Nur für Verrückte

„Eintritt nicht für jedermann. Nur für Verrückte.“ So heißt es bei Brechts Magischem Theater im Steppenwolf und so oder so ähnlich könnte die Warnung auch in jeder Anfängerstunde des Tango Argentino lauten.

Wen der Tango-Virus packt, den rüttelt und schüttelt er kräftig durch. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Man lernt nicht nur einen Tanz, der sehr komplex ist und viel Zeit benötigt, um ihn einigermaßen zu beherrschen, man taucht auch ein in eine Gesellschaft mit eigenen Regeln, neuen Kontakten und sozialen Ereignissen. Es erfolgt quasi eine neue Sozialisation. Es soll Tango-Lehrer geben, die zu ihren Anfängern sagen: „Wenn ihr eure Freunde weiterhin regelmäßig sehen wollt, bringt sie dazu, auch Tango zu tanzen.“ Das klingt zunächst nach einem Witz oder einem guten Akquise-Kniff, doch es ist viel Wahres dran.

Tango weckt den Ehrgeiz und hat Suchtpotenzial. Wer wirklich einsteigt, investiert viel: Energie, Geld und Zeit. Stimmungsschwankungen sind vorprogrammiert. Erfolgserlebnisse und Fortschritte pushen das Selbstbewusstsein und lösen Euphorie aus, Durststrecken, in denen es nicht voranzugehen scheint, schlagen auf’s Gemüt und führen zu Krisen, Frust und Enttäuschung.

Tango ist auch Persönlichkeitsentwicklung. Man begegnet sich selbst neu, im Kontakt mit einem*r Tanzpartner*in und betritt dadurch einen besonderen Reflexions- und Erfahrungsraum. Bei manchen ist vermeintlich immer der Partner oder die Partnerin schuld, wenn es nicht klappt. Andere hadern ständig nur mit sich selbst. Die einen äußern klar, was sie vom Partner oder der Partnerin für den Tanz brauchen, die nächsten geben sich mit dem zufrieden, was sie kriegen und versuchen sich maximal anzupassen oder zu kompensieren. Spätestens wenn Sätze fallen wie: „Du musst die Männer mehr festhalten.“, „Du suchst den Mann zu sehr, bleib‘ mehr bei Dir.“, „Ich spüre dich nicht. Wo bist du? Bist du überhaupt anwesend?“, „Bring dein Gefühl, deine Leidenschaft in den Tanz, sonst bleibst du immer nur der Kumpeltyp“ oder „Du kannst nicht einfach dein Ding durchziehen, du musst deine Partnerin mitnehmen“, wird Tango fast Therapie.

3 Kommentare zu „Nur für Verrückte

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  1. Nun, in Zusammenhang mit dem aktuellen und dem vorherigen Blogpost, sowie in Verbindung mit dem dort geschilderten Maestro-Gruppenunterricht und dem heuer angeführten Zitat des Lieblingsdichters adoleszenter Backfische, möchte ich gerne anregen, sich mehr mit dem folgenden Zitat zu beschäftigen, um darzulegen, in welchem Umfang sich jenes insbesondere auf die Gruppe junger, aufstrebender Tangotänzerinnen anwenden lässt:

    Der Wahnsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

    Friedrich Nietzsche

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