Berlin Tango Talks – Michaela Böttinger: Teil 2 – Tangogeschichten

Willkommen zum zweiten Teil unseres Interviews mit Michaela Böttinger. Darin geht es um Tangogeschichten und -choreographien.

BTV: Wie kam es zu der Geschichte von der Diva und dem Mechaniker?

MB: Cristian und ich lieben es, Geschichten zu erzählen. Bei der Improvisation stellen wir uns – je nachdem, was der Tango erzählt, also über die Texte oder die Musik – eine Geschichte vor. Auch bei den Choreographien: Wir haben zum Beispiel eine Choreographie über ein Liebespaar kreiert, das in der Diktatur verfolgt wird und fliehen muss. Es geht um die letzten Momente, bevor sie von der Miliz gefunden werden. Also ganz konträr zu der komischen Choreographie mit dem Mechaniker und der Diva.

„Für uns war es eine Herausforderung zu sehen, inwieweit man den Tango auch einfach nur als Sprache verwenden kann.“

Letztes Jahr haben wir dann „Faust“ als Tangostück aufgeführt, das geht über eineinhalb Stunden. Die Idee war, den Tango als Sprache zu benutzen, um eine Geschichte zu erzählen. So wie z.B. Ballett oder Contemporary Dance. Beim Tango gibt es bisher eigentlich nur die Milonga, also den sozialen Teil, oder die traditionellen Tangoshows, die eigentlich über den Tango selbst erzählen: Das Bordell, wie der Tango entstanden ist. Oder diese typische leidenschaftliche Mann-und-Frau-Geschichte, aber darüber hinaus gibt es sehr wenig Inhalte. Für uns war es eine Herausforderung zu sehen, inwieweit man den Tango auch einfach nur als Sprache verwenden kann. So kam „Faust“ zustande.

Und das mit der Diva, ja. Der Tango hat ja normalerweise eine relativ dunkle Seite: Das Verlangen, die Sehnsucht, das Gefühl, es fehlt irgendwas, was man versucht, mit dem anderen zu komplementieren. Wir dachten uns aber: Eigentlich hat Tango auch eine andere Seite, die nicht so oft genutzt wird. Das ist eben diese komische Seite. Ich insbesondere hatte große Lust, diese Seite einfach einmal auszuprobieren. Cristian war erst dagegen und meinte: „Ach ne, ich bin überhaupt nicht komisch“. Also meinte ich zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, wir probieren es eine Woche, wenn es überhaupt nicht geht, dann lassen wir es einfach“. Dann ging das wirklich ganz schnell. Wir hatten eine Idee, den Anfang: ein Missverständnis: Er will ihr mit den Taschen helfen, aber sie denkt, sie wird überfallen und fängt an, ihm die Taschen um die Ohren zu schlagen… damit war schon das Eis gebrochen, der Rest ging dann ganz einfach…und dann hatte auch Cristian plötzlich keine Hemmungen mehr.

BTV: Zu dem Zeitpunkt habt ihr schon lange zusammen gearbeitet?

MB: Jaja, die Choreografie haben wir letztes Jahr gemacht….Aber wir tanzen schon seit acht Jahren zusammen… Cristian hat schon, als ich nach Buenos Aires gezogen bin, in internationalen Shows getanzt. Ich fing erst an auf die Milongas zu gehen und zu improvisieren. Ich wollte eigentlich nie Showtanzen. Irgendwann hatte ich dann einen Tanzpartner, der mir eine Tournee angeboten hat. Und da meinte Cristian: „Vielleicht wäre es ganz gut zusammen zu tanzen, dann können wir zusammen reisen.“ Was auch stimmt. Er war ganz viel unterwegs und wenn ich angefangen hätte, auch zu reisen…

„Wir haben uns da richtig festgebissen, weil wir wollten, dass es funktioniert.“

BTV: Ihr ward also schon liiert, aber ihr habt noch nicht professionell zusammen getanzt?

MB: Genau. Es stand eigentlich nie zur Debatte, da wir ganz andere Richtungen im Tango gesucht haben. Aber lange getrennt sein: Das war dann der Auslöser. Am Anfang war es ganz, ganz schwierig für mich, da ich überhaupt keine Showerfahrung hatte. Und es ist schon anders. Ich habe zwar früher Ballett getanzt. Das hat mir anfangs auch geholfen, dann aber irgendwann nicht mehr, weil es das komplette Gegenteil ist: Ballett geht nach oben, Tango geht eher nach unten…und nach oben…Naja, wir haben uns da aber richtig festgebissen, weil wir wollten, dass es funktioniert…irgendwann hat es dann auch funktioniert.
Hinzukommt, dass wir sehr viele kreative Ideen haben, die wir zusammen umsetzen können, so wie z.B. „Faust“. Oder davor ein Stück namens „Sehnsucht“. Zwei zusammengesetzte Wörter: Sehnen und Sucht. Etwas, was dir wirklich fehlt. Wie im Tango: Die Sucht nach diesem magischen Moment. In dem Stück ging es um zwei Paare, die sich trennen, weil es nicht funktioniert, und dann aber den jeweiligen komplementären Partner finden. Als nächstes wollen wir dann „Orpheus in der Unterwelt“ machen.

„Das ist auch ein bisschen untypisch an uns, dass wir so breite Interessen haben.“

BTV: Also lest ihr auch viel, um euch inspirieren zu lassen?

MB: Ja, wir lesen viel. Ich spiele Klavier. Wir gehen gerne in die Oper, ins Theater… fotografieren…Ich glaube, das ist auch ein bisschen untypisch an uns, dass wir so breite Interessen haben. Die meisten Tangotänzer sind sehr fokussiert auf Tango, Tango, Tango. Milonga, Milonga, Milonga. Wir suchen auch außerhalb des Ambientes, also zum Beispiel arbeiten wir manchmal mit Schauspielern oder Musikern zusammen. Das bereichert uns sehr und hilft zu sehen, welche anderen Möglichkeiten es gibt, sich im Tango auszudrücken. Ich glaube, dass erst ein Bruchteil ausprobiert wurde. Es gibt noch so viel.

BTV: Gibt es Geschichten, die zu komplex sind, um sie im Tango auszudrücken?

MB: Bisher (MB klopft auf Holz) sind wir noch nicht an unsere Grenzen gestoßen. Aber ich denke, Tanz ist sehr abstrakt. Ein Limit gibt es daher auf jeden Fall. Es ist dann auch sehr viel der Fantasie überlassen… Wie bei Poesie. Aber dadurch, dass es beim Tango immer zwei sind, wird es doch noch ein bisschen konkreter als beim modernen Tanz…Im Tango steckt schon allein durch die Umarmung sehr viel Bedeutung drin.
In „Faust“ zum Beispiel tanzen Faust und Gretchen Tango miteinander, weil sie sterblich, weil sie Menschen sind. Tango ist etwas sehr Menschliches. Mephisto dagegen tanzt eine Mischung aus Tango, Folklore und Contemporary, weil er ein Fabelwesen ist. Wenn er dann mit Faust und Gretchen interagiert, dann zwar in der Sprache des Tangos. Aber er verändert sich, er ist dann nicht ganz so traditionell. Das war unsere Idee, das so auszudrücken. Aber es gibt so viele Ideen, wie es Menschen gibt. Man muss natürlich auch die Geschichten wählen, die einen ansprechen und unter denen man sich etwas vorstellen kann.

BTV: Eure Geschichten wie „Faust“ erzählt ihr gezielt für das argentinische Publikum oder tretet ihr international auf?

MB: Nein, „Faust“ ist überhaupt nicht auf das Publikum in Argentinien abgestimmt. Wir haben es aber zunächst in Buenos Aires aufgeführt. Letztes Jahr im Rahmen der Weltmeisterschaft, beim angeschlossenen Festival. Die Idee ist, das Stück auch in Deutschland aufzuführen. „Faust“ und Deutschland, das muss einfach sein! Mal sehen, ob es klappt…

 

Mehr über die Frau, die hinter diesen Geschichten steckt, erfahrt ihr im dritten Teil des Interviews. Dieser erscheint am 7. November.

Zum ersten Teil des Interviews „Tangokultur“.

Mehr unter:
Michaela Böttinger und Cristian Miño – Experience Tango

Michaela Böttinger ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren in Buenos Aires, wo sie mit ihrem Partner Cristian Miño als Tangotänzerin und -lehrerin aktiv ist. Sie hat in großen traditionellen Tangoshows als Tänzerin mitgewirkt und ebenso gemeinsam mit ihrem Partner eigene Tangoshows organisiert. Wir hatten die Gelegenheit, sie bei ihrem Berlinbesuch im Sommer 2018 für ein ausführliches Interview für unseren Tangoblog zu treffen.

 


Für unsere Reihe Berlin Tango Talks unterhalten wir uns mit Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zum Tango haben und darüber berichten.

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