Gastbeitrag: Seelenereignis „magischer“ Tanz

Häufig verbinden meine Partnerin und ich den Besuch eines Festivals mit der Entdeckung einer Stadt und der Begegnung mit Kultur. An jenem Tag besuchten wir vor dem Beginn eines kleineren Festivals eine Kunstausstellung.
Das schlichtes Abbild einer Dame beeindruckte mich dort. Mit wenigen Strichen hatte der Meister sie portraitiert. Und obwohl ihr Gesicht fast nur eine ovalrunde, weiße Fläche mit angedeuteten dunkelweichen Augen zeigt und auch Nase und Mund nur zart hingeworfen sind, gerate ich in den Bann ihres femininen Ausdrucks und verharre eine Weile. Seelenberührt. Dort ahne ich noch gar nicht, dass mir ihr Gesicht an diesem Wochenende auf gewisse Weise ganz lebendig wiederbegegnen wird. Aber erst am nachfolgenden Abend.
Es wird dann ganz unerwartet aus einem matten Dunkel herüberleuchten. Und ich werde nur langsam diesen Blick erahnen während ich noch mit einer – mir gut bekannten – Tänzerin freudig, schön und harmonisch in der Ronda tanze. Irgendwann spüre ich aber diesen fremden Blick und schaue kurz auf – hinein in den Raum und nehme dort flüchtig jenes oval-runde Gesicht kaum wahr, das zu mir schaut und das mich sofort an das Gesicht jener Dame erinnert, die mich am Vortag in der Ausstellung innehalten ließ. Eigentlich wirkt es nur wie ein heller Schimmer an einem fernen Tisch im fahlen Dämmerlicht des ungünstig ausgeleuchteten Saales. Aber in ihm ruhen wieder diese weichen, dunklen Augen des Bildnisses, die sich nun ruhig und direkt auf mich richten.

Bilde ich es mir ein? Wünsche ich es mir? Weil ich sofort sehe, wie zart und schön sie ist?

Wieder richte ich alle Aufmerksamkeit dem aktuellen Tanz und „meiner“ Dame zu. Aber Runde um Runde ereignet sich nun dasselbe. Irre ich mich? Oder schaut sie nur ganz allgemein zu den Tanzenden? Ich spüre ihre stille Energie, ihre Neugier, ihr Wach-sein. Aber auch diesen Schleier nehme ich wahr, der darüber liegt, ein Gewebe aus Geheimnis und Melancholie. Ich bin irritiert. Kann es sein, dass sie mich meinte? Wieso mich? Ist nicht schon der Gedanke daran völlig absurd? Aber „etwas“ in mir spricht in erstaunlicher Klarheit: „Ja, sie meint dich!“

Nach dem Ende der Tanda verabschiede ich mit leicht schlechtem Gewissen „meine“ Tänzerin und kehre voller Gedanken zurück zu unserem Tisch. Vielleicht bietet sich ja schon bei der nächsten Tanda die Chance, mit der geheimnisvollen Dame zu tanzen?

Aber nun folgt natürlich erst einmal eine Milonga-Tanda. Klar. Immer, wenn ich mit einer „besonderen“ unbekannten Tänzerin tanzen möchte, wird Milonga gespielt. Es ist wie ein Naturgesetz. Es wiederholt sich bei jedem Festival. Nun warte ich lieber. Der erste Tanz mit ihr darf nur ein schöner, ruhiger Tango sein. Keine Milonga. Aber ich bin unruhig, denn womöglich wird sie nun ein anderer holen und wer weiß, wann sie dann wieder frei sein wird. Wird sie also die Milonga mit jemandem tanzen? Drei lange Stücke warte ich – aber auch sie sitzt noch immer unverändert an diesem fernen Tisch mit ein paar Leuten, die ich aus der Ferne nur schemenhaft erkenne.

Endlich ruft die Cortina die Tanzenden von der Fläche.

Ich verlasse jetzt meinen Platz und unsere Blicke treffen sich sofort. Mit größter Selbstverständlichkeit – als ob ich mich mit ihr unausgesprochen längst verabredet hätte. Ich nicke, lächle und da steht sie ohne das kleinste Zögern auf und kommt mir mit klarem Schritt entgegen. Lächelt. Begegnet mir nun auf der Tanzfläche, schaut mich an, nennt mir sogleich ihren Namen, den ich in der Aufregung aber überhöre oder sofort vergesse. Sie ist zierlich-klein, aber in ihrem Gesicht fasziniert mich, ihr Ausdruck und eine magische Tiefe und spürbare Sehnsucht. Ihre Energie umfängt mich. Mädchenhaft zwar, aber doch gereift und vom Wissen eines Menschen erzählend, der nicht nur leichte Zeiten durchlebt hat. Die Musik setzt ein. Sie sucht in der Umarmung sogleich meine Nähe. Und dann finden wir uns in einer besonderen, erkundenden Stille. Sekundenlang. Ich spüre sie. Ihren Atem. Ihre Gegenwart, ihre gespannte Bereitschaft – ihre Vorfreude. Sie nimmt die Haltung einer Tänzerin ein. Ihr Körper findet nun in diese besondere, tanzerwartende Spannung einer erfahrenen Bailarina. Ich spüre nun ihr freies Bein. Höre die Musik, fühle sie nah bei mir, erkenne ihre Bereitschaft, drehe sie sanft und ganz leicht: Dann der erste Impuls.

Ein-zwei erste Schritte und schon erschrecke ich fast, weil mir nun spätestens klar wird, wie wundervoll sie tanzen wird. Sie antwortet mit vollendeter, weich fließender Körperlichkeit. Eine wahre Tänzerin, die sofort in ihrer Bewegung erblüht und die den Tango offenbar zu ihren großen Leidenschaften zählt. Eine, die im Tango lebt. Und die mir daher wohl „eine Nummer zu groß“ sein wird – so denke ich impulsiv. Freudig einerseits, aber auch innehaltend. Vor dieser Bewegungskunst erscheint mir mein eigenes Können beinah als bieder und belanglos. Gleich werde ich wohl ihre Enttäuschung spüren. Sie wird sich wieder lösen von mir und sich zurücknehmen. Gelegentlich habe ich Ähnliches ja durchaus schon erlebt. Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen wachsen wir weiter zusammen. Sie erzeugt nun dieses Vakuum, das Körper aneinanderbindet, schmilzt in mich hinein, kein Hauch eines Zauderns sondern genussvolles, suchendes Anbinden, tiefer, inniger und sinnlicher und sehnsuchtsvoller mit jedem Schritt.

Unsere Körper begreifen sich vom ersten Moment an. Es bedarf kaum noch eines Impulses, sie fließt nun schon ganz leicht und beinah antizipierend in jede Idee hinein – voller Ausdruck und getanzter Spannung und eigener Interpretation. Vielleicht ist SIE es ja auch die meinem Körper die Idee erst vermittelt. Ja, oft ist es wirklich so. Mit jedem Schritt erzählt sie mir ihre Geschichte. Ihr Gesicht hat sich längst an meinem Hals vergraben und ist dort zur Ruhe gekommen. Alles an ihr ist Umarmung, Wahrnehmung und Gespür. Ich verliere das Gefühl für die Zeit. All ihre Konturen spüre ich – ihre Stirn, ihre Augenbrauen, ihre Nase, ihren Atem – ihren ganzen Körper. Und dann ist das erste Stück dieser Tanda schon zu Ende. Wir verharren noch mehrere Sekunden, dann lösen wir uns vorsichtig und ich schaue sie an – sie, die noch immer für Momente die Augen geschlossen hält und dabei leise lächelt und sie dann mit noch offenerem Lächeln öffnet, mich ansieht.

Wir sprechen miteinander. Ich empfinde Bewunderung für sie und ihren Tanz und drücke das auch aus. Und ich kann nun kaum glauben, dass sie mir ebenfalls Komplimente macht und erzählt, wie sehr sie diesen Tanz mit mir genossen habe. Ebenso intensiv. Wie kann das nur sein? Ich bin kein grandioser Tänzer. Durchaus erfahren zwar, aber einer, der nicht zu den technisch brillantesten zählt und der sich der eigenen Baustellen und Unzulänglichkeiten sehr bewusst ist. Sie hingegen tanzt jeden Schritt vollendet, ausdrucksvoll und tänzerisch-elegant.

Doch schon beginnt der nächste Tanz. Er wird noch inniger – wir sind ja schon fast einander vertraut. Sie umschlingt mich und tanzt den Tanz ihres Lebens. Leidenschaftlich. Sinnlich. Mal zart und zögernd, dann pulsierend und wild, dann zärtlich und sphärisch. Nie verlieren wir uns. Es ist, als ob wir jetzt vollständig zusammengewachsen wären. Niemand will diese Innigkeit lösen. Wir sind wie verwoben – nicht nur die Körper, sondern auch in unserem Sehnen. Ich spüre ihr ganzes Lebensgefühl, ihren Ausbruchswunsch, ihre Freude an Hingabe und am Einlassen auf den Augenblick. Es ist reine Schwingung, die uns umgibt. Ihre weibliche Energie ist kraftvoll und zugleich so zart und zerbrechlich und von einer ganz feinen Wehmut durchdrungen. Sie ist immer bei mir, voller Achtsamkeit und spiegelt meine Impulse. Antwortet. Verändert die Tempi schon, wenn ich es nur denke. Sendet mir ihre Wünsche, die mein Körper ansatzlos zu verstehen scheint. Sie ist mit mir vollkommen in der Musik. Gibt sich dem Ereignis hin. Wir lösen uns auch in den Pausen zwischen den Stücken nicht mehr voneinander. Es bedarf zwischen uns keiner Worte mehr.

Mit meiner rechten Umarmungshand nehme ich manchmal Haut an ihrem Rücken wahr. Sie trägt ein schlichtes Kleid mit schmalen Schulterstegen aber mit weitem, zweigeteilten Rückendekolletè. Meistens ruht meine Hand auf diesem Mittelsteg. Bei Drehungen und einigen Figuren findet sie aber ihren blanken Rücken. Ich spüre, dass sie die Berührung ersehnt und sich darauf einlässt. Wie entblößt und verletzlich sie dann wirkt! Und Geborgenheit-suchend.

Meinen linken Arm senke ich manchmal – er braucht seit meinen muskulären Problemen bei langen Tanzabenden immer mal diese Momente der Erholung. Aber es ist auch ein gelegentlich stilbildendes Element, das noch mehr Nähe ermöglicht und auf voller Tanzfläche Raum schafft. Sie nutzt es sofort und kommt nun auch mit ihrer rechten, feingeformten, hautschimmernden Schulter entgegen, hebt diese leicht an und wirkt dabei wie ein Kunstwesen, eine sich bewegende Skulptur, schön und auf fast ergreifende Weise zart, schön und sinnlich.

Wir tanzen diese Tanda, dann die nächste, danach den Vals und danach nochmals zwei. Danach fragt sie, wer ich bin, woher ich komme und betont immer wieder, dass sie unsere Tänze auf ungeheuerliche Weise genießen könne. Dass sie nichts anderes will: ENG tanzen. Nur wenige könnten das wirklich. Meine Umarmung hätte sie ersehnt und genossen… Seit Jahren hätte sie nicht mehr so schön getanzt.

Figuren? Sie waren uns ohne jede Bedeutung. Natürlich geschahen sie auch – aber eher beiläufig nach Aufforderung durch die Musik oder ihrem Temperament – sie machten das eigentliche Tanzerleben nicht aus – eher waren es vielleicht sogar die Pausen oder das Innehalten, auch das gespannte Erwarten und Vorbereiten dessen was kommt. Und über allem: Das getanzte Hineinsinken in die Seele und das getanzte Fließen in die Energie des Anderen. Jetzt schon weiß ich, dass auch ich diesen Tanz nie vergessen werde.

Vielen Dank an einen wunderbaren Leser, der mit uns auf unserem Tangoblog seine magischen Momente teilt.

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