Berlin Tango Talks – Michaela Böttinger: Teil 3 – Tangotanzen

Herzlich Willkommen zum dritten und letzten Teil unseres Interviews mit Michaela Böttinger, dieses Mal zum Thema „Tangotanzen“.

BTV: Wo genau kommst du her?

MB: Ich bin in München geboren und in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Dann habe ich eine Zeitlang in Berlin gelebt. In Passau habe ich studiert und bin im Studium nach Buenos Aires gegangen. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon Tango getanzt. An der Uni gab es ein Doppeldiplom-Programm mit Buenos Aires. Da dachte ich: „Oh, das ist ja ganz toll… Dann kann ich gleich legitimieren, dass ich in Argentinien bleibe und weiter Tango tanze“. Im Endeffekt war ich dann tatsächlich jede Nacht unterwegs. Ich bin da total in dieses Fieber geraten. Das Gute war, dass ich danach nur noch die Diplomarbeit schreiben und die letzten Prüfungen in Deutschland machen musste. Das heißt, ich bin zurück, hab das ganz schnell fertig gemacht und bin gleich wieder nach Buenos Aires.

„Ein Stück Kultur, ein bisschen Geschichte und viel Gegenwart…“

BTV: Was hast du studiert?

MB: Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien… Deswegen interessiert mich auch immer der kulturelle Aspekt im Tango…. Das gehört auch zu unserem Konzept. Tango ist für uns viel mehr als nur Schritte… Wir nennen es „Experience Tango!“. Du erlebst den Tango auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Sinnen, nicht nur durch die Mechanik der Bewegungen, sondern durch das Verständnis der Musik, das Zeremoniell der Milonga, wie sich die Menschen in Buenos Aires auf der Straße bewegen…ein Stück Kultur, ein bisschen Geschichte und viel Gegenwart…

BTV: Man hat manchmal das Gefühl, das große Ganze geht oft vor lauter Schritten, Technik verloren… Das bekommen wir auf unserem Blog aus Kommentaren und Leserbriefen mit. Manche Männer haben das Gefühl, sie müssen der Frau viel Technik bieten.

MB: Ja, das mit der Technik ist eine Ebene. Das ist wie Grammatik oder Vokabeln pauken. Ohne Grammatik, ohne Vokabeln kann ich mich nicht ausdrücken. Keiner versteht mich. Und je mehr ich an der Technik arbeite, desto mehr Ausdrucksmöglichkeiten habe ich auch. Die Technik ist das Mittel. Aber das ist eben nur ein Aspekt, vielleicht auch der Einfachste: Ich weiß ganz genau, woran ich arbeiten kann. Wenn ich dem Ganzen aber keine Atmung gebe, wenn ich den Text runter rattere, ihm keine Poesie gebe, dann fehlt etwas.
Gerade die Deutschen sind ja so perfektionistisch. Es muss alles gut oder sogar perfekt sein. Die Argentinier sind dagegen nicht perfekt. Aber: Dadurch, dass sie so stolz sind, lassen sie es sich eben nie anmerken, wenn irgendetwas nicht so klappt. Das Unperfekte ist dann „gewollt“, ein neuer Schritt entstanden. Ein Deutscher würde vielleicht abbrechen und sagen: „Ach ne, das war jetzt nicht richtig“. Es gibt einfach nicht richtig und falsch. Gerade dadurch, dass Tango Improvisation ist.

„Der Perfektionismus nimmt einem die Freude.“

BTV: Du bist geborene Deutsche. Würdest du sagen, dass du auch mit perfektionistischem Anspruch in Argentinien gelandet bist?

MB: Ja, aber ich habe da wahnsinnig viel dazu gelernt… Ich bin immer noch sehr perfektionistisch, habe aber auch gelernt zu entspannen. Um den Genuss auch zu finden. Das Gefühl. Gerade der Perfektionismus nimmt einem die Freude… Es ist wie das Leben. Das Leben kann auch nicht perfekt sein. Wenn du es aber nicht genießt, dann ist es vorbei. Genauso ist es im Tango. Wenn du nur darauf fokussiert bist, es perfekt zu machen, dann endet der Tango und du hast ihn nicht er-lebt. Und ich glaube, mein Perfektionismus hat mich in der Anfangszeit teilweise auch ein bisschen gehemmt. Man verbeißt sich dann in Kleinigkeiten… Ja, es ist wichtig zu trainieren, und die Wiederholung vor dem Spiegel… Aber man sollte sich nicht zu sehr selbst kasteien, sondern das Ganze mit Freude machen.

BTV: Auf deiner Homepage steht: Ein Jahr ohne Pause durchgetanzt. Das wirkt schon sehr ehrgeizig.

MB: Naja. Ich war schon immer so. Ich habe ein 1,0 Abi gehabt und so ging es weiter. Jetzt erst, in den letzten Jahren, habe ich gemerkt, dass der Perfektionismus dem Ganzen den Inhalt nimmt. Das Erlebnis. Gerade weil der Tango doch etwas Menschliches ist. Und der Mensch ist eben nicht perfekt.

Trotzdem: Disziplin ist wichtig, gerade wenn man Tango professionell macht. In den Shows ist es noch einmal etwas ganz anderes als auf der Milonga. Da ist es wirklich so: Mund zu und nachmachen. Und der Fuß muss genau dahin, wo es mir gezeigt wurde. Und das wird auch nicht noch mal wiederholt, das muss sofort sitzen. Es ist schon echt hart. Aber es hat dann auch wieder eine andere Magie.

BTV: Kannst du es auch genießen, auf einer Milonga mit einem Nichtprofi zu tanzen?

MB: Ja! Jetzt wieder! Es war mal eine Zeitlang so, dass ich nur mit den Besten tanzen wollte, um auch die meisten Gefühle zu spüren. Aber mittlerweile ist es anders. Es gibt schon ein paar Dinge, die mich stören, zum Beispiel wenn mich jemand sehr fest einsperrt, ich nicht atmen oder mich nicht bewegen kann. Aber wenn er mich schön umarmt, ich mich wohl fühle und mich selbst einbringen kann: Dann habe ich kein Problem damit, sondern es ist sogar echt schön.

„Die Zeit, die du auf der Bühne tanzen kannst, ist so kurz…“

BTV: Du hast vorhin gesagt, dass du nach dem Studium relativ schnell wieder nach Argentinien gegangen bist. Um dort professionell zu arbeiten?

MB: Ich wollte dahin, um den Tango auszuleben. Meine Eltern waren total dagegen. Ich habe das trotzdem gemacht und gesagt: „Ich gehe für ein Jahr“. Ich kam an, da kannte ich Cristian schon, wir hatten uns in meinem Studienjahr kennengelernt. Er hatte schon eine Wohnung gemietet. Darin waren: Eine Matratze, zwei Teller, eine Pfanne, ein Kühlschrank… also wirklich das Nötigste. Aber wir hatten zumindest eine Wohnung zusammen! Dann ging dieses Jahr zu Ende und da fragte ich mich: „Wenn ich nun zurückfliege, was mache ich dann eigentlich? Ich bin nun besser im Tango, aber wie geht es nun weiter?“. Und dann habe ich mich entschieden, Tango richtig zu machen. Ich habe gespürt: Das ist mein Leben und das will ich wählen. Und dann bin ich dageblieben. Es war einfacher, weil ich Cristian hatte, der mich wahnsinnig unterstützt hat. Meine Familie hat meinen Weg dagegen total abgelehnt. Zwei Jahre hatte ich gar keinen Kontakt. Das war wirklich hart. Cristian hat mich immer motiviert und inspiriert… Es ist sehr wichtig, jemanden zu haben, der an einen glaubt. Gerade, wenn die negativen Gedanken kommen… Es ist ohnehin schon schwierig einen künstlerischen Weg zu gehen, egal ob es Musik oder Tanz ist. Aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Schade nur, dass ich es nicht schon früher gemacht habe. Die Zeit, die du auf der Bühne tanzen kannst, ist so kurz…

„Wenn du nicht Argentinierin bist, musst du besser sein als die Argentinier, um anerkannt zu werden.“

BTV: War es schwierig als Deutsche in der Tangowelt in Argentinien anerkannt zu werden?

MB: Ja, schon. Das erste Jahr war noch einfach. Es gibt ja immer wieder Leute, die für ein Jahr bleiben und viel auf den Milongas sind. Daher haben die Argentinier mich gar nicht als Konkurrenz oder eine von ihnen wahrgenommen. Und dann, als ich wirklich da blieb… Es ist so: Wenn du nicht Argentinierin bist, musst du eigentlich besser sein als die Argentinier, um anerkannt zu werden. Du musst dich mehr anstrengen.

Als Cristian und ich angefangen haben zusammen zu tanzen, war das für alle ein ziemlicher Schock. Cristian war schon in internationalen Kompanien unterwegs, hatte tolle Partnerinnen. Und plötzlich tanzt er mit einer, die weder Bühnenerfahrung hat noch Argentinierin ist. Ein Niemand in der Szene! Das war wirklich schwer. Als wir angefangen haben, in der ersten Show zusammen zu tanzen… hinter den Kulissen, da musst du schon echt taff sein. Die haben alle Charakter, und wenn du dich da nicht positionierst, dann bist du halt weg. Es hat eine Weile gedauert, um in der Tangoszene wirklich akzeptiert zu werden.

„Als ich mit Escenario anfing, habe ich so richtig Blut geleckt.“

BTV: Du tanzt Salon und Escenario. War für dich von Anfang an klar, dass du beides machen möchtest? Hast du eine Vorliebe?

MB: Mit Cristian fing ich an Choreographien zu tanzen. Ich kam eigentlich von der Improvisation. Das war ja auch das, was ich wollte. Als ich aber mit Escenario anfing, habe ich so richtig Blut geleckt. Du hast dabei noch mal ein ganz anderes Gefühl. Du drückst mehr aus mit deinem Körper. Das hat mich so daran fasziniert. Dann habe ich eine Weile die Improvisation links liegen lassen …

Das eine existiert jedoch nicht ohne das andere: Du kannst keine Choreografie machen, ohne die Improvisationsbasis zu haben. Sonst sind es wieder nur leere Bewegungen. Das Ganze muss genauso geführt werden, genauso lebendig sein wie die Improvisation. Das ist auch die Herausforderung: Es muss jedes Mal so sein als wäre es das erste Mal. Zum Beispiel in der Show, in der du jeden Abend die selben Choreografien tanzt, ist es wirklich schwierig, das aufrecht zu erhalten. Du musst dich jedes Mal wieder neu drauf einlassen.

BTV: Was ist, wenn du eine Show vor dir hast, aber du bist nicht gut drauf oder hast dich gerade mit Cristian gestritten. Hast du Tricks, wie du trotzdem im Moment funktionierst?

MB: Ja, klar. Die funktionieren manchmal, manchmal nicht so. Klar sind wir nicht immer in tollster Harmonie. Das ist eben so, wenn du mit deinem Partner tanzt. Wir machen alles zusammen: Wir stehen auf, frühstücken zusammen, wir unterrichten zusammen, wir trainieren zusammen, wir treten zusammen auf. Und manchmal passiert es einfach, dass man sich in die Haare kriegt und sich nicht ausweichen kann. Dann erst mal durchatmen, versuchen, sich selbst zu finden. Das ist ganz wichtig. Was wir aber nie machen: Die Wut am anderen auf der Bühne ablassen. Wir versuchen dann in die Geschichte einzutauchen, die wir erzählen.

BTV: Bei der Diva ist zum Beispiel auch sehr viel Schauspiel enthalten. Hast du mal Schauspielunterricht genommen? Hast du trainiert in Rollen zu schlüpfen?

MB: Nicht wirklich. Ich habe einmal, weil ich unbedingt Geschichten tanzen wollte, ein Seminar gemacht. Das Sprechen fiel mir extrem schwer, Tanzen war so viel einfacher… die Lehrerin meinte immer: „Du versteckst dich hinter deinem Lachen“. Ach, das war ganz furchtbar. Aber gleichzeitig habe ich ziemlich viel gelernt. Immer wenn man eine Krise hat und sie überwindet: Das ist der Moment, in dem man weiterkommt.

Für „Faust“ haben wir auch ein Coaching mit einem Schauspieler gemacht… Der ließ uns gegen die Wand schreien und die Emotionen total rauslassen…Das hat mir ganz viel gebracht, um Hemmschwellen zu überwinden. Mit ihm haben wir über einen längeren Zeitraum hinweg gearbeitet. Aber klar: Ich hätte gerne eine richtige Schauspielausbildung, aber leider kann man nicht alles machen.

„Erst in den Technikkursen habe ich verstanden, was ich machen muss, woran ich arbeiten kann.“

BTV: Und nun kurz vor Schluss würden wir dich gerne noch um deine Einschätzung bitten: Viele Folgende beschweren sich, dass sie von Gruppenkursen nicht so viel profitieren. Wie können Folgende besonders gut Tango lernen? Wie bekommen sie den nötigen Input?

MB: Ich bin auch kein Fan von Gruppenkursen. Der Mann muss erst mal lernen, wie die Schrittabfolge ist, wie er sie führt und dann kommt erst die Frau dran. Die Frau wartet währenddessen und dann fangen auch die Streitereien an… Ja, ich finde, bei Gruppenkursen lernen die Frauen oft relativ wenig. Technikkurse finde ich daher total wichtig. Das habe ich auch erst spät für mich entdeckt. Ich bin auch immer zu den Gruppenkursen gegangen und habe dann aber irgendwann gemerkt: Ich tanze immer noch gleich. Erst in den Technikkursen habe ich verstanden, was ich machen muss, woran ich arbeiten kann. Deshalb beginnen wir auch bei unseren Workshops immer mit einem Technikteil.

BTV: Hast du abschließend Tipps, die du Tangueras mitgeben möchtest?

MB: Ja, eigentlich wieder das, was wir am Anfang gesagt haben: Die eigene Persönlichkeit mehr in den Tango mit reinbringen, mehr Präsenz, mehr Ausdruck und mehr Gefühl. Das ist für mich das Wichtigste.

BTV: Liebe Michaela, vielen Dank für das inspirierende Interview! Alles Gute für Dich!

Mehr unter:
Michaela Böttinger und Cristian Miño – Experience Tango

Michaela Böttinger ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren in Buenos Aires, wo sie mit ihrem Partner Cristian Miño als Tangotänzerin und -lehrerin aktiv ist. Sie hat in großen traditionellen Tangoshows als Tänzerin mitgewirkt und ebenso gemeinsam mit ihrem Partner eigene Tangoshows organisiert. Wir hatten die Gelegenheit, sie bei ihrem Berlinbesuch im Sommer 2018 für ein ausführliches Interview zu treffen.

Zum ersten Teil des Interviews „Tangokultur“ und zum zweiten Teil „Tangogeschichten„.


Für unsere Reihe Berlin Tango Talks unterhalten wir uns mit Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zum Tango haben und darüber berichten.

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