Mit beiden Füßen in der Tango-Krise

Es hat lange gedauert, doch jetzt ist es soweit: Ich stecke ich mit beiden Füßen richtig tief in einer üblen Tango-Krise.

Das letzte Tango-High ist Monate her. Das letzte echte Aha-Erlebnis im Unterricht ist eine schon fast verblasste Erinnerung. Wann der letzte Milonga-Abend war, an dem ich traumhafte Tänze hatte, weiß ich gar nicht mehr. Seitdem waren es eher die Frust-Drinks an der Bar, die mich berauscht haben.

Klar, gehe ich trotzdem tanzen und tanze mit den üblichen Verdächtigen. Das ist schon okay, manchmal sogar echt nett, aber eben auch kein echtes Highlight. Kein „Next Level“, nichts was süchtig macht, und nichts, was mein Investment wenigstens vor mir selbst rechtfertigt. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, es kann ja nicht ständig Highlights geben, nichtmal kleine. Doch dieser besondere Geschmack des Tanzes – das gewisse Etwas – es ist einfach nicht mehr da. Stattdessen fällt mir bei jedem Schritt auf, was ich schon wieder alles falsch gemacht habe. Kein Wunder, dass da keine Freude aufkommt. Auch bei meinen Tanzpartnern nicht, logisch.

Am Anfang des Tiefs habe ich wie eine Bekloppte Unterricht genommen. Ein Aufbäumen gegen die Krise – nach dem Motto „Viel muss doch auch viel helfen und vor allem schnell“. Doch Pustekuchen. Nichts, rein gar nichts hat das gebracht. Hat nur Geld gekostet und Zeit auch und mich noch tiefer reingeritten in die Unzufriedenheit.
Es folgten die Selbstzweifel: Ich bin eben einfach nicht für Tango gemacht. Null Talent. Ich sollte die Tangoschuhe an den Nagel hängen – ein für allemal. Besser als mein Tanz ist, wird er niemals werden. Wenn ich damit nicht zufrieden bin, hat das alles eben keinen Sinn. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Absolut unbegabt. Ein Trampel, der dachte, er könne eine Tänzerin werden. So ist das nämlich. Und überhaupt alle anderen lernen schneller als ich oder sind einfach sowieso schon viel besser.
Ganz kurz vor der absoluten Selbstzerfleischung gab ich mich der Illusion hin, meine Tanzpartner seien der Grund. Ich sei ihnen einfach entwachsen, sie seien nicht mehr gut genug für mich. Es läge nur an ihnen, dass es nicht so klappt, wie ich es mir wünsche. Doch diese Sicht der Dinge konnte ich nicht einmal vor mir selbst lange aufrechterhalten.
Dann blieb nur noch eins: Es muss an den Lehrer*innen liegen. Sie haben mir nichts mehr zu sagen, ich verstehe sie nicht, ich brauche neue Impulse, eine andere Technik oder gar einen Stil, der besser zu mir passt. Also habe ich verschiedene Lehrer*innen ausprobiert und mich dabei nur weiter verwirrt, um nicht zu sagen verloren, in all den verschiedenen Tango-Konzepten und Ansätzen. Meinen Tanz hat das lediglich verschlimmbessert.
Schließlich musste ich mir selbst tief in die Augen schauen und zugeben: „Es geht gerade gar nichts vorwärts und das ärgert mich, frustet mich, enttäuscht mich und macht mich gleichzeitig wütend und unglaublich hilflos, denn ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskomme und ob überhaupt. Dabei will ich doch so gern mit Freude Tango tanzen.“

Der Spaßfaktor sinkt, das Frust-Niveau steigt. Wenigstens das Socialising auf den Milongas hält mich über Wasser, dort treffe ich die meisten meiner Freunde und Bekannten. Deshalb gehe ich noch hin – ab und zu. Da ich eh nicht so scharf auf‘s Tanzen bin, kann ich mich auch in Ruhe unterhalten. Hat sein Gutes, nicht stets auf der Jagd nach der nächsten Tanda zu sein. Doch gleichzeitig frage ich mich, ob ich dafür in den stickigen Milonga-Räumen sitzen muss, da könnte ich doch auch einfach in eine rauchfreie Bar gehen – sowas soll’s schließlich in der Out-of-Tango-Welt auch noch geben. Vielleicht sollte ich sowieso wieder mehr in dieser Außenwelt unterwegs sein. Ich weiß gar nicht mehr, was „normale“ Menschen in ihrer Freizeit so unternehmen. Kino soll nett sein oder Theater. Oder ich probiere mal einen anderen Tanz aus…. Ach, verdammt. Glaubt mir besser kein einziges Wort. Ich will nur Tango und sonst nichts.

Plötzlich erklingen Sätze verschiedener Tangolehrer*innen in meinem Kopf: „Tango lernen braucht Zeit und viel Training.“, „Tango ist einfach sehr komplex, da darf man nicht verzweifeln und muss dranbleiben.“, „Tango lernt man nicht im stetigen Fortschritt. Man verweilt immer wieder längere Zeit auf Lernplateaus, das ist anstrengend, doch der nächste Anstieg kommt bestimmt.“ oder ganz klassisch „Wenn die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten.“ Naja, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

10 Kommentare zu „Mit beiden Füßen in der Tango-Krise

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  1. Tja, ich glaube da muss wenigstens eine Reise nach Buenos Aires, inclusive diverser Opfergaben (z.B deine lieblings Tangoschuhe bei Vollmond in den Rio de la Plata werfen) an den Gräbern der Maestros her. Alternativ hilft bestimmt auch eine Wanderung auf dem Jacobsweg, je nach Läuterungsbedarf gerne auch im Winter oder auf Knien. Eine Reise auf den Wegen von „Eat Pray Love“ käme auch noch in Frage.
    Wenn das alles nicht hilft, vielleicht versuchst du einfach mal bei deinem nächsten Tanz ein Tangohigh zu verschenken?
    Thomas Claussen

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  2. Ich verstehe dich. Ich bekomme zur Zeit auch nichts geführt. Als mein Lehrer meinte, zeig es mir, wie führst du. Meinte er danach, kein Wunder, dass es nicht klappt. Er zeigte es mir. Aber deswegen kann ich es noch lange nicht. Er äußerte, Tango wäre halt für mich ein schmerzhafter Prozess mit noch viel Frust.
    Ich halte mich dann an den Gedanken, dass Tango letztendlich doch eine gute Achtsamkeitsübungen ist, gegen Parkinson und Depressionen helfen soll, den Umgang mit der eigenen Vulnerabilitä́t lehrt und der Ich-Stärkung dient. Ob das jetzt alles auch bei Frauen so zutrifft, weiß ich natürlich nicht. Was die Frau beim Tango, dem stetigen Rückwärtsgehen und Geführtwerden, empfindet, entzieht sich meiner Kenntnis.

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  3. Frustriende Situation. Habe ich oft genug, nicht nur beim Tango, erlebt. Da hilft nur Durchhalten.
    Tango lernen hat sehr viele Gemeinsamkeiten mit dem Lernen eines Musikinstruments. Und in beiden Fällen geschieht das Lernen nicht linear, sondern in Stufen. Irgendwann hat man das Gefühl es geht nicht weiter, nichts klappt so, wie man will. Wer aufgibt, hat verloren. Wer durchhält, macht plötzlich einen großen Schritt und es gehen Dinge, von denen man vorher nur geträumt hat.
    Es gibt genug Theorien dazu, warum Lernprozesse (vor allem motorische) so laufen. Es ist einfach normal. Und es ist einer der Gründe, warum manche Menschen Dinge erreichen, die andere nicht erreichen.
    Also – Kopf hoch!

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  4. Don’t worry, be happy! Mehr entspannter Genuß und weniger Ehrgeiz, und vergleiche Dich nie mit professionellen Tänzern. Die Schritte sind „falsch“, er führt nicht präzise genug? Habt ihr mit Herz und Seele die Musik getanzt? Ja? Nur das ist wichtig!

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  5. Manchmal hilft es schon zu wissen, dass jeder diese Tango-Krisen hat. Und zu wissen, dass diese Krisen auch wieder überwunden werden. Irgendwie. Meist merkt man das sogar erst im Nachhinein. Vielleicht liegt es daran, dass man am Tiefpunkt der Krise die Erwartungen endlich wieder so weit hinunter geschraubt hat, dass sich der Blickwinkel verändert und man bzw. frau auch wieder überrascht werden kann. Also Kopf hoch.
    So gern ich Tango tanze: mein Leben darf er nicht bestimmen. Da kommt immer noch was vorher. Nämlich mein Leben.

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  6. Klingt nach: alles recht eingerostet… Vielleicht mal offen für ein paar neue Impulse sein und ausprobieren mit „Anfängergeist“ (z.B. andere Veranstaltungsformen, andere Formen der Körperarbeit, neue Tanzpartner, andere Rolle, …).
    Erlebe ich selbst immer als sehr belebend und inspirierend.
    Ansonsten gehören Krisenzeiten auch einfach dazu, wie schon von AB weiter oben beschrieben.

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  7. Seit ich nicht mehr so „scharf“ aufs Tanzen bin empfinde ich die Milongas als deutlich angenehmer, sind ja auch weder Tanzwettbewerbe noch Tangasmuslieferanten.
    Auch von mir ein Spruch: „Der Tango rettet Dich nicht!“

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  8. Leider – Gott sei Dank gibt es kein permanentes Hoch, weder im Leben noch beim Tango.
    Ich kenne einige Tänzerinnen, mit denen ich wunderbare, wirklich glücklich machende Tandas getanzt habe, und immer wieder tanze.
    Aber das geht eben nicht jedesmal.
    Kann sein, wir haben eine Tanda erwischt, bei der die Musik nicht wirklich so läuft, wie wir das am Anfang der Tanda gedacht haben.
    Kann sein, dass auf der Tanzfläche Tänzer sind, die einen dauernd blockieren oder einem permanent zu sehr auf die Pelle rücken.
    Kann sein, dass einer von uns mit den Gedanken woanders ist.
    In solchen Momenten merken wir beide, dass dies eben nicht eine der fantastischen, tollen Tandas ist, die wir schon zusammen erlebt haben, und ich gebe zu, dass der Vergleich mit diesen tollen Tandas dann auch ein wenig frustrierend ist.
    Aber damit müssen wir eben leben, und am Besten ist es, sich nicht allzu große Gedanken darüber zu machen.
    Die nächste tolle Tanda kommt bestimmt.
    Und wir sollten uns auch durch unseren Ehrgeiz keinen Strich durch die Rechnung machen lassen. Manche Dinge brauchen Zeit um sich zu entwickeln, und lassen sich nicht erzwingen.
    Die Zeit der scheinbar nicht so tollen Tänze ist dabei nicht vergeudet, sondern das Fundament auf dem wir aufbauen, um immer wieder besser zu werden.

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