Berlin Tango Talks – Michaela Böttinger: Teil 1 – Tangokultur

Michaela Böttinger ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren in Buenos Aires, wo sie mit ihrem Partner Cristian Miño als Tangotänzerin und -lehrerin aktiv ist. Sie hat in großen traditionellen Tangoshows als Tänzerin mitgewirkt und ebenso gemeinsam mit ihrem Partner eigene Tangoshows organisiert. Wir hatten die Gelegenheit, sie bei ihrem Berlinbesuch im Sommer 2018 für ein ausführliches Interview für unseren Tangoblog zu treffen.

BerlinTangoVibes (BTV): Liebe Michaela, herzlich willkommen!

Michaela Böttinger (MB): Danke. Ich finde die Idee mit eurem Blog ganz toll, das ist wirklich ein spannendes Thema: Die weibliche Rolle, die weibliche Sicht im Tango. Die ist gerade kulturell sehr unterschiedlich. Ich habe ja auch hier in Deutschland angefangen. Als ich dann nach Argentinien kam, habe ich gemerkt, dass ich mit dem Tango nochmal ganz von vorne anfangen musste. Ich dachte ja, ich sei schon eine gute Tänzerin. Aber es lag vor allen Dingen an diesem kulturellen Verständnis, dass mein Tango einfach so ein bisschen leer war. Ich versuche das auch im Unterricht rüberzubringen, dass es ganz viel damit zu tun hat, wie die Frauen sich dort bewegen, wie sie sich als Frau verstehen. Hier sind die unterschiedlichen Rollenbilder ein bisschen verloren gegangen. Ich glaube, das ist aber gerade der Reiz im Tango: Sich wieder als Frau und Mann zu finden. Im Alltag ist hier alles sehr gleich.

„Sich führen lassen oder folgen wird oft damit verwechselt, dass man passiv ist.“

In Argentinien ist es hingegen ein bisschen altmodisch. Schon wenn ich ins Flugzeug steige, habe ich das Gefühl, es ist wie eine Zeitreise. Die Männer halten einem die Türen auf, sie lassen dich zuerst in den Bus einsteigen, sie bieten dir einen Platz an, also lauter solche Gesten. Das steckt alles im Tango mit drin. Die Frauen dort kleiden sich auch ganz anders, sehr figurbetont. Es ist dort auch ganz toll, wenn man einen großen Po hat. Hier ist alles eher möglichst versteckt. Dort dagegen sind die Frauen richtig stolz auf ihren Körper. Das war für mich auch etwas, was ich gelernt habe und was mir total gut gefallen hat, dieses Stolz-Sein auf sich und auf seinen Körper … und das auch rüberzubringen.

Hier in Deutschland wird sich führen lassen oder folgen oft damit verwechselt, dass man passiv ist, und das ist überhaupt nicht der Fall. Die Frauen in Argentinien sind unglaublich stark, stolz und aktiv. Also präsent. Die haben einfach so eine Attitude… es ist schwierig das in Worte zu fassen, aber vielleicht in dem Sinne: „Ich fülle meinen Platz, ich bin hier und ich gebe etwas und dadurch bekomme ich auch etwas zurück.“ Und nicht: „Ich nehme nur.“ Das ist wie in einer Beziehung, wenn ich nur nehme oder mich mitziehen lasse, dann ist sie grau und leer. Die Männer hier tanzen oft mit der Einstellung, dass sie alles machen müssen … und lassen der Frau nicht den Raum. Ich finde es ein superspannendes Thema zu verstehen, dass die Frau stark ist und sich trotzdem in dieser Umarmung verlieren kann, ohne sich selbst aufzugeben.

Wenn man auf der Milonga in Buenos Aires die Paare anschaut, ist das deutlich zu sehen, gerade im Unterschied zu den Ausländern. Die Ausländerinnen kommen oft ganz schüchtern an und verstecken sich in der Umarmung. Die Argentinierinnen, die gehen da hin und umarmen mit dem ganzen Körper, wie Löwinnen. Das ist einfach toll. Ich habe lange gebraucht, das zu verstehen und umzusetzen, weil ich auch sehr schüchtern war.

„Die Frau ist stark und kann sich trotzdem in dieser Umarmung verlieren, ohne sich selbst aufzugeben.“

Die Arbeit mit den Absätzen zum Beispiel, also den hohen Schuhen, gehört da auch mit dazu. Ich glaube, die Frauen hier sind nicht daran gewöhnt mit hohen Schuhen zu gehen. Dort in Argentinien gehört das zu diesem „sich in Szene setzen“ dazu. Auch im Alltagsleben. Es ist ein bisschen wie bei den Italienerinnen. Cristian meinte irgendwann zu mir: „Du musst anfangen, auch im Alltag Absätze zu tragen, um dich daran zu gewöhnen, wie es ist, damit zu gehen.“ Damit man eben nicht zum Tango tanzen geht und plötzlich andere Schuhe trägt, also einen abrupten Wechsel durchlebt, sondern dass es Teil des Alltags ist.

Ich sehe es manchmal bei SchülerInnen, insbesondere bei Einzelstunden, wenn wir viel Zeit haben, dass sie eine richtige Transformation durchmachen. Die Haltung verändert sich, die Brust öffnet sich, also eine ganz andere Präsenz. Auch das Selbstbewusstsein und Bewusstsein im Sinne von „sich kennen“, den Körper kennen, ändert sich komplett. Das passiert ganz häufig im Tango und fasziniert mich auch so: diese Transformationen. Das kann tatsächlich schnell gehen, denn es ist auch etwas sehr Instinktives, was man nur aufwecken muss.

BTV: Was denkst du, wie können Frauen das hier in Deutschland mehr aus sich herauskitzeln?

MB: Erstens über das Bewusstsein. Ich finde, das fängt an mit dem Rollenverständnis. Folgen bedeutet nicht, sich aufzugeben, sondern etwas zu geben. Das Involviert-Sein in das, was man macht, ist ganz entscheidend. Es ist immer ein Geben und Nehmen, Impuls und Reaktion, jeder gibt, jeder nimmt. Es ist ein Austausch, ein Dialog, das ist schon mal ganz wichtig zu verstehen.

Das Zweite ist, zu verstehen, dass alles, was wir im Tanzen machen, wichtig ist. Das gibt dem Ganzen eine andere Bedeutung. Allein schon die Umarmung, die Pause, alles hat seine Bedeutung, jeder Schritt ist wichtig. Wenn wir das verstehen, ändert sich auch unsere Präsenz. Also statt zu sagen: „Ja, ok Ocho, mache ich“, sagt man sich: „Dieser Ocho ist jetzt so und ich setze den Absatz genau so, weil ich das so will und weil die Musik mir das so übermittelt und weil ich das so interpretieren möchte. Im nächsten Ocho nehme ich dann nicht den Absatz, sondern die Innenseite meines Fußes und so weiter…“. Natürlich nicht bewusstes Denken, aber intuitiv oder instinktiv, das kommt mit der Zeit.

„Eine Umarmung bedeutet sich selbst einzubringen und Nähe zuzulassen.“

BTV: Was kann die Frau dem Mann beim Tanzen geben, wie würdest du das beschreiben?

MB: Es beginnt in der Umarmung. Wie ich umarme, das kann aktiv oder passiv sein. Ich lasse mich umarmen oder ich umarme. Und dieses Löwenhafte ist für mich immer das beste Beispiel, weil das einfach so umgreifend ist. Es passiert oft, dass man eine Haltung einnimmt und dadurch eine Distanz kreiert. Ein Umarmung bedeutet aber sich selbst einzubringen und Nähe zuzulassen. Allein das provoziert im Mann auch eine entsprechende Reaktion.

Das andere ist, meinem Tanz Ausdruck zu geben, also nicht neutral sein. Gehen oder Ochos, das sind ja eigentlich ganz simple Figuren, aber wie ich das mache, hat mit meiner Interpretation und natürlich auch der Interpretation des Mannes zu tun. Es kommt immer drauf an, je nachdem wie viel Platz der Mann mir lässt. Wenn der Mann zum Beispiel relativ neutral ist, dann fange ich an zu interpretieren und dem Ganzen ein bisschen mehr Swing zu geben oder mit Verzierungen zu spielen. Es ist ein Anstupsen, ein Aufwecken, nach dem Motto: „Hallo, hier bin ich, lass uns zusammen tanzen!“ Der Überraschungseffekt ist auch immer schön, wenn man aus dem Automatismus rauskommt. Sodass man nicht einfach sagt: „Ok, jetzt Tangomodus, und ich gehe oder mache Ochos.“ Sondern dass es immer irgendwie anders ist, immer neu und dass jeder Moment gelebt wird. Das gibt die Intensität des Moments.
Jeder Tango ist anders… jede Musik, der Tanzpartner, das Ambiente ändert sich, je nachdem auf welcher Milonga man ist, welcher Tag, welche Zeit, wie viele Leute drumherum sind. Das spielt alles für diesen Moment, für diesen Tanz eine Rolle. Deshalb kann das nie neutral sein oder sollte nicht. Wenn man das dem anderen auch übermittelt, dann entwickelt sich ein richtiger Dialog. Manchmal kommt ganz viel zurück, manchmal weniger, aber ich denke, das Wichtige ist, zu versuchen mit dem anderen zu spielen. Das Spiel ist ganz wichtig.

„Die Milonga ist eben kein McDonalds.“

BTV: Ein großes Thema auf dem Blog ist der Cabeceo. Was ist deine Meinung dazu?

MB: Ich finde es ganz furchtbar, wenn Frauen hingehen und die Männer auffordern, also direkt fragen. Ich finde es auch ganz furchtbar, wenn die Männer das tun. Deswegen gibt es ja den Cabeceo. Er ist subtil und du kannst dich da rauswinden, ohne den anderen zu verletzen, ohne ihm „Nein“ sagen zu müssen. Ein „Nein“ ist furchtbar. Und für den Mann ist eine Aufforderung verpflichtend, er kann der Frau nicht einfach sagen: „Nein“.
Klar, es gibt meistens mehr Frauen auf den Milongas als Männer, das ist ja das Problem. Es ist hier in Deutschland noch einmal anders als in Argentinien. Wenn eine deutsche Frau in Argentinien auf eine Milonga geht, wird sie hundertprozentig aufgefordert. Wenn ein deutscher Mann in Argentinien auf eine Milonga geht, sitzt er da und tanzt vielleicht mit einer Ausländerin. Aber nicht mit einer Argentinierin…

Der Cabeceo ist für mich keine starre Regel, es sind eher Feinheiten. Die gehören aber dazu. Sonst geht etwas verloren, sonst wird es so: „Ich nehme mir, was ich möchte“. Die Milonga ist eine Art Zeremonie: Alles ist wichtig, allein die Vorbereitung – Ich ziehe mich schick an, mein Parfüm, Lippenstift, ich mache mich schön für die Milonga. Wenn ich dann dort ankomme, sehe ich, wer da ist und wo ich mich hinsetze, lasse die Musik auf mich wirken. Und vielleicht tanze ich nur eine einzige Tanda an diesem Abend. Aber die war es dann wert. Ich bin auch kein Fan von „die ganze Nacht durchtanzen“. Ein, zwei Tandas reichen mir, wenn sie gut und intensiv sind… Qualität statt Quantität. Wie einen guten Wein… den man genießt. Die Milonga ist eben kein McDonalds, wo man hingeht und sagt „Hallo, ich möchte jetzt“.

BTV: Eine Konsumgesellschaft, in der man am Ende noch für die Tanda bezahlt…

MB: Ja, nach dem Motto: „Ich habe nun den Eintritt bezahlt, jetzt muss ich hier auch tanzen.“ Ne, das ist furchtbar. Ich finde das Besondere, das Zeremonielle, das sollte nicht verloren gehen. Anders ist es bei einer Practica, bei der man übt und auch mal sagen kann: „Hey, kannst du mal diesen Schritt mit mir ausprobieren“. Da hast du ja auch die Möglichkeit zu sagen: „Tut mir leid, ich bin gerade noch mit etwas anderem beschäftigt“ oder wie auch immer… Aber das mit der Konsumgesellschaft: Das stimmt. Das sollte gerade das Gegenteil sein…. Gourmet-Tango statt Fast Food.

„Jeder Tanzpartner kann eine andere Seite in dir hervorrufen…“

BTV: Glaubst Du, dass man im Tango erkennen kann, wie die Persönlichkeit eines Menschen ist?

MB: Das ist eine interessante Frage. Hm, ja und nein. Es kann sein, dass man eine Form annimmt oder kopiert und eigentlich gar nicht mehr seine wahre Persönlichkeit zeigt, sondern die eines anderen… und das ist schade. Das Interessante ist, seine eigene Persönlichkeit im Tango zu finden. Die kann auch anders sein als im richtigen Leben, also vielleicht ein Teil deiner Persönlichkeit, der dann besonders im Tango ausgelebt wird.
Ich mag auch das Bild vom Tango als Sprache sehr gern, weil da ja auch der Dialog drinsteckt. Die Grammatik ist die Technik, die Vokabeln sind das Vokabular, das ich habe, um mich auszudrücken. Und dann kann man dem Ganzen Poesie geben oder eben…ja, einen mechanischen Text schreiben. Jeder hat auch einen eigenen Schreibstil. Manche sind kreativer und andere weniger, aber jeder hat so sein eigenes.

Nochmal zurück zu der Frage nach der Persönlichkeit: Du musst auch nicht immer dieselbe Seite von dir ausdrücken. Es gibt zum Beispiel Leute, mit denen tanze ich und es ist einfach total lustig und dann gibt es andere, da ist es total intensiv. Jeder Tanzpartner kann eine andere Seite in dir hervorrufen… Ich denke, das ist eben auch das Schöne, das man in der Milonga, in der Improvisation so viele Möglichkeiten, so viele Facetten hat und ausprobieren und fühlen kann. Es gibt so eine Tiefe an Gefühlen und Erlebnissen im Tango. Deswegen mag ich auch so gerne Choreografien, weil ich da das Gefühl habe, noch mehr ausdrücken zu können. Dann fühle ich nicht nur nach innen, für mich selbst, sondern habe sogar die Möglichkeit, mit dem Tango eine Geschichte zu erzählen, zum Beispiel die mit dem Mechaniker und der Diva, also was Komisches.

Wie es zu dieser Geschichte kam und mehr über Tango-Choreographien erfahrt ihr im zweiten Teil des Interviews.

Mehr unter:
Michaela Böttinger und Cristian Miño – Experience Tango


Für unsere Reihe Berlin Tango Talks unterhalten wir uns mit Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zum Tango haben und darüber berichten.

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