Männer, wir müssen reden

Manchmal bin ich echt sauer. Sauer auf die Tangowelt und ganz besonders auf einige (die Betonung liegt auf einige, definitiv nicht alle!) männliche Tänzer und Tangolehrer.

Und zwar immer dann, wenn ich von Frauen Sätze höre, wie „Ich würde ja gern mit Tangolehrer X eine Privatstunde nehmen, aber ich möchte lieber nicht mit ihm allein in einem Raum sein.“ oder noch krasser „Gern hätte ich weiter Privatstunden bei Y gemacht, aber der kann seine Finger einfach nicht bei sich behalten.“  (ein Pro-Argument für geteilte Räume bei Privatstunden übrigens) oder auch – von einem Mann: „Ich war mit drei verschiedenen Tanzpartnerinnen bei Lehrer Z, denn ich hätte gern Unterricht bei ihm genommen. Leider hat er alle drei Tanzpartnerinnen dermaßen angegraben, dass keine der drei nochmal mit mir dorthin wollte.“
Zugegeben, es ist tricky. Ein bisschen Flirten gehört zum Tango dazu, Komplimente gegenüber Schülerinnen können die Kundenbindung stärken und Ausrichtungskorrekturen durch Berührungen sind durchaus hilfreich. Doch jede*r, der mit Körper und Bewegung arbeitet, weiß, wie sensibel diese „Hands on“ sind, noch mehr wenn sie von einem Mann an einer Frau gemacht werden. Ein und dieselbe Berührung kann als schmuddelig oder absolut clean wahrgenommen werden, abhängig von der Intention, mit der sie erfolgt, aber auch von der Wahrnehmung desjenigen oder meist derjenigen, die die Berührung erfährt. Es ist klar, dass „Bodyworker“, zu denen ich auch Tangolehrer zähle, ein anderes Verhältnis zum Körper und zu Berührungen des Körpers haben als Menschen, die vielleicht nur 1-2x pro Woche ein bisschen tanzen wollen. Und trotzdem erwarte ich von einem professionellen Tangolehrer, dass er sich darauf einstellen kann und vor allem, dass er es auch tut. Das bedeutet, dass er diese besondere Situation im Tangounterricht und insbesondere im Privatunterricht nicht einmal im Ansatz ausnutzt und auf unschöne Art und Weise an Grenzen geht oder diese gar überschreitet.

Der Tangounterricht ist das eine. Die Milongas sind das andere.

Nicht wenige Tangueras haben ihre Tangoschuhe für immer oder für eine ganze Weile an den Nagel gehängt, weil sie unangenehme Erfahrungen auf Milongas gemacht haben. Nicht immer, aber oft sind es erfahrenere Tänzer, die unerfahrenere Tänzerinnen zunächst in den siebten Himmel tanzen, und ihnen dann näherkommen als ihnen lieb ist. Berechnende Strategie und Absicht oder das spontane Wahrnehmen plötzlich entstandener Gelegenheiten – das möchte ich nicht beurteilen. Die Nähe im Tango kann überwältigend sein, gerade zu Beginn. 12 Minuten Herz an Herz, gemeinsam gehend, Schritt für Schritt, eine Umarmung, in die mann*frau sich hineinfallenlassen kann, Atmen im gleichen Atemrhythmus, ein Oxytocinrausch. Nicht wenige Frauen (und vermutlich auch Männer) sind während so einer Tanda ein bisschen verliebt in einen Tanzpartner, der sich als vollkommen Fremder doch wie ein Seelenverwandter anfühlt. Ein Moment, der Gelegenheiten eröffnen kann, wenn man es darauf anlegt. Da verrutscht der Arm des Führenden beim Ocho oder die Hand auf dem Rücken wandert gefährlich tief. Auch werden gewisse Figuren durchaus zu unlauteren Zwecken genutzt. Bei anderen Tanzpartnern geht es noch direkter zur Sache. Da wird frau schon nach wenigen Schritten mit einem Übermaß an sexueller Energie überschüttet, vor der sie sich kaum retten und die sie in manchem Fall auch ganz konkret körperlich spüren kann. Da verwandelt sich der Atem das Mannes schonmal in ein eindeutiges Stöhnen oder er flüstert ihr versteckte oder offensichtliche Anzüglichkeiten ins Ohr.
Spätestens wenn leichtes Unbehagen zu größerem wird, ist es Zeit, dem Tanzpartner eine klare Ansage zu machen oder die Tanda gänzlich abzubrechen, damit es gar nicht erst zu merkwürdigen Auswüchsen wie der an anderer Stelle hier auf dem Tangoblog beschriebenen Zunge im Ohr kommt. Denn eins ist klar, Ladies: „Wenn ich es vermeiden kann, werde ich kein Opfer.“ Oder einfach: „Meine Emotionale Achse geht vor.“

Ja, Tango spielt mit Nähe und Leidenschaft und wahrt doch die Distanz. Um sich im Tanz vollkommen hinzugeben, muss klar sein, dass das Spiel einen definierten Rahmen und ein festgelegtes Ende hat. Wahrscheinlich ist Tango – und vor allem die Milonga – deshalb so streng ritualisiert. Die Cortina erklingt und alle (unausgesprochenen) Versprechen sind gelöst, keine Verpflichtungen bleiben bestehen. Erst diese Sicherheit macht wirklich frei zu umarmen, als sei er der einzige Mann auf der Welt und sie die einzige Frau.

Versteht mich nicht falsch. Natürlich kann man sich beim Tango kennenlernen und sich unsterblich ineinander verlieben. Natürlich kann man sich auch beim Tango treffen und sich in beidseitigem Einverständnis entscheiden, die Nacht miteinander zu verbringen. Und selbstverständlich kann man beim Tango auch wunderbar flirten. Verwerflich wird es, wenn z.B. Erfahrung oder Status bewusst benutzt werden, wenn – auch implizit – Druck aufgebaut wird (à la „wenn du das nicht mitmachst, tanze ich nicht mehr mit dir“) oder wenn ein Partner ausschließlich daran interessiert ist, seine eigenen Bedürfnisse, z.B. an Berührung, Nähe oder Intimität zu befriedigen, die zudem nur am Rande mit Tanzen zu tun haben. Dann beginnt die Schieflage und dann ist es höchste Zeit gegenzusteuern.

Deshalb: Männer benehmt Euch und Frauen wehrt Euch –  damit alle Beteiligten noch möglichst lange Freude am Tango haben.

PS: Ob Männer ähnliche Erfahrungen machen und wie sich diese auf sie auswirken, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe aber gehört, dass es solche Phänomene durchaus auch umgekehrt gibt. Doch darüber müssten Männer berichten.

11 Kommentare zu „Männer, wir müssen reden

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    1. Liebe Wendy, zum Thema solidarische Milongueras: Es gibt eine neue Gruppe in Berlin: https://m.facebook.com/feministtangofriendship/. …Eine feministische Gruppe tangotanzender Menschen in Berlin, die sich mit verschiedenen Ebenen von Sexismus im Tango auseinandersetzt und die Alternativen entwickelt. Und die Unterstützung und Information, z.B. in Form von Workshops (z.B. Grenzen setzen) und Ansprechbarkeit nach Übergriffen auf Milongas, anbieten.

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  1. Gut – reden wir darüber, Frauen.
    Ich registriere durchaus „Kuschel-Onkelz“ auf manchen Milongas, keine Frage.
    Und auf der anderen Seite gibt es ein großes unterschwelliges Harmonie-Bedürfnis.
    Keine gute Ausgangslage um die oben geschilderten Erlebnisse zu vermeiden!

    Also ich habe noch nie eine wegschauende Dame gefragt, warum sie nicht mit mir tanzen möchte. Wozu sollte das noch gut sein – ein entspanntes Tanzen, frei von störenden Gedanken, im Körper, wäre so oder so nicht möglich. Und genau das ist ja mein Ziel beim Tango.
    Ich habe umgekehrt keinen Strauß an Tanzweisen im Angebot – ich tanze immer genau so, wie ich auch mit meiner Lebenspartnerin tanze. Wenn der Verdacht aufkommt, dass die Tanda für eine fremde Dame nicht angenehm war, dann tanzen wir halt nicht wieder – nein heißt nein. Da hilft dann auch keine feministisch-solidarische Diskussionsrunde – wozu sollte das noch gut sein?

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    1. letztens erst hinter einen solchen getanzt, seine Tanzpartnerin dieser Tanda war richtig verzweifelt. Ich glaube solche Typen kann man schon an stark begrenzten Tanzfähigkeiten erkennen, mehr als ein, zwei immer wiederkehrende Bewegungsformen, auch nach Jahren, kommen da nicht. Der Begriff Umarmungsorientierung wird da ausgenutzt.

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  2. @wirdschonwerden
    Ich habe das Gefühl, Du kannst Dir so gar nicht vorstellen was gemeint ist. Zumindest trifft Dein Kommentar nicht den Kern der Sache. Kann ja damit zusammen hängen, dass Du schlicht nicht zu der Männer-Fraktion gehörst, das für Dich vielleicht so nie Thema war. Das ist doch gut so!

    Mal ein konkretes Beispiel, selbst erfahren: Ein schmissiger, rhythmischer Tango erklingt. Mein Tanzpartner bewegt sich nicht, verharrt in der Umarmung. Ich tipple schon mit den Füßen, ich will tanzen. Nichts passiert. Eine halbe Minute vergeht. Ich sage: „tanzen wir jetzt oder nicht?“ Er sagt: „Kannst Du denn nicht verstehen, dass ich Dich einfach nur im Arm halten möchte?“
    Nein kann ich nicht. Ich will nämlich Tango tanzen. Im Arm gehalten möchte ich von jemand anderem werden. Zuhause.

    In der Tat, wenn man sich umhört, machen viele Frauen solche Erfahrungen. In den kleinen Szenen, wo sich die meisten untereinander kennen, kommt es sicher seltener vor. Oder anders. Dann werden halt die „neuen“ angebaggert. Bis die es wieder schnallen vergehen zum Teil Monate.

    Die Grenze ist eben fließend. Manchmal zu fließend. Wann ist es noch gut, wann ist sie überschritten. Womit kann ich noch kokettieren, wann fühle ich mich unwohl. Es hilft tatsächlich kein Gejammer, kein hinter-dem-Rücken-über-denjenigen-herziehen. Klare Ansagen oder Aktionen. Basta.

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    1. Hi Tekla – doch, doch, einmal in drei Jahren habe ich es mitbekommen, dass ein „Edeltänzer“ während einer Tanda „zum Hengst“ wurde und seine (bzw. meine) Partnerin das auch direkt spüren ließ. Über Handlungsalternativen in so einer belastenden Situation haben wir erst später diskutiert, aber beim nächsten Mal hat er sich nicht getraut sie aufzufordern und danach haben wir ihn nicht mehr gesehen.
      Wie hast Du denn die Situation in Deinem Beispiel behandelt?
      Mit „Klare Ansagen oder Aktionen. Basta.“?
      Und wie ging es dann weiter?

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      1. @wirdschonwerden
        Ich habe in dieser Situation tatsächlich zuerst mit der klaren Ansage: „ich für meinen Teil möchte aber tanzen“ reagiert und nach diesem Tango (also nicht Tanda!) die Tanzfläche verlassen. (die verbliebenen zweieinhalb Minuten hätte ich mir aber auch sparen können). Ich hatte Monate vorher schon immer wieder mit diesem Partner getanzt und wohl die schleichende Entwicklung nicht mitbekommen bzw. hatte er sich wohl vorgenommen, an diesem Abend in die Offensive zu gehen.
        Blöd ist das vor allem, wenn man sich auf den Milongas immer wieder über den Weg läuft. Mittlerweile habe ich erfahren und beobachte, dass er diese „Masche“ immer wieder fährt, vorzugsweise bei den eher unerfahreneren Tänzerinnen…

        In meiner Tango-Szene hält sich der Anteil dieser Belästigungen nach meinem Empfinden in verschwindend geringen Grenzen, gemessen an der Häufigkeit von Milongabesuchen und dort verbrachter Zeit. Und wenn, dann sind sie tatsächlich mit einer klaren Ansage erledigt. Ich hab auch schon mal zu einem gesagt, wenn er seine Hand nicht sofort in normale Haltung bringt, dann lasse ich ihn vor allen Leuten stehen. Wirkte sofort.

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      2. @Thekla
        Sehr gut gelöst die beschriebene Situation!
        Sehe ich genauso: klare Ansagen, alles andere bringt in solchen Situationen nichts.

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  3. Hmmm … ein schöner Artikel in einem virtuellen Minenfeld. Und ja, es gibt diese Typen. Darf ich einen alten Artikel zum Thema von mir verlinken? 2010 habe ich über Kasimir, den Casanova geschrieben.
    Ich denke, es ist kein tango-spezifisches Problem. Solche Männer gibt es leider überall zu beobachten. Im Tango-Kontext fallen sie halt stärker auf, weil unsere Wahrnehmung viel sensibler ist.
    Und bevor nun irgendjemand sich beschwert und nach den Frauen fragt: Natürlich gibt es auch übergriffiges Verhalten von Frauen – aber viel, viel seltener und nach meinen Beobachtungen sind sie viel subtiler. Da wandert schon man die Hand in den Nacken des Führenden usw.
    Es ist das alte Thema von „Distanz und Nähe im Tango“ … das wird uns auch weiterhin begleiten…

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    1. Der verlinkte Artikel trifft m.E. nicht das Thema, um das es hier geht: Es geht eben gerade nicht um Casanova und Verführung von Frauen, sondern vielmehr um die Ausnutzung eines Vertrauensverhältnisses, sei es Lehrer-Schüler im Rahmen einer Einzelstunde, sei es Führend-Folgend im Rahmen einer Tanda auf einer Milonga.

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  4. Nun, vermutlich könnte man diesen Thread noch etwas verlängern durch viele kontroverse Beiträge, aber da sich die Autorinnen gemäss dem letzten Blogeintrag der Effizienz verschrieben haben sollen, möchte ich mir die Freiheit nehmen, den folgenden Thread aus einem anderen Forum einzubringen, wobei ich aus Effizienzgründen bitte, generell das Wort „Salsa“ durch „Tango“ zu ersetzen und auf das Datum der Beiträge 14 Jahre zu addieren:
    http://www.salsa4all.com/salsaforum/index.php/Thread/1226-Sexuelle-Bel%C3%A4stigung-beim-Tanzen/
    Effiziente Grüsse aus dem 1.Bezirk
    Wiener Milonguero

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