Down-Dancing

Natürlich wollen wir auf Milongas mit möglichst guten Tänzern tanzen. Es schmeichelt uns, wenn diese uns auffordern. Wir versprechen uns davon den höchsten Tanzgenuss und vielleicht auch einen Statusgewinn. Besonders begehrt sind Tänzer, die sogar deutlich über unserem eigenen Niveau tanzen. Up-Dancing sozusagen. Manche Damen haben sich darauf regelrecht spezialisiert.

Nun kenne ich aber auch Frauen, die sagen, wenn sie mit der „ersten Riege“ tanzen, sind sie so nervös, dass sie keine zwei Schritte rückwärts laufen können, sich unwohl fühlen und am Ende froh sind, wenn die Tanda zu Ende ist. Außerdem hätten vermeintlich fortgeschrittene Tänzer oft die Eigenheit, Grenzen auszutesten und die Tanzpartnerin mit ungeahnten Kombinationen zu überrumpeln. Die Tänze werden dadurch zu Stress, der Genuss bleibt auf der Strecke. Diese Damen entscheiden sich bewusst gegen das Up-Dancing und suchen sich Tanzpartner auf ihrem Level. Same-Dancing könnte man das nennen.

Bleibt noch die dritte Möglichkeit, das Down-Dancing.
Down-Sizing im Job, also das Abgeben von Verantwortung zugunsten von mehr Zufriedenheit oder Freizeit sowie Down-Dating bei der Partnersuche – wenn die Professorin mit dem Koch oder die Ingenieurin mit dem Büro-Assistenten – werden inzwischen durchaus anerkannt. Wie ist es aber mit dem Down-Dancing? Und ich meine jetzt nicht die Freundschaftstanda mit dem guten Freund, der gerade mit Tango angefangen hat, und ebenfalls nicht Situationen heillosen Frauenüberschusses, in denen die einzige Alternative ist, gar nicht zu tanzen.
Also: Tanzt frau auf einer Milonga um des reinen Tanzens willen absichtlich mit Herren, die eindeutig unter ihrem Tanz-Niveau tanzen?

Ich für meinen Teil bejahe diese Frage – mit Einschränkung. Nicht immer, nicht auf jeder Milonga, nicht zu jeder Musik und nicht jede Tanda. Aber Down-Dancing, wenn man es so nennen möchte, hat für mich von Zeit zu Zeit einen besonderen Reiz: Es gibt mir das Gefühl, mehr Verantwortung für den Tanz zu tragen. Wenn ich dem überschaubaren Führungs-Repertoire des Partners gut folgen kann, gibt mir das viel Raum, den Tanz zu schmücken, sei es mit Verzierungen oder einfach mit besonders musikalisch und vollendet ausgeführten Bewegungen. Es gibt mir die Möglichkeit, meinen Tanzpartner zu unterstützen, bei Bedarf zu stabilisieren, seine Musikalität anzustacheln, meine Ruhe, Gelassenheit und Tanzfreude auf ihn abstrahlen zu lassen. Es ist ein Genuss, ihm und uns mit allem, was ich habe, eine schöne Tanda zu schenken. Wenn er das merkt, schenkt er meist auch etwas zurück. Dass es vermeintlich schädlich für meinen eigenen Status sein soll, ist mir in diesen Fällen egal. Stattdessen kann es aus meiner Sicht sehr stärkend für das eigene Selbstbewusstsein und die eigene Tango-Identität sein, mit einem noch nicht so fortgeschrittenen Tänzer einen für uns beide schönen und entspannten Tanz zu gestalten.

Selbstverständlich sollten die im Rahmen des „Down-Dancing“ genannten Aspekte grundsätzlich in allen Tänzen verwirklicht sein. Doch aus meiner Erfahrung geraten diese schnell ins Hintertreffen, je komplexer der Tanz wird mit all seinen Figuren und mit all seiner Technik – ganz zu schweigen von hinzukommender Nervosität. Gerade deshalb tut mir bewusstes Down-Dancing von Zeit zu Zeit gut, um mich auf Wesentliches zu konzentrieren und mir bewusst zu machen, welchen Beitrag ich als Folgende im Tanz leisten kann und auch leisten sollte.

Ein Kommentar zu „Down-Dancing

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  1. Ich gehöre noch lange nicht zu den richtig guten Tänzerinnen und freue mich deswegen wahnsinnig wenn sehr gute Tänzer gerne mit mir tanzen.
    Das Gefühl gebe ich auch gerne weiter. Besonders höfliche und talentiere Anfänger fördere ich sehr gerne. Fordere sie sogar selbst zu ein oder zwei Tandas auf wenn sie sehr schüchtern sind. Das mache ich sonst nur mit 2 mir sehr vertrauten Tänzern. Ich kann den einfachen Tanz dann auch genießen und mich mehr auf meine Bewegungen und Ausführungen konzentrieren. Mich wundert manchmal wie dankbar die dann sind. Manche männlichen Anfänger müssen sich wohl auch einiges böses von Frauen anhören – unglaublich…
    Jeder hat mal angefangen und es gehört für mich dazu die Anfänger zu integrieren. Auch wenn mir das bei einzelnen dann doch schwerfällt. Bzw. wenn er an mir rumreißt, eng tanzen möchte obwohl es nicht klappt oder so wackelig auf den Beinen ist das ich Angst habe zu Boden geschmissen zu werden…

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