Die Grille und die Ameise

Es ist so verlockend. Kaum sind die ersten Tangoschritte gemacht, ist der Reiz groß, den Unterricht einfach wegzulassen und den Tango nur noch auf Milongas zu genießen. Besonders für Folgende. Warum so viel Geld ausgeben, warum sich mit dem eigenen Nicht-Können konfrontieren und mit unzufriedenen Tanzlehrern rumärgern, warum auf die leidige Tanzkurspartnersuche gehen, wenn’s doch so leicht sein könnte. Dazu kommt, dass wir Folgenden uns im Unterricht nicht selten wie Beiwerk oder noch schlimmer wie Übungsgeräte für die Führenden vorkommen. Früher haben die Damen schließlich auch nicht so viel trainiert, sondern einfach getanzt, denken wir uns. Noch dazu lernt man auch beim Tanzen eine ganze Menge und um’s Tanzen geht’s doch schließlich, oder nicht?

Wie La Fontaines Grille, die den ganzen Sommer lang singt und zirpt, während die Ameise emsig das Essen für den Winter sammelt, tanzen wir also unentwegt, wechseln von Tanzpartner zu Tanzpartner, wandeln von Milonga zu Milonga, genießen, haben Freude und lernen dabei, ohne es zu merken. Das alles, während die fleißigen Ameisen ihre letzten Kröten aus dem Geldbeutel ziehen, um noch eine Einzelstunde, noch einen Workshop und noch einen Gruppenkurs zu bezahlen, bis sie schließlich vor lauter Korrekturen auch auf den Milongas den Tango gar nicht mehr genießen können und sich ständig fragen, ob sich das alles wirklich lohnt.
Doch, was für eine Weile gut funktioniert, wandelt sich meist irgendwann. In La Fontaines Fabel ist es der Wintereinbruch. Mit ihm kommt der Hunger. Irgendwann erfolgt Lernfortschritt ohne konkretes Üben und Unterricht nur noch im Schneckentempo oder bleibt ganz aus. Manche Tanzpartner merken, dass wir nicht besser werden, tanzen nicht mehr so oft oder nicht mehr mit der gleichen Freude mit uns. Gleichzeitig macht sich die akribische Arbeit der Ameisen bezahlt. Und dann? Dann gibt man sich entweder mit dem zufrieden, was man hat, oder beginnt neidisch auf die Ameisen zu schauen, die solche Fortschritte gemacht haben, dass sie Kombinationen tanzen können, von denen die Grillen nur träumen, und die die Grillen immer häufiger in die Rolle der sitzenden Zuschauerin verweisen. Vielleicht denken sich die Ameisen jetzt: „Ich habe so hart gearbeitet, nun möchte ich auch mal genießen.“ Sie machen sich frei von all dem Gelernten und tanzen, tanzen, tanzen einfach. Und die Grillen sagen sich: „Das wäre doch gelacht. Ich suche mir jetzt eine*n gute*n Lehrer*in und mit intensiven Einzelstunden, ausgewählten Workshops und eigenem Training hole ich das schnell wieder auf.“
Schon vertauschen sich die Rollen, zumindest bis zum nächsten Sommer.

10 Kommentare zu „Die Grille und die Ameise

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  1. Ich, als (meist) Führender, kann dem nur voll zustimmen.
    Und wer hat nun diesen Beitrag geschrieben: die gemütliche Grille in einem Anfall von Selbsterkenntnis oder die zornige Ameise?

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  2. Mich – als führende Grille – hindert nichts daran, gelegentlich bei einem guten Lehrer intensive Einzelstunden oder ausgewählte Workshops zu nehmen. Nicht um bessere Tanzpartner zu bekommen, nicht um irgendwas aufzuholen, sondern um Langeweile durch Stagnation vorzubeugen.

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      1. Nein, ich bleibe Grille, betone stark das „gelegentlich“.
        Ich kenne auch keine Folgende, die mit Ameisenfleiß und ohne Milongas gut geworden wäre. Bei Führenden ist das bisweilen anders.

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  3. Ich glaube nicht das aus einer Grille eine Ameise werden kann, eher eine Ameise zeitweise zur Grille. Die Grundmotivation, Ehrgeiz ist doch ein anderer. Wie der Besuch einer Muckibude, die einen gehen hin, heben ein Gewicht, die anderen machen ein Trainingsprogramm. Einen Vorteil haben aber die Grillen, sie sind Frustrationsfrei dabei.

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  4. Der Artikel und das gebrauchte Bild gefallen mir ausnehmend gut!

    Im Tango wie immer restlichen Leben gibt es unemanzipierte Frauen. (Vielleicht ist im Tango ihr Anteil sogar höher.) Diese Frauen sind passiv: Sie warten, bis sie aufgefordert werden. Sie folgen passiv und abwartend. Sie bringen keine eigenen Impulse ein, sind nicht aktiv beim Partner und in der Musik, die sie nicht zu kennen brauchen. Sie übernehmen keine Mitverantwortung beim Navigieren auf voller Piste. Wenn ihre Achse flöten geht, haben sie ja noch die des Partners. Wenn sie schon Unterricht nehmen, brauchen sie sich nicht zu merken, was in der letzten Stunde geübt wurde: Grillen! – Im restlichen Leben lassen sie sich die Tür aufhalten, in den Mantel helfen, zum Essen einladen etc. etc.

    Im Tango wie im restlichen Leben bevorzuge ich die emanzipierten und aktiven Ameisen.

    Man(n) kann es auch positiv sehen: Gingen die Grillen nicht zum Tanzen gäbe es auf den Milongas Männer-(rsp. Führenden-)überschuss ;-).

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    1. Ich glaube ja nicht, dass lernzentrierte Ameisen aktiver auffordern oder tanzen als milongaentspannte Grillen.
      Ist aber auch für mich weder ein Qualitätsmerkmal noch das Gegenteil davon.

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