Privatstunde?!

Einen stolzen Preis zahle ich für diese Stunde, damit ich einen Lehrer ganz für mich alleine habe. 60 Minuten höchste Konzentration. 60 Minuten individuelles Feedback. 60 Minuten nur an meinen Themen arbeiten. 60 Minuten absoluter Fokus. Privatstunde nennt man das, der schnellste Weg, um im Tango Fortschritte zu machen, sagt man. Nur: Privat fühlt sich das hier ganz und gar nicht an.

Klar habe ich meinen Lehrer ganz für mich, so gesehen darf ich nicht meckern. Doch im Raum tummeln sich noch drei andere Lehrer*in-Schüler*in-Paare. Alle „ganz privat“ natürlich. Die Lehrer*innen haben den Raum aufgeteilt. Ein Paar übt Gehen und hat eine schmale Linie direkt vor dem Spiegel nur für sich. Die anderen wollen im Paar tanzen und haben dafür eine Ecke auf der anderen Seite des Raumes. Das dritte Pärchen arbeitet an Ochos und Voleos und kreist dafür um eine Säule. Wir sind im hinteren Bereich des Raumes untergekommen. Soweit so gut. Während wir tanzen, höre ich die Korrekturen von der Säule: „Erst ankommen, dann drehen und lass‘ die Hüfte unten.“ Stopp, das galt nicht mir, muss ich mir innerlich sagen und konzentriere mich wieder auf meinen Lehrer. Fokus, Fokus, Fokus – den braucht man hier wirklich, nur leider ganz anders als gedacht.

Nach einer Weile erobern wir uns einen Platz vor dem Spiegel, arbeiten an einigen ästhetischen Details. Dafür vertreiben wir das Paar, das dort Gehen geübt hat. In feinster Technik schreiten sie gemeinsam in eine andere Raumecke. Ich fühle mich etwas verwirrt, zu viele Anweisungen, zu viele Korrekturen, zu viele Stimmen, zu viel Bewegung im Raum und nur ein Viertel davon gilt mir. So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt mit meiner Privatstunde. Ich frage mich, ob es meinem Lehrer genauso geht. Oder ist er daran gewöhnt, sodass ihm das gar nichts mehr ausmacht? Zu allem Überfluss zahle ich dafür auch noch Raummiete und zwar nicht zu knapp, genauso wie die drei anderen Schüler*innen hier vermutlich auch.

Achso, da war doch noch was, hätte ich ja fast vergessen. Zum Tango gehört schließlich auch Musik. Es erklingen also Tangos, die für alles irgendwie funktionieren. Nicht zu schnell, nicht zu langsam, der Beat gut hörbar, die Stimmung weder zu dramatisch, noch zu fröhlich. Der kleinste gemeinsame Nenner sozusagen. Ich frage mich, wie es wohl gelöst würde, wenn eine*r von uns Schüler*innen seine*ihre Privatstunde dem Thema Milonga widmen wollte und ein*e andere dem Thema Vals? Dann müssten wir wohl oder übel für eine Weile Milonga auf Vals üben und Vals auf Milonga, aber macht ja nichts, ist doch alles ganz privat, sieht ja keiner.

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