleicht sogar Chefin? Als feministische Frau? Darf ich überhaupt Tango tanzen oder verrate ich damit meine „Ideale“? Überspitzt gefragt: Ist der Tango einfach die Softversion vom Konzernmanager, der am Wochenende als „Sub“ in einen SM-Club geht, um seine andere Seite auszuleben? Nun also die starke Frau, die sich im Tango in den Armen eines Mannes verliert? Ist ja an sich nichts dabei, aber inwiefern strahlt das auf mein restliches Leben ab? Wäre mein Leben tatsächlich ganz anders, wenn ich statt Tango Kampfsport üben würden? Oder überinterpretiere ich das?
Und vielleicht könnte man das alles ganz einfach lösen, indem man von vorneherein im Sinne von „Open Role“ den ganzen Tanz lernt und eben nicht nur die Hälfte (= eine von zwei Rollen). Dann wäre der oder die Tänzer*in in ihrer Identität nicht auf Führen oder Folgen beschränkt, sondern hätte selbst die Wahl. Führen und Folgen würden vielleicht sogar verschwimmen. Was bleibt, wäre das gemeinsame Tanzen.

10 Kommentare zu „Emanzen-Tango oder Tango-Emanze?

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  1. Eine spannende Frage, die ich mir auch schon stellte. Vor allem das dauernde Rückwärtsgehen, das muss doch nervig sein.
    Robert Röhrig schreibt in seinem Buch „Tango berührt und verführt“ zum Thema Rückwärtsgehen, dass wenn der Mann einen Schritt voran und die Frau einen Schritt zurück macht, sich beide in der Gegenwart befinden. Mir ist das ein bisschen zu sophistisch.
    Eine meiner Standardtänzerpartnerinnen ist eine praktizierende Femdom, die in der Bundeshauptstadt hin und wieder die einschlägigen Clubs und Bars aufsucht. Sie entgegnete mir auf die von dir aufgeworfenen Frage, dass ich mich doch letztendlich ihrem Bedürfnis geführt zu werden unterwerfe. Tja, so kann man das auch würdigen.
    An anderer Stelle schreibt Röhrig: „Die Tänzerin ist im Geheimen möglicherweise eine Art Tempeltänzerin, die Vertretung einer Göttin auf Erden.“ Zwar seien die traditionellen Rollenzuschreibungen schon gut zu erkennen, aber heute doch eher in Auflösung begriffen. Maßgebend ist die innere Haltung. Der Tango sei ein Harlekin, der vieles verstecke und für alle gleichzeitig Elemente von Werbungstanz, Kriegstanz und Tempeltanz beinhaltete.
    Mein Lieblingstanzlehrer betont wiederum, dass die Führung dialektisch sei. Der Mann führe überhaupt nicht. Er spreche nur eine Einladung aus, dass die Folgende eine bestimmte Bewegung mache. Wenn die Folgende diese Einladung annehme, dann folge der Führende der Folgenden.
    Daraufhin meinte letzthin eine Tanzpartnerin, „ … und was machst du jetzt, wenn ich einfach stehen bleibe und deine Einladung zum Gehen nicht annehme?“ …. und blieb tatsächlich stehen. Ich führte sie daraufhin in einen Ocho. Wir schauten beide verwundert, wie das geklappt hat.
    Ich denke, die Auffassung über die Dialektik der Führung ist zutreffend. Allerdings ist jede Folgende anders. Nicht jede versteht es bzw. es ist wohl die Aufgabe des Mannes der Frau genau das zu geben, was sie gerade benötigt.
    Heute Abend freue ich mich schon auf die Milonga. Vielleicht kommt sie, die letztens äußerte, sie liebe es, wenn Sie meiner Führung entfleuche und ich sie gewähren lasse und sie dann meine männliche Energie spüre, wenn ich sie wieder zu mir zurückhole und die Führung übernehme.
    Insofern, Tango ist ein Paartanz.

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  2. Unlängst lernten wir bei einem Kurs, wie der Mann (ich schreibe bewusst) der Frau „Möglichkeiten, das Eine oder das Andere zu machen“ einräumen könne. Darauf meinte mein Kurspartner entrüstet (aber augenzwinkernd), das sei ja wohl die Höhe, er tanze schließlich Tango, damit wenigstens ein- oder zweimal in der Woche das getan wird, was ER wolle. Woraufhin ich ihm entrüstet (aber augenzwinkernd) beipflichtete, ich für meinen Teil tanze auch Tango, damit ich wenigstens ein- oder zweimal die Woche mein Hirn abgeben könne 😉
    Fakt ist, dass beides eben gar nicht der Realität entspricht. Es gibt Folgende, da ergibt sich der Führende irgendwann zähneknirschend in sein Schicksal. Und es gibt Führende, die machen so viele Vorschläge oder unterbreiten so viele Möglichkeiten, dass den Folgenden schon nichts mehr einfällt und man sich frägt, warum sie nicht gleich die Rolle wechseln.
    Nicht Emanzen-Tango oder Tango-Emanze, sondern Tango emanzipiert…

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  3. Nun, die feministische Soziologin Barbara Kuchler hat entschiedene Forderungen an alle Feministinnen gestellt, die einen Milongabesuch durchaus erschweren könnten:
    So muss die feministische Tanguera ohne ihre schicken argentinischen Tanzschuhe auskommen, aufgrund B. Kuchlers Diktum „Werft die High Heels auf den Müll!“.
    Auch den eleganten Kleidungsstücken, die bei einer Milonga getragen werden, muss die feministische Tanguera abschwören, aufgrund der Forderung „Hört auf, jeden Tag schicke, förmlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt“.
    Auch das Schminken soll aufhören : „Lasst das Schminken sein! Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach.“
    Eine Feministin, die darauf einwenden könnte „Ich will mich aber schön machen. Ich tue das nicht für die Männer, sondern für mich selbst..“ wird belehrt : „Zu sagen, dass Frauen es „für sich selbst tun“, ist aber naiv. Es ist zwar sicherlich richtig, dass die Standards des Gutaussehens so tief in das Selbstverständnis vieler Frauen übergegangen ist, dass es „zu ihnen selbst“ gehört, dass sie sich anders nicht wohl fühlen und sich ohne Make-up und schickes Outfit – wenn man so sagen darf – kastriert fühlen. Aber das ist das Problem. Dass sie es etwas „für sich selbst tun“ ist keine Lösung.“
    Andererseits veröffentlichte Mitte 2018 eine in Deutschland scheinbar sehr bekannte (bei uns eher unbekannte) Feministin namens
    Meyer-Landrut ein Schminktutorial, wie sich eine Feministin schminken soll. Der dort gezeigte „Statement Look Feminist“ bestand aus grünem Lidschatten, gebürsteten Augenbrauen und Mittelscheitel.
    Wie man sieht, scheint es in der Auslegung, was nun Feminismus sei, eine grössere Bandbreite zu geben.
    Ich möchte der Autorin empfehlen: tanzen sie einfach weiter Tango, ohne sich Gedanken zu machen, ob man ihnen das Etikett „Feministin“ aufklebt oder nicht. Immerhin können Sie Zweifel stets kontern mit den Worten: „Ich tanze Tango – weil Männer das auch tun.“
    Aufmunternde Grüsse aus dem 1. Bezirk
    Wiener Milonguero

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  4. Freie Menschen können alle Rolle spielen. Im Beruf, in der Beziehung, auf der Piste. Die sachliche Ingenieurin, der metrosexuelle Freund, die laszive Milonga-Besucherin, der fürsorgliche Vater, der Macho-Geliebte usw.
    Ich versuche, so viele wie möglich zu spielen und bin dankbar in einer Gesellschaft leben zu dürfen, wo mir dies auch möglich ist. Im Tango heißt meine Rolle: „melancholisch blickende Migrantin die versucht, Ihr Schicksal durch atemberaubende Tandas zu vergessen“. Schminke, Kleidung usw. werden entsprechend gewählt.

    Schöne Grüße und bis bald auf Berliner Milongas,

    Ingrid

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  5. Also erstmal zum Thema Worte mit Sternchen drin, mein guter Vorsatz fürs neue Jahr ist: solange mir niemand plausibel erklärt, wie man das vorlesen würde, werde ich beim Schreiben jeweils willkürlich entscheiden, entweder die dudenmäßig korrekte Form (Maskulinum, soweit ich weiß) oder die englischen Worte verwenden. Weil irgendein glücklicher Zufall die Sprache dieses wunderbaren Inselvolks immun gegen Gender-Gaga gemacht hat. Ich plädiere ohnehin für eine Umstellung auf Englisch. Das hätte eine Menge praktische Vorteile und wäre sogar ökologisch korrekt – die Texte sind im Schnitt ca 20% kürzer. Spart Energie beim Transport von Print oder Speichern von Dateien und beim Lesen muß man auch das Licht nicht so lange anlassen.

    Was nun das Führen vs Folgen angeht: ganz schön viel Theorie. Sicher sehr ehrenvoll und teilweise auch unterhaltsam. Ich halte es da eher mit Vio; der Genuß besteht im Erleben von Rollen in maximaler Pur-heit. Wer sich da gerade wem unterwirft bzw. ob überhaupt – damit zu spielen macht ja irgendwie den Reiz des Spiels aus.

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    1. Mal so ganz allgemein zum Thema Gendern: Worte erzeugen Bilder und Bilder führen zu Einstellungen, Verhalten und Handeln. Seit ich ein Buch gelesen habe, in dem statt des generischen Maskulinum das generische Femininum verwendet wurde (und es ging in dem Buch nicht um Feminismus oder Gender) und ich selbst absolut überrascht war, welche ganz anderen Bilder durch diese Texte in meinem Kopf entstanden sind, bin ich Verfechterin des Genderns.
      In der Tangowelt, in der auch die Queerszene stark verankert ist und verschiedenste Definitionen von Geschlecht gelebt werden, wäre aus meiner Sicht ein reines Männlein-Weiblein-Gendern absolut unangebracht und sowieso nicht mehr zeitgemäß.
      Über das Verwenden englischer Begriffe, also noch mehr Denglisch, kann man streiten, aber in diesem speziellen Fall hätte es einen gewissen Charme, da stimme ich Dir zu.

      Und was nun das Tanzen betrifft: Klare Rollen sind gut, darauf basiert der Tanz. Und ja es ist ein Spiel und sollte nicht zu ernst genommen werden. Vielleicht gerade deshalb: Kleine Grenzüberschreitungen der Rollengrenzen sind durchaus reizvoll – das habe ich im Macholand Argentinien gelernt – kaum zu glauben.

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  6. Was für eine verkopfte Sicht der Dinge.
    Tango hat doch einen Riesenvorteil. Man kann für 15 Minuten eine Welt aufmachen, in der es nur das Tanzpaar gibt und nichts sonst. Die anderen Paare nehmen einen für gewöhnlich nicht wahr, die restliche Gesellschaft sowieso nicht und auch zu seinem Tanzpartner muss man vorher und nachher keine Beziehung haben. In diesen 15 Minuten geht es nur darum ob sich mein(e) Tanzpartner(in) gut fühlt und ob mich ich mich gleichzeitig gut fühle (und dass man niemandem schadet – anderen Paaren oder einem eifersüchtigen Partner). Ob das was ich gerade tue zu der Rolle meines Geschlechts und meiner Vorstellung wie diese sein sollte passt oder nicht ist für diese 15 Minuten völlig unerheblich. Und gut fühlen tust Du Dich, sonst würdest Du ja leicht davon loskommen.
    Auch die Vorstellung, dass eine der beiden Tangorollen – so unterschiedlich sie sind – höherwertig als die andere ist ist komisch. Es sind einfach beide notwendig um ein gelungenes Ganzes zu kreieren. Für mich fühlt es sich eher wie Komponist und Musiker an und gar nicht wie Chef und Mitarbeiter.
    Zu viel denken beschädigt für beide Tanzpartner das Tangoerlebnis.

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  7. OMG ! Ich dachte ich lade eine nette Tanguera zum tanzen ein, einfach um gemeinsam Spaß zu haben, und werde gleich mit Feminismus, Gleichberectigung, Genderroles,… konfrontiert !
    Irgendwie will ich niemand zu nah treten, ich werde ab sofort nur noch Männern auffordern.
    Ob eine Folgerin nur folgt oder mittanzt ist oft am Takt zu erkennen, wenn sie im Takt ihre Schritte führt oder nicht.

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  8. Naja, wers nicht schafft, fürs Tanzen seine Ideologie auszuschalten, hats nicht anders verdient, denn dann wirds nix mit dem schönenTanzerlebnis.
    Gleiches gilt übrigens auch für den Verstand.

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