Die Mär von der Meritokratie

„Wenn ich irgendwann gut genug bin, dann werden „die“ schon mit mir tanzen.“, wie oft habe ich diesen Satz schon auf Milongas gehört und mindestens genauso oft habe ich ihn vermutlich so oder so ähnlich selbst gedacht. Der Tango gaukelt uns gerne vor, eine meritokratisch funktionierende Gesellschaft zu sein, also eine Leistungs- oder Verdienstgesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben und in der gilt: Wer viel leistet, wird belohnt. Wer die beste „Tango-Bildung“ hat, erzielt den höchsten Wert in der Gesellschaft. Oder kurz gesagt: Wer am besten tanzt, bekommt die meisten und besten Tänze.
Doch die echte Währung ist oftmals nur zum Teil die „Tango-Leistung“ und viel mehr etwas anderes. Gewisse Tango-Kenntnisse vorausgesetzt, gilt eher: Die meisten Tandas bekommen die Tänzerinnen, die hübsch und jung, charmant oder vielleicht besonders extrovertiert sind. Zusätzlich kann frau über auffällige oder aufregende Outfits punkten, um überhaupt aus der oft großen Masse der Folgenden herauszustechen. Tanzqualität ist dabei oft zweitrangig. In die Röhre schauen oft die Damen, die die Jugend schon ein paar Jährchen hinter sich gelassen haben oder die von Mutter Natur beim Verteilen des Turbo-Stoffwechsels nicht bedacht wurden, sodass die vermeintlichen Idealmaße unerreichbar bleiben. Bei den Herren ist es nicht anders: Nicht unbedingt die besten Tänzer sind am begehrtesten, sondern die, die auf eine besonders charmante Art humorvoll sind, gut aussehen und über ein gutes Selbstbewusstsein verfügen. Grundkenntnisse der Kleiderordnung und ein gewisser Mut beim Cabeceo sind auch nicht abträglich.
Wer seinen Marktwert noch steigern möchte – dies gilt für Damen und Herren -, braucht vor allem eins: Vitamin B. Damit katapultiert sich Mann oder Frau schnell ein oder zwei Tango-Ligen nach oben, ganz ohne Tangokurse oder Privatstunden und unabhängig von einer stabilen Achse oder einem großem Führungsrepertoire.

Nein, ich möchte nicht dazu aufrufen, zukünftig keinen Unterricht mehr zu nehmen und stattdessen lieber an der Selbstdarstellung und Vernetzung des eigenen Tango-It-Girls oder -Boys zu feilen. Denn der wahre Tanzgenuss kann ja doch erst entstehen, wenn beide ein gewisses Können mitbringen und sich auf dieser Ebene begegnen. Bis dahin können wir aber getrost aufhören, uns selbst klein zu machen, indem wir uns einreden, dass wir eben nicht gut genug sind und nur deshalb nicht die Tänze bekommen, von denen wir träumen.

7 Kommentare zu „Die Mär von der Meritokratie

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  1. Ich war als Jugendlicher in einer Tanzschule – das schützt mich zuverlässig vor solch einer skurrilen Erwartungshaltung und auch vor Manipulationsversuchen in diese Richtung. Schon der Begriff „Gesellschaftstanz“ sagt einem doch, dass sich um einen Spiegel der (beim Tango eher „gehobenen“) Gesellschaft handelt.

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  2. Man kann es auch anders sehen;
    Todschickes Kleid(vs Jeans) und High Heels(vs Turnschuhe) dürften i.allg. weniger attraktivitätsfördernd sein, wie ein netter, ehrlicher und freundlicher Blickkontakt.
    Bei TänzerInnen mit einiger Erfahrung wird eine gute Verbindung und das sich Einlassen können auf den Anderen gepaart mir einer sich gut anfühlenden Umarmung wichtiger sein als eine noch so große Perfektion der Boleos, Verzierungen o.a. .
    Letztlich heisst das: sehr wichtige Dinge im Tango können manche Menschen – insbesondere Folgende – schon bevor sie Tango tanzen, ganz intuitiv. Und manche nicht! Unfair – aber auch nicht alle können von Natur aus Malen, analytisch Denken oder sind Sprachgenies.
    Was immer wieder frappierend ist, dass manche Tanzende selbst nach hunderten von Tangostunden, diese Basics nicht vermittelt bekommen haben; spätestens das sollte dem einen Tangounterrichtenden zu denken geben.

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  3. Mir erscheint das als eine etwas ausführlichere Abhandlung über das Bonmot Tango ist Leben – Leben ist Tango.
    Ihr opfert euch ja auch nicht für den schüchternen Knaben, hinten in der Ecke, der euch mit wehmütigen Blicken anschmachtet.
    Andererseits erzählte mir mal ein Tanguero, dass er es als seine Aufgabe ansehe, die unbetanzten Frauen aufzufordern. Das soll der argentinischer Tanzkultur entsprechen. Die soziale Tat des Mannes. Schließlich löst der Verlust der gesellschaftlichen Anerkennung der Frau, als Partnerin eines Mannes und der damit verbundene Wert, oft eine schreckliche Vereinsamung und psychische Probleme aus. Sie fügen sich dann in das für sie erkennbare „natürliche Verfallsdatum“ und der damit einhergehenden Depression. Manchmal klammern sich an den Gedanken, sie müssen nur lange genug warten, um endlich einen Tanzpartner zu bekommen. Bloß, das ist ein Irrglaube, der nur zu weiteren Depressionen führt.
    Eine Lösung für die Frauenwelt weiß ich auch nicht. Außer, dass ich hoffe, die Geschichte mit den Karmapunkten stimmt. Die soll es nämlich für zuwendungsaufopfernde Männer geben.

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  4. Dieser Eintrag reizt mich jetzt doch zu einem Kommentar als Mann.
    Zunächst einmal hat „wirdschonwerden“ hier einen wichtigen Hinweis gegeben – der Tango ist als „sozialer Gesellschaftstanz“ natürlich ein Spiegel der Gesellschaft. Mit allem Guten und Schlechten.
    Wenn wir in die Geschichte des Tangos schauen, dann war der Tango nie der Tanz, in dem ich mir ein paar gemütliche Kuschelmomente abholen konnte. Er war – zu mindestens bis 1955 in Argentinien – immer DER Weg für einen Mann eine Frau kennenzulernen (und umgekehrt). In den Anfangszeiten unter den Randbedingungen eines gigantischen Männerüberschusses (10:1) unter den Einwanderern. Die EdO Zeit ist ebenso durch einen hohen sozialen Druck auf die Männer gekennzeichnet: sie mussten, um als Jugendliche überhaupt einen gesellschaftlich tolerierten Kontakt zum anderen Geschlecht zu bekommen, erst lange unter Männer üben – mindestens ein Jahr in der geführten Rolle, dann mindestens 1 Jahr in der führenden Rolle – bevor sie überhaupt das erste Mal auf eine Milonga durften. Ging das schief, bedeutete das erst mal wieder für längere Zeit weiter üben zu müssen. All das, um eine Frau zu daten zu können. All die feinen Codices, um die wir uns heute bemühen, sind in diesem Umfeld entstanden.
    Wir sollten als Tango Aficionados ehrlich genug sein, diesen Teil des Tangos nicht zu verleugnen und zu verdrängen. Insbesondere den Traditionalisten möchte ich nahelegen, die Historie nicht zu sehr zu vergolden. Also – Ziel des Tangos traditionell: Mann lernt Frau kennen, Frau wählt Mann aus. Oder die Variante: älterer Mann (Maestro) kann junge Frau auswählen, weil er mit besonderen Fähigkeiten punktet (sehr gut Tanzen) und dabei die Frau „präsentiert“ und so für andere Männer attraktiv macht.
    Things have changed!
    Nicht nur hat sich das Geschlechterverhältnis heute umgedreht, auch haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erwartungen geändert. Trotzdem sollte uns bewusst sein, dass die ursprünglichen Ziele nach wie vor im Tango stecken, immer wieder hervorblitzen, sowohl Reiz wie Ärgernis sein können. Etwas wie der Cabeceo ist als soziales Regelventil entstanden. Vielleicht sollten wir ihn einfach mal hinterfragen – vielleicht sogar umkehren. Er ist entstanden, um dem „schwächeren“ Mann (in der Überzahl), der um die Gunst einer Tanzpartnerin wirbt, vor sozialem Gesichtsverlust zu schützen (=noch ein Jahr unter Männern üben). Wäre es nicht einen Gedanken wert jetzt der Frau (in der Überzahl) die Aktivität zu übergeben? Um sie vor sozialem Gesichtsverlust (=5 Stunden sitzen ohne aufgefordert zu werden) zu schützen?
    Nun ganz persönlich als Mann: Ich möchte mich nicht davon freisprechen, dass eine attraktive Frau einen Reiz zum Auffordern ausübt. Auch ein hübsches Kleid lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und die Person dahinter. Und erleichtert das Wiedererkennen: „die im auffälligen roten Kleid, das ist doch die, die vorhin so gut getanzt hat…“. Am wichtigsten aber sind das offene Auftreten, die erkennbare Freude am Tango, das Lachen – idealerweise verbunden mit gutem Tanzen. Wunderschöne Tandas, die in Erinnerung bleiben, habe ich mit Frauen getanzt, die man mit dem Attributen älter und Plussize belegen würde. In Erinnerung bleiben wunderschöne weiche Bewegungen, eine Dynamik von zeitlupenartig langsam bis explosionsartig schnell, die Freude an neckische Spielereien, Lachen, wenn etwas dann doch nicht geklappt hat. Eine Bitte liebe Frauen: zeigt, dass ihr aufgefordert werden möchtet, schaut offen, zeigt eine offene Körpersprache, kein Handy, kein miesepetriger oder gar arroganter Blick, keine Gespräche mit der Freundin. Und versteckt euch bitte nicht auf dem Stuhl in der letzten Ecke, wo ich mit dem Blick nicht hinkomme und wo ich mich erst an Tänzern vorbeidrängen muss, um dorthin zu kommen. Dann ist alles klar für eine wundervolle Tanda.

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    1. Sieht mal wieder so aus, als hätten Gerhard und ich einen ähnlichen Geschmack, was Kommentare bzw. die Einstellungen dahinter angeht. Um das noch etwas auszuführen: für mich ist den Genuß zu maximieren das oberste Ziel. Eye Candy bringt da ein bißchen was, aber um es mit Peter Drucker zu sagen, körperlicher Genuß durch gemeinsames Erleben eats eye candy for breakfast. Was die Idee mit dem Umkehren der Aufforder-Richtung angeht, nachdenkenswert. Kleinerer aber dennoch wichtiger Teil des Genusses ist das Gewollt-werden. Das ist für mich der Wert des Cabeceo-Spiels. Solange das rüberkommt – also nicht nur, weil es von meinem Geschlecht weniger gibt – ist mir die Richtung egal.

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