Treu oder treudoof

Ich bin seit Jahren meinem Tanzpartner treu. Und meinen Tanzlehrern auch. Ein bisschen Untreue zeige ich höchstens am Wochenende. Da weigere ich mich immer wieder diegleichen Milongas mit der gleichen Musik zu besuchen. Nicht gut fürs Gehirn, auf Autopilot zu schalten.

Ich fühle mich durch meine Treue komisch, ja vielleicht ein wenig treudoof: Entgehen mir zahlreiche Erfahrungen und Entwicklungen, wenn ich nur die eine Brise wähle? In meiner Umgebung: Stetiger Tanzlehrerwechsel, befördert durch das Flatrateprinzip: Jeden Abend ein anderer – Lehrer, Tanzpartner, Ort, ganz egal.

Nun bin ich schon immer sehr unbeständig oder – positiv ausgedrückt – neugierig und spontan gewesen. Ich will lieber mieten als kaufen. Noch mal Auswandern ist eine Option. Und diesen Job könnte ich auch bald wieder kündigen. Umso mehr verwirrt mich meine plötzliche Unbeweglichkeit beim Tango. Was ist bloss los?

Nun, bei meinen Tanzlehrern bin ich einfach – glücklich. Ich habe sie vor Jahren durch Zufall entdeckt. Bis heute kann ich dieses Glück nicht fassen. Anfangs total überfordert sehe ich die Schritte voran. Natürlich gibt es noch weiter viel zu tun. Sie pushen, aber sie sind menschlich. Sie erzählen von sich. Die meisten im Kurs halten ihnen schon über ein Jahrzehnt die Treue. Neue kommen jedoch selten dazu. Vielleicht liegt es am Stil, den heute kaum einer mehr tanzt. Noch ein Grund, warum wir uns als Tanzpartner treu sein müssen. Es gibt keine Alternative.

Für mich gibt es auch keine Alternative zu den Tanzlehrern. Ich hoffe nur, dass sie nie auch nur daran denken, die Stadt zu verlassen. Mich sitzen zu lassen.
Ich gehe nicht zu anderen. Gut, es gab ein zwei One-Workshop-Stands bei einem Festival. Aber hey, davon wissen sie. Und sie haben sogar dazu geraten!! Trotzdem: Schon der Gedanke untreu zu werden ist abwegig, zumindest für mich. Aber nicht für meine Tanzlehrerin. Neulich im Unterricht. Ein falscher Schritt. „Das hast du nicht von mir“ sagt sie. Ich bin geschockt. Glaubt sie wirklich ich gehe fremd? Ich bin treu! (Schön in diesem Rahmen ist auch zu wissen, dass wir treue LeserInnen haben. Ich finde es aber ok, wenn ihr fremdlest 😀).

10 Kommentare zu „Treu oder treudoof

Gib deinen ab

  1. Eine spannende Frage, die mich zugegebenermaßen gegenwärtig ebenfalls beschäftigt. Ich musste dir jedoch vollständig widersprechen.

    In Einzelnen:

    1. Gegen die Treue zum Tanzlehrer spricht, dass – wie ich feststellte – die meisten Tanzlehrer irgendein Thema favorisieren. So legt mein Lieblingstanzlehrer einen ziemlich starken Schwerpunkt auf Giros und Sacadas. Letzthin fiel mir auf, dass wir noch nie eine Volcada und Colgada oder eine Barrida geübt hatten. Zu seiner Entschuldigung muss ich freilich vortragen, dass ich nicht regelmäßig an seinen Unterricht teilnehmen kann. Ein anderer Tanzlehrer hielt auf meine Nachfrage Enrosque und Lápiz für zu artifiziell und lehre ihn daher nicht

    2. Gegen die Treue zur Tanzpartnerin spricht, dass jede Frau etwas anderes in mir zum Klingen bringt. Ich tanze seit über einem Jahr in einem Kursus mit der gleichen Partnerin. Dessen ungeachtet gehe ich auch alleine fort. Hierbei habe ich festgestellt, dass ich von manchen Frauen regelrecht Angst habe, manche Frauen mir ein Gefühl von Sicherheit und Männlichkeit vermitteln, manche Frauen irgendetwas ausstrahlen, was mich mutig werden lässt, die regelrecht inspirierend wirken. Manche wecken den Spieltrieb in mir und andere fordern eine regelrechte buchhalterische Akkuratesse.

    

Als ich dies feststellte und so langsam anfing es wahrzunehmen, kam mir eine Ahnung der Sinnhaftigkeit der Polyamorie als Beziehungsmodell auf. Jede Person gibt mir etwas anderes, bringt etwas anderes zum Hervorscheinen und zum Klingen.

    Liken

  2. Liebe Grüße von einer ebenfalls sehr treuen Schülerin. Ähnlich wie die Autorin habe ich (sagt früh) den Stil und den Lehrer gefunden, die zu mir passen. Seitdem über vier Jahren nirgendwo sonst Unterricht genommen (und ich bin vier Tage die Woche im Unterricht…). Empfehlungen und Angebote von anderen Lehrern habe ich erhalten, aber der Tanz ist für mich zu stark mit dieser besonderen Art zu lernen und tanzen verknüpft. Also ich gehe diesen Weg weiter und freue mich, mit dieser Einstellung nicht alleine zu sein.

    Liken

  3. Tja, der Sinnhaftigkeit des Themas „Treue zu den Tanzlehrern“ hätte etwas Reflektion gut getan, denn bekanntlich ist Treue eine wechselseitige Beziehung.

    Als kleiner Denkanstoss fürs neue Jahr sollte sich die Autorin fragen, in wieweit sich umgekehrt ihre Tanzlehrer treu erwiesen haben. Möglicherweise haben diese gar -ganz treulos- auch andere Schülerinnen ausser ihr?

    Amüsierte Grüsse aus dem 1. Bezirk

    Wiener Milonguero

    Liken

    1. Lieber Wiener Milonguero, danke fürs Augenöffnen. Bisher hatte ich mich nie gefragt, weshalb da noch andere Frauen im Raum sind…Jetzt, da du es ansprichst, verstehe ich..Ja, das sind Schülerinnen!!! Oha! Das hätte man mir sagen müssen! Nun ist es zu spät. Der Unterricht ist einfach zu gut um noch aussteigen zu können. Und wenn ich treu ehrlich bin, ist es manchmal auch gar nicht so schlecht, dass da noch andere sind. Und auch die sind: Alle treu.

      Liken

    2. Ist in Wien Treue eine wechselseitige Beziehung? Die Nachricht ist noch nicht nach Berlin angekommen. Das würde einiges erklären.

      Ein schönes Tango-Wochenende wünscht

      Ingrid

      Liken

  4. Über 10 Jahre im Unterricht? Oder viermal die Woche, Ihr muesst ja Supertänzer geworden sein. Was macht ihr denn da die ganze Zeit im Unterricht? Ich denke eher spätestens nach 4 Jahren sollte damit Schluss sein und eigene Schwerpunkte definieren und angehen, die eigene Tangowelt erweitern. Wichtig zum eigenen Stilentwickeln, sonst wird man nur zu einer Kopie des Lehrers, der auch nur das empfiehlt was seiner Richtlinie folgt. Z.B. ein Minimalschrittelehrer wird nie ein Nuevokurs empfehlen

    Liken

  5. Dieser Beitrag wie auch die Kommentare dazu kitzeln jetzt doch ein paar kommentierende Worte aus mir heraus. Ich möchte das Thema in zwei Fragen aufteilen: (1) Treue zu den Tanzlehrern und (2) Treue zum Tanzpartner.

    Jetzt also zu (1): Ist Treue zu den Tanzlehrern sinnvoll oder nicht? Das hängt natürlich einfach mal davon ab, welche Ziele und Ambitionen man hat. Da gibt es zunächst kein gut oder schlecht, alles ist ok. Darüber hinaus möchte ich Vergleich wagen: Jemand, der stets bei seinem Lehrer bleibt. möchte ich vergleichen mit jemanden, der in seinem Leben den Geburtsort nicht weiter als 20km verlässt. Es gibt daran nichts auszusetzen, er kann erfüllt und glücklich sein und seinen Ort für den schönsten Platz der Welt halten. Man wird aber wohl kaum erwarten, dass er die Welt beurteilen kann und seinem Urteil nicht viel allzu viel Gewicht beimessen.

    Schauen wir doch einmal etwas über den kleinen Tangotellerrand. Für mich ist das Tangolernen vergleichbar mit dem Lernen eines Musikinstrumentes (ich kenne beides). Vergleichbare Zeitdauer, Lernschritte, Erfahrungen etc. Beides hört nie auf, es geht immer noch weiter. In der Musikausbildung sind die Schritte klar, in Klammern dazu von mir die Parallelen im Tango: gute technische Grundausbildung (Haltung, Körperspannung, Gehen, Führung), Beherrschung des Instruments (gutes Repertoire an Schrittelementen und Übergängen, Navigation auf der Tanzfläche), Interpretation (Musikverständnis, Dynamik, Auswahl, Kombination und Anpassung der Schritte an die Musik und den Rhythmus in der Improvisation). Danach folgt die lebenslange individuelle Weiterentwicklung. Ziel ist es in beiden Fällen (oder sollte es sein) eine eigene, individuelle und authentische (auf die eigene Persönlichkeit bezogene) Interpretation zu erarbeiten, den eigenen Stil zu finden. Wer versucht Lehrer y oder Maestro z zu kopieren, wird niemals gut musizieren oder Tango tanzen können.

    In der Musikausbildung ist es allgemeines Verständnis: spätestens beim Thema Interpretation kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Lehrer wechseln MUSS. Ohne neue und andere Impulse und Erfahrungen ist sonst die Entwicklung des eigenen Stils nicht möglich. Das muss und soll nicht hektisch geschehen (keine 10 Lehrer), aber es sollte geschehen. Jedenfalls, wenn man sich weiterentwickeln will. Ich sehe nicht warum das im Tango nicht so sein sollte.

    Ach ja – wer glaubt, dass man nach 4 Jahren alles gelernt hat und keinen Lehrer mehr braucht: Danach kann man vielleicht die Schritte – gut Tango tanzen kann man dann meist noch nicht. Sicher braucht man keine üblichen Kurse mehr und muss die 273te Schrittkombination nicht mehr lernen. Aber für die Entwicklung der Eleganz und der musikalischen Interpretation ist ein regelmäßiges Coaching und ein externes Feedback immer sinnvoll. Was passiert, wenn das nicht passiert, sieht man leider auf allzu vielen Milongas. 24h Dauertanzen hilft nichts, wenn es in der Haltung des Glöckners von Notre Dame passiert. Oder mit der Dynamik und Rhythmustreue der gichtgeplagten und halbtauben Oma Edeltraud. Dann ist es gut, wenn jemand zuschaut, analysiert und Klartext redet. Auch wenn man manchmal hinterher rausgeht und sich fragt, wie man nach so vielen Jahren Tango noch so viel bei einem einfachen Ocho falsch machen kann.

    Nun zu (2) Treue gegenüber dem Tanzpartner. Treue gegenüber dem Partner ist gut, aber nicht beim Tango. Wer immer nur mit seinem Partner tanzt, verpasst viel und wird niemals richtig führen oder folgen können. Tango ist Kommunikation – und die kann ich nur lernen, indem ich spreche. Eine Mutter versteht die verstümmelte Kindersprache ihres Kindes, ein Fremder nicht. Wenn das Kind aber nicht lernt, dass andere Menschen seine Sprache nicht verstehen, wird es auch kaum richtig sprechen lernen. Ich erkenne (als Führender) in Milongas meist sofort, wenn die Frau fast nur mit ihrem Partner tanzt. Sie führt Schrittkombinationen selbstständig fort und reagiert merkwürdig oder gar nicht nicht auf Führungsimpulse. Sie erwartet die gleichen automatischen Abläufe, die sie schon 1000-mal mit ihrem Partner getanzt hat. Solche Tandas gehören zu den schlimmsten Erfahrungen, weil kaum beherrschbar. In solchen Situationen kommt man dann in die Versuchung die absolute Notbremse in Form der argentinischen „Maestro-Macho-Führung

    Ein weiterer Grund mit möglichst vielen Partnern zu tanzen ist die persönliche Weiterentwicklung. Jeder lernt etwas vom Anderen – in beide Richtungen. Und lernt neue Ideen und Einflüsse kennen. Macht gute und schlechte Erfahrungen. Und entwickelt sich und seinen Stil immer ein klein bisschen weiter

    Und last but not least – jeder tanzt anders und bevorzugt andere Musik. Und so habe auch ich meine Lieblingspartner für bestimmte Musik. Übrigens der Grund für mich, warum ich Milongas mit Tandas und Cortinas bevorzuge. Ich tanze gerne auch mal mit Anfängerinnen, bei rhythmisch klaren und einfach strukturierten Tangos. Und möchte dann nicht plötzlich mit einem Biagi oder Pugliese überrascht werden. Die möchte ich mit jemand anderem genießen.

    Konkret sieht die Treue in einer Milonga für mich so aus: die erste und letzte Tanda gehört meiner Partnerin (feste Grundregel). Dazwischen tanzen wir einzelne Tandas zu unserer Lieblingsmusik, meist verabreden wir uns vorab dazu (die nächste xyz-Tanda tanzen wir). Für den Rest ist jeder frei. Je nach Lust, Laune und Musik ist das dann eine Mischung aus: sozialen Verpflichtungen, guten Tänzerinnen, der Frau, die schon lange sitzt und mich neugierig macht, Anfängerinnen, attraktiven Frauen (ja ja, auch mal) – und ganz viel zuschauen. Das funktioniert meist sehr gut, kritisch sind nur Milongas mit sehr ungleicher Rollenverteilung oder wenn nicht genug fremdaufgefordert wird. Dann kippt es und ich muss mich verstärkt meiner Partnerin zuwenden. Was die Situation für andere natürlich noch unangenehmer macht.

    Liken

  6. Ich glaube es muss einfach akzeptiert werden, dass manche ihre wöchentlichen Tangounterrichtsstunden als Freizeibeschäftigung lieb gewonnen haben, quasi als Tango-Gesellschaftstanzkreis. Da hilft es nicht, mit dem Lernfortschritt zu argumentieren.

    Liken

Schreibe eine Antwort zu waldstern Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: