Tango-Uniform

Ich habe es getan, ich habe mir spezielle „Tango-Kleidung“ gekauft. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, denn ehrlich gesagt, finde ich die Sachen recht teuer und meist nicht einmal wirklich schön. Oft keine hochwertigen Materialien, sich immer wiederholende Schnitte bei nicht immer guter Verarbeitung. Trotzdem sieht man sie überall, die Tangouniform: Tangosandalen mit Absätzen zwischen 7,5 und 8,5 cm, manchmal auch höher, enge Stretch-Popo-Röcke, hinten schön gerafft, oder weite fließende Röcke mit Tail und V-Ausschnitt am Bund. Dazu wahlweise Neckholder- oder Waterfalltops, mal rückenfrei, mal schulterfrei. Manchmal auch als Kleid. Individualität beschränkt sich auf Farbe und Muster. Doch die Gelegenheit war günstig, der Preis okay, also habe ich zugeschlagen.

„Warum kaufst Du denn sowas?“, fragt ein Freund kritisch. „Zum Reisen ist das schon angenehm“, rechtfertige ich meinen Kauf, „man kann die Sachen im Gepäck klein zusammenknüllen und sie knittern nicht, man kann sie auswaschen und sie trocknen schnell. Das sind praktische Eigenschaften.“ „Eigenschaften, die Plastik eben so hat“, antwortet er trocken.

Mal ehrlich: Taucher oder Skifahrer brauchen tatsächlich eine bestimmte Ausrüstung für ihr Hobby. Tangotänzer eigentlich nicht. Es reichen Schuhe mit bestimmten Eigenschaften, die wahrlich keine Tangoschuhe sein müssen und Kleidung, in der wir uns gut bewegen können und die ästhetisch unserem Stil und der Milonga entspricht. Warum unterwerfen wir uns dennoch dem uniformen Dresscode? Eine Freundin macht mich auf einen anderen Aspekt aufmerksam: „Wenn Du die typische Tangokleidung trägst, zeigst Du damit, dass Du dazugehörst, dass Du in Dein Tango-Ich investiert hast, dass Du nicht erst seit gestern Tango tanzt und deshalb eben nicht Dein „normales“ Sommerkleidchen auf der Milonga trägst. Nein, Du hast viel Geld ausgegeben für Deine Tango-Uniform. Du gehörst – auch optisch – dazu.“

Ich zucke zusammen. Verdammt, ich finde diese Gedanken wirklich absurd, und ich fürchte dennoch, dass sie damit ein bisschen Recht hat.

22 Kommentare zu „Tango-Uniform

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  1. Ja es geht um die lutherisch geprägte Adiaphora, wonach Schönheit sozusagen „gleichgültig“ ist.
    In diesem Ethos gibt man sich keine Mühe, zu gefallen, vielmehr wird betont, es nicht nötig zu haben. Das hält man dann für besonders authentisch. Dabei ist es doch nur die Angst, aufzufallen oder nicht zu gefallen. Sicherheitshalber demonstriert man daher, dass man gar nicht gefallen wolle, indem man seinem gegenüber zeigt, über den Äußerlichkeiten zu stehen, weil meine inneren Werte doch so interessant sind.

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    1. Das glaube ich nicht. Ich glaube, im Tango und in den Tangooutfits geht es sehr wohl darum zu gefallen – sich selbst und anderen. Dass die Outfits sich unterm Strich oft stark ähneln, bedeutet nicht, dass wir nicht schön sein wollen. Sonst würden wir im Kartoffelsack tanzen und viel Geld sparen.

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      1. Nun ja, Robert Röhrig äußert in seinem Buch „Tango berührt und verführt: Ein Tanz, der spielt, und es doch ernst meint“, dass beim Tango Männer und Frauen auf der Tanzfläche vordringlich nach ihren Tanzkünsten bewertet werden. In einer Milonga werden keine tieferen Einblicke in das reale soziale Leben freigegeben. Deshalb ist bis auf wenige Details beim Tango diese gewisse, neutrale, lässige Kleidung angesagt, die lediglich freie Beweglichkeit ermöglichen soll. Zwar gebe es Rudimente früherer Kleidersymbolik wie die speziellen Schuhe, die in Beuteln zu den Milongas mitgebracht werden, und der Fächer, aber er wird seltenst kokett eingesetzt.

        Und Berlin toppt das halt. So schreibt Arnold Voss in der aktuellen Tangodanza, Nr. 3, 2018 auf S 31:

        „Ihr müßt euch in Berlin zum Tango nicht extra herausputzen. Der Berliner Tanguero und die Berliner Tanguera sind alles gewohnt und nehmen, mit Ausnahme einiger Edeltänzer und -tänzrrinnen, alles hin. Der Durchschnitt Ist nämlich eher underdressed bis nachlässig gekleidet. In diesem Eldorado des heroisierten, unbedingten Selbstausdrucks wird äussere Schönheit als gelungene Harmonle aus Kleidung, Bewegung und Körperform zum Zufallstreffer.

        In Berlin verkennen die Tangueros und Tangueras halt, dass diese Ideologie des Authentischen etwas Verrohtes, Unzivilisiertes hat. Es missachtet sein Gegenüber und den Blick des anderen verleugnet. Verkennt dabei, dass auf sein Äußeres zu achten, dem anderen zu gefallen, eine Lebenskunst ist.

        Oder wie eine Hamburger Tanguera es mal formulierte, ihr tun die Berliner Tangueras leid, manchmal können die gar nicht auf Milongas gehen, weil ihre Sachen gerade aus der Wäsche kamen uns sie nun keine schmudelige Sachen zum Anziehen haben.

        Aber es freut mich, dass du dem männlichen Auge gefallen willst.

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      2. Den Apsekt betonst Du immer wieder und ich finde ihn auf den Milongas, die ich besuche, nicht bestätigt. Aber in Berlin gibt es eben alles.

        Und „sich rausputzen“ geht auch ohne „Tango-Uniform“. Es gibt schließlich auch nicht speziell für Tango hergestellte, aber tangotaugliche Kleider und Röcke, in denen es sich hübsch und gut tanzen lässt.

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      3. Heisst Milonguerostiltanzende machen das wegen der inneren Werte, die Showtänzer wegen dem Äusseren? Nur Eine Frage um das Klischee nicht zu vernachlässigen.

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      4. Im Falle der oben erwähnten Hamburgerinnen, die oft bei Berlinbesuchen (im Gegensatz zu den weniger teuer gekleideten Berlinerinnen) wenig zum Tanzen kommen, kann das folgende Zitat als Erklärungsmodell dienen:

        „Eine subtile Art des Compadrears besteht darin, als Mädchen in Jeans und T-Shirt aufzutauchen, sobald sie weiß, dass sie als Tänzerin sowieso einige Ellenlängen voraus ist … und stellt diejenigen in den Schatten, die sich herausgeputzt haben …“

        (Aus : Sonja Abadi, Der Basar der Umarmungen 2. Aufl,2010)

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      5. Das passt zu der These, die ich mal von einem Tanguero gehört habe und die besagt, dass – von absoluten Anfängerinnen und ganz besonderen Anlässen mal abgesehen – der Grad der Auffälligkeit des Outfits einer Tänzerin in der Regel umgekehrt proportional zu ihrem Tanzniveau verlaufe.

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      6. Tänzerische Ellenlängen verweisen erotische Körbchengrößen noch lange nicht auf die Plätze.
        Und so fällt den Männern lässiges Understatement bei der Verpackung leichter – auch wenn die zu enge Bermudashorts das Bäuchlein in das zu weite Holzfällerhemd presst sind sie noch als Tanzpartner attraktiv.

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      7. Die Frage, inwieweit sich Männer ihre Tänzerbäuche für Verpackungszwecke in Körbchen betten müssen, um darum erotisch auszusehen, beantwortet sich meiner Meinung nach von selbst.

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  2. Unterm Strich kann und soll das jede*r für sich entscheiden und zwar an dem jeweiligen Abend und zwar am Besten nach entsprechender Stimmung. Will ich reizen und kokettieren? Oder eher elegant und erhaben wirken? Oder tauche ich lieber in ein eher unauffälliges Gewand bis hin zur „Alltagskleidung“? Will ich viele neu Tänzer entdecken oder nur mit mir Bekannten tanzen? Diese und andere Ausdrücke finden sich auch in typischer Tangokleidung. Egal wofür ich mich entscheide: Wenn ich mich gegen das Tangodress entscheide muss ich damit rechnen dass das für das Gegenüber EIN Kriterium darstellen kann, mich nicht aufzufordern. Ein sehr gutes Dress kann aber auch abschrecken a la “ die sieht so gut aus, ich bin bestimmt unter ihrem level.“ Kleidung wirkt, Überall. Das muss ich mitdenken ohne mich davon abhängig zu machen. Das ist eine Große Kunst, immer wieder.
    Abgesehen davon: Ich freue mich, wenn Milongueros gut angezogen sind und nicht in Jeans und Sportshirt auf einer Milonga erscheinen-das zeugt für mich von Respekt und Gleichberechtigung: wenn Mann schöne Frauen erwartet muss auch er sich schön machen.

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      1. Zum Reisen sind Blue Jeans und T-Shirts schon angenehm, man hat sie ja sowieso im Gepäck. Und T-Shirts kann man schnell wechseln und auswaschen. Das sind praktische Eigenschaften, Eigenschaften die Baumwolle eben so hat… 😉

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  3. Schon wieder ein interessantes Thema mit ebenso interessanter Diskussion!

    Möchte an dieser Stelle mal ein generelles Kompliment an euer Blog loswerden, liebe berlintangovibes. Was mir gut gefällt und was euch von anderen Tangoblogs wohltuend unterscheidet:
    — Große Themenvielfalt
    — Unterschiedliche Sichtweisen dank dreier Autorinnen
    — knackig kurze Artikel
    — nicht selten anregende Diskussionen im Kommentarstrang
    — dank anonymer Autorinnen keine Gefahr verbaler Selbstdarstellung

    Zum Thema selbst hätte ich noch ein Marx-Zitat (auch wenn der kein Tangotänzer war): Die Form ist dem Inhalt nichts Äußeres.

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  4. Für mich muss die Kleidung zu mir UND zum Tango passen.
    Insgesamt finde ich es zudem viel bequemer in weiten Hosen zu tanzen als in engen Jeans.
    Was ich häufig beobachte: Frauen geben sich i.d.R. sichtbar Mühe mit dem Erscheinungsbild, bei Männern besteht häufig – um es mal positiv zu formulieren – noch viel Potenzial im Hinblick auf Stil und Bekleidung.
    Zudem gibts ja auch noch Unterschiede bzgl. unterschiedlicher Milongas: Neomilonga in einer alten Fabrikhalle, Großstadt-Edelclub oder Dorfmilonga auf dem Lande? Da sollte die Bekleidung schon halbwegs zum Anlass passen. Ich geh ja auch nicht in Trainingsklamotten zu einer Hochzeit…
    Wo ich durchaus einen Zusammenhang vermute: wenn die Kleidung zu „uniform“ tangomäßig ist (bei Frauen wie bei Männern), könnte auch der Stil, den Tango zu vertanzen echte Individualität vermissen lassen.

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    1. Interessanter Gedanke: Zeig‘ mir, was Du trägst, und ich sage Dir, wie Du tanzt – also jetzt mal nicht auf’s Niveau, sondern auf die Art und Weise bezogen. Oder: Steht Uniformität in der Kleidung auch für Uniformität im Tanz?

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      1. Schüler, die am Ende einer Stunde eine Figur abfilmen, haben ganz offenkundig noch nicht zu „echter Individualität“ gefunden.
        Springt bei dieser Personengruppe vielleicht eine spezielle „Uniform“ ins Auge?

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  5. Auch von mir ein Lob (erneut) für die Autorinnen, das Thema trifft ins Schwarze. Persönlich trage ich weder als solche vermarktete Tango-Kleider noch Tango/Tanzschuhe. Ich versuche trotzdem mich für den Tango „hübsch“ zu machen und habe immer mindestens 8cm unter den Fersen. Meine Erfahrung ist, dass vor allem Herren dadurch verwirrt werden. Von mehreren, inklusive Lehrern, wurde ich angesprochen, ich soll doch lieber Tangoschuhe tragen, wenn ich aufgefordert werden möchte. „Mit solchen Schuhen denken alle Du kannst nicht tanzen!“. Können denn Herren nicht die Bewegungen beobachten? Kommentare über meine nicht Tango-mäßigen Kleider habe ich mir bis im Ausland anhören müssen. Ich fand es komisch, jetzt kann ich darüber schmunzeln. Streben nach Individualität und Wunsch nach Zugehörigkeit sind überall zu finden!

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