Bodenlose Frechheit

Früher, ja früher da war ich froh über jeden Boden unter den Füßen. Damals ahnte ich noch nicht, dass mich das Tangotanzen tief sinken lässt.
Mit dem Blick nach unten, ganz weit unten….Das ist der große Unterschied zwischen Ballett und Tango: Das eine geht nach oben in die Luft, das andere in den Boden.

Ach ja, Boden…Egal ob Tanzlehrer oder Tanzende: Alle trampeln auf ihm herum. Die Tanzlehrer werben damit. Mancher investiert viel Zeit und Geld und reist ins Ausland, um das perfekte Parkett einzukaufen. Um es dann kurze Zeit später wegen irgendwelcher Auflagen wieder runterreissen zu müssen.

Die Tanzenden hadern damit. Der Boden ist selten perfekt. Und du weisst dir zu helfen. Ist er zu glatt, kratzt du dir die Schuhsohle wund. Wenn das Bürstchen fehlt, tunkst du vielleicht deine Allerwertesten in eine Silberschale mit Puder nahe dem DJ-Pult. Wenn alles verpulvert ist, gibt es immer noch gutes altes Wasser, das du aus deiner eingeschmuggelten Plastikflasche heimlich auf den Boden kippst. Das hält für ein paar Runden.

Was aber hilft bei stumpfem Boden, wenn du Drehungen machen willst? Was bei Tanzen auf hartem Beton, wenn du deine Gelenke schonen möchtest? Was ist mit den Steckdosenabdichtungen, über die du regelmässig stolperst, die aber nicht einfach so verschwinden? Oder den Löchern wie im Schweizer Käse? Du kannst ja nicht einfach anfangen, die Abdichtungen wegzumachen. Oder die Löcher zu stopfen. Du bist hier zum Tanzen, nicht zum Arbeiten! Auch wenn das für manche das gleiche ist.

Ansonsten können wir ja froh sein. Meistens ist der Boden ganz in Ordnung und es steht nicht viel im Weg. Außer vielleicht ein kleiner Tisch oder ein Klavier in der Mitte der Tanzfläche, um den Flächenverbrauch zu verknappen und zur Ronda zu disziplinieren.

Manchmal ist der Boden so großflächig wie ein Fußballfeld, wie z.B. damals auf einem Festival in einem Wiener Palais. Da fühlte ich mich dann wie bei Real Madrid oder dem FC Kaiserslautern. Bei diesen Entfernungen klappt kein Cabeceo, aber selbst wenn ich laut schreien würde, würde der Typ am anderen Ende mich nicht wahrnehmen. Außer er ist Arzt und daher empfänglich für Alarmsignale aller Art.

Manchmal gibts ja sogar mehrere Böden mit unwegsamen Übergängen. Das sieht zwar schick aus, ist aber total unpraktisch. So wie zum Beispiel der Zickzackradweg in Berlin-Zehlendorf, der jetzt wieder entfernt wird. Wenn der Boden ein Bild wäre, würde ich einfach darüber hinweg wischen und schwupps sind die harten Kanten weg. Aber Boden hat eben nichts mit Kunst zu tun. Boden ist einfach nur – da.

Aber für alles kann frau was tun. Selbst wenn es gar keinen Boden gibt! Ja, das ist super! Der Boden zum Ausrollen! Ich kenne ihn nur vom Hörensagen, halte ihn aber für DIE Lösung! So bin ich allzeit bereit. Zum Beispiel, morgens, wenn die U-Bahn noch etwas braucht. Zack, Boden raus, Schuhe an, zehn Ochos links, zehn Ochos rechts. Gegen die Langeweile, für die Technik.

Schlussendlich: Für eine ehrgeizige Tanguera ist ein guter Untergrund wichtig. Es wäre schon eine bodenlose Frechheit, nicht dafür zu sorgen. Am liebsten schraubt sich eine Folgende nämlich bei Ochos in den Boden. Dutzende Male an einem Abend. Und bei einem schlechten Boden besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr rauskommt. Das wäre schon ein wenig ärgerlich. Also natürlich für alle. Das würde doch total den Tanzfluss unterbrechen. Und das wollen wir doch alle nicht, oder?

3 Kommentare zu „Bodenlose Frechheit

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  1. Da dieser Beitrag ein Ereignis meiner Heimatstadt geschildert wird möchte ich bei der Formulierung „…laut schreien würde, würde der Typ am anderen Ende mich nicht wahrnehmen..“ darauf hinweisen, dass -sollte hier ein Wiener Tänzer gemeint sein- man von einem „Herren“ sprechen sollte. Soviel Zeit sollte sein.

    Selbstverständlich aber nur, wenn man in der Lage ist nicht nur Respekt einzufordern, sondern auch selbigen zu erweisen.

    Mit amüsierten Grüssen aus dem 1. Bezirk

    Wiener Milonguero

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    1. Lieber Herr Wiener Milonguero, das ist das Gute am Cabeceo: Der Augenaufschlag ist international. Typ oder Herr: Kein Unterschied beim Zwinkern.

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  2. Ein freundliches Hallo in den Norden. Ein express Boden aus drei Rollen PVC-Laminat wird im Sommer regelmässig beim Hafen von Neuenburg CH ausgerollt und los geht’s. Die etwas exklusivere Unterlage ist das Deck eines Passagierschiffs auf Abendrundfahrt über den See. Grüsse aus der Schweiz

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