Gastbeitrag: Frauenpower – Ein Besuch auf der Weibermilonga

Weibermilonga. Als ich davon das erste Mal hörte, musste ich an dicke, marktschreiende Fischweiber denken, wie man sie in einem alten Film im Hafenhintergrundgetümmel sieht. Natürlich war mir klar, dass diese Assoziation weitab der Realität war: Der Name sollte nur klarstellen, dass die Milonga ausschließlich für das weibliche Geschlecht gedacht ist. Doch warum macht man sowas? Dazu muss ich kurz ausholen: Die Milonga hängt zusammen mit einer Workshopreihe namens Tangueras, die sich speziell an Frauen richtet, die das Führen lernen wollen. Überraschend viele Frauen schnuppern früher oder später mal in die andere Rolle hinein, viele – und das betrifft nicht nur Anfängerinnen im Führen, sondern auch Erfahrenere – trauen sich aber auf einer normalen Milonga nicht, die traditionelle Männerrolle anzuwenden. Die Gründe sind vielfältig: Manche halten ihre Führungskünste für unzureichend, andere fürchten, nicht mehr von Männern aufgefordert zu werden, wenn sie sich einmal als führend outen. Hier setzt die Weibermilonga an. Sie soll einen geschützten Rahmen bieten, in dem Frauen mit jedem Erfahrungslevel ihre Tanzfertigkeiten auf der Piste erprobenund verfeinern können.

Da ich mich zu diesem Zeitpunkt selbst gerade mal wieder ans Führen lernen wagte, war ich geradezu die prädestinierte Zielgruppe. Ein bisschen mulmig war mir dennoch zumute, als ich mich auf den Weg zu meiner ersten Weibermilonga machte. Ich hoffte, nicht auf einer Zickenmilonga zu landen. Und fragte mich, ob ich mit meinem bescheidenen Repertoire aus Gehen, Wiegeschritten und halbwegs funktionierenden Kreuzen überhaupt eine Tanda durchhalten würde, ohne dass meine Tanzpartnerin gelangweilt vom Felde hirscht. Mutig, wie ich fand, ging ich trotzdem hin. Die Tanzschule, in der die Weibermilonga stattfindet, erwartete mich mit ihrer willkommenen Wohnzimmeratmosphäre und Gemütlichkeit. Kerzen verbreiteten ein stimmungsvolles Licht. Wasser, Saft und Snacks standen einladend auf der Anrichte bereit, sie sind im Eintrittspreis inbegriffen. Ausgestattet mit einem Getränk nahm ich also Platz, wechselte in flache Tanzschuhe und ließ erstmal die Stimmung auf mich wirken. Es war nicht leer, aber reichlich Platz. Einige andere sahen so aus, als würde sie auch erstmal ankommen. Plötzlich wurde ich unsicher: Wie mache ich eigentlich mit meinem Cabaceo klar, ob ich gerade führen oder folgen möchte? Ich beobachtete das Geschehen, sah diesbezüglich aber kein Muster und saß eine ganze Weile unschlüssig herum. Irgendwann fand ich das selbst albern.

Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich per Cabaceo meinen ersten Tanz gefunden habe, ob ich meine Sitznachbarin aus einem Gespräch heraus aufgefordert habe („Ich kann zwar nicht viel führen, aber magst du trotzdem mit mir ein Tänzchen wagen?“) oder ob mich eine andere Workshopteilnehmerin in meine erste Tanda hineingezogen hat. Aber plötzlich wurde es ganz leicht. Denn alle Befürchtungen waren unbegründet. Hat man sich einmal per Cabaceo (bei Schüchternen oder einander Bekannten auch mündlich) verabredet, klärt man halt kurz, wer führen und wer folgen möchte. Manche stellen sich auch gleich in oder gegen die Tanzrichtung auf, was die Frage erübrigt. Nicht selten treffen zwei Damen aufeinander, die sich gegenseitig versichern, kaum führen zu können, wobei „kaum“ eine beliebige Erfahrungsspanne zwischen einmal mit einer Freundin probieren und einem Jahr Kurse besuchen sein kann. Das Faszinierende ist: Es spielt tatsächlich kaum eine Rolle. Jede macht, was sie kann und gerade die Anfängerinnen sind sehr dankbar für jeden Tanz. Da alle zumindest schon mal in beide Rollen hineingeschnuppert haben und wissen, wieviel dahinter steckt, ist niemand ungeduldig oder gar gelangweilt. Ich selbst verspüre eher den Wunsch, besonders vorbildlich zu folgen, wenn ich mit einer unerfahrenen Führenden tanze und ihr das Gefühl zu geben, dass ich immer bei ihr bin, egal, ob sie nur läuft und wiegt oder ihre erste Drehung ausprobiert. Respekt, Dankbarkeit, Verständnis und ein immer wieder auftauchendes leises Gekicher bei den unvermeidlichen Missverständnissen und Entdeckungen sind allgegenwärtig. Mit manchen Damen habe ich zwischen den Liedern die Rolle getauscht, andere wollten nur folgen, ein paar sind tatsächlich nur in der Führendenrolle zu Hause. Manche bevorzugen erstmal die offene Tanzhaltung, manche wechseln im Tanz, manche tanzen grundsätzlich nur eng. Das ergibt sich von allein oder wird am Anfang geklärt. Man findet alle Tanzstile und Altersgruppen. Obwohl die Milonga gerade Damen mit geringer Führungserfahrung entgegenkommt, trifft man auch immer routinierte Führende an. Das tut mir persönlich ganz gut, kann ich mich doch kurz auf der vertrauten Rolle ausruhen, um mich dann wieder in das Abenteuer zu stürzen. 

Was mich sehr fasziniert hat, ist die besonders entspannte Stimmung. Ich weiß nicht, ob ein gewisses Konkurrenzdenken (bewusst oder unbewusst) wegfällt, weil man nicht im Wettbewerb um die meist zahlenmäßig unterlegenen Herren steht. Möglicherweise hat es auch mit der niedrigen Erwartungshaltung zu tun: Man kommt nicht her, um lauter Traumtänze zu bekommen. Man kommt, um zu üben und zu tanzen, ohne schräge Blicke von der Seite. Natürlich trägt auch das gemütliche Ambiente der Location bei. Und die kleinen Snacks. Und die allgemeine Offenheit. Seit nunmehr zwei Jahren treffen sich fast jeden Monat alte Hasen und neugierige Erstlinge auf dieser kleinen feinen Milonga. Ich gehe bestimmt wieder hin. Vielleicht sehen wir uns ja mal?

Vielen Dank an die Autorin!

 

12 Kommentare zu „Gastbeitrag: Frauenpower – Ein Besuch auf der Weibermilonga

Gib deinen ab

  1. Nun, obschon ich meine Zweifel habe, inwieweit Damen mittels dieser Milonga tatsächlich die Kompetenz erwerben, die Führendenrolle in akzeptabler Qualität zu erlernen, steht es positiv zu erwarten, dass die anfangs so faszinierten Damen (nach dem voraussagbaren baldigen Ende einer kurzen Serie von Besuchen dieser Veranstaltung) ihren jeweiligen Tanzpartnern auf den normalen, gemischten Milongas mehr Respekt und Anerkennung zollen.

    Und wer weiss – vielleicht lernen die Damen dadurch auch ein wenig mehr Demut.
    Und damit könnten wir alle doch zufrieden sein.

    Optimistische Grüsse aus dem 1. Bezirk,,

    Wiener Milonguero

    Gefällt mir

      1. Wozu? Da die männliche, führende Rolle wesentlich komplexer und aufwändiger zu erlernen ist, scheiden viele Herren demutsvoll schon relativ früh aus dem Tango Curriculum aus.

        Deshalb wird Demut in der Regel weniger unter den verbliebenen Tangueros zu finden sein – und es handelt sich dann meist um genau jene, die in diesem Blog beschrieben werden mit den Worten „Tja und dann gibt es eben die, die ich will, aber die wollen mich nicht….“ (s. https://berlintangovibes.com/2018/12/23/ich-warte-und-warte-und-warte/).

        Und in dieser Situation hilft der Dame nur eines: Demut. Z.B. demütig abzuwarten. Denn sie weiss: Es lohnt sich.

        Gefällt mir

    1. Ist das so, verehrter WM? Folgen ist easier? Hypothese, Vermutung, oder eigene Erfahrung? Ich würde mir da kein Urteil erlauben, unklare Datenlage. Sicher scheint mir jedenfalls: Als Führender kann ich immer behaupten, ich hätte es genau so gewollt. Aber ich bin fair und biete auch einen Datenpunkt fürs Gegenteil an: Als Führender bin ich für die Navigation zuständig, und das kann in der Tat mächtig anstrengend sein. Dann wiederum würde ich sagen, beim Führenden ein leichtgewichtiges und doch kuschelig-inniges Körpergefühl zu erzeugen scheint mir auch recht anspruchsvoll zu sein.

      Gefällt mir

      1. Nun, werter G.R. Ewing, dass Folgen ‚easy‘ sei, ist alleine Deine Aussage, für die Du vermutlich nur verhaltenen Applaus der Autorin erhalten wirst – und von mir ebensowenig. Mein Kommentar bezieht sich auf die Steigung der Lernkurven.

        Aber letztlich glaube ich, wir liegen in bestimmten Punkten inhaltlich nicht weit auseinander:
        Genau wie Du geschrieben hast, bin auch ich der Meinung, dass Du Dir kein Urteil erlauben solltest.

        Mit kollegialen Grüssen aus dem 1. Bezirk

        Wiener Milonguero

        Gefällt mir

  2. Schöner Beitrag und es freut mich zu hören, daß es Frauen in der führenden Rolle genauso ergeht, wie den meisten Männern. Mit Verlaub, von Demut halte ich gar nichts in diesem Zusammenhang. Eher bin ich den Damen dankbar, die sich wohlwissend auf ein Anfängerabenteuer mit mir eingelassen haben, mehr als einmal mich aufgefordert haben und dies auch immer noch tun. Glücklicherweise sind die Milongas in unserer Gegend eher familiär geprägt, Frauen in der führenden Rolle gehören zum Alltag und ich kenne keinen Tänzer, der sich schon mal negativ darüber geäußert hat. (Meine Frau auf Nachfrage auch nicht)

    Liebe Grüße aus der Heide

    Gefällt mir

  3. An Events wie „Totally in Tango“, wo man in beiden Rollen tanzen können soll, haben derzeit dreimal so viele Frauen wie Männer Interesse. Von daher vermute ich, dass das Konzept einer „Weibermilonga“ – nach der Beischreibung ja eher eine „Weiberpraktika“ – vom Zeitgeist überholt werden wird.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: