Nicht ohne meine Tango-Schuhe

Sie sind immer dabei, wohin ich auch gehe, denn man weiß nie, was die Nacht oder der Tag noch bringt. Vielleicht ruft mein Tangolehrer an und braucht mich kurzfristig am Abend als Springerin für einen Kurs oder mich überkommt spontan die Tanzlust und nach meinem Theaterbesuch möchte ich noch ein paar Runden drehen. Wenn ich beruflich auf Reisen bin, können sie den Abend retten, denn statt mich mit den Kollegen an der Hotelbar zu betrinken oder allein mit dem Fernsehprogramm im Hotelzimmer zu langweilen, schnappe ich meine Schuhe und suche eine lokale Milonga auf. Ebenso auf privaten Reisen, gerade jetzt zur Urlaubszeit. Städtetrips eignen sich natürlich besonders gut dafür, aber auch an Orten, an denen man es kaum glauben mag, gibt es oftmals Milongas. Wenn ich sie betrete, tauche ich ein in eine fremde und zugleich vertraute Welt, komme in Kontakt mit Menschen, die hier leben und die gleiche Leidenschaft haben wie ich, egal in welchem Land ich bin, wir sprechen eine gemeinsame Sprache: Home away from home.

4 Kommentare zu „Nicht ohne meine Tango-Schuhe

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  1. Ja, das macht Spaß und machen wahrscheinlich viele Tango begeisterte Menschen.
    Mich würde interessieren, ob und inwiefern du regionale Unterschiedlichkeiten feststellst. So kursieren ja Geschichten über die Geschlossenheit der Berliner Tangoszene auf der einen Seite und mein persönlicher Eindruck von einem einmaligen Besuch der Villa Kreuzberg, dass diese doch eher speziell ist (oder wie Karl Lagerfeld mal gemeint hat geäußert hat, wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren).
    Berichte doch mal wie es ist, wie deine Erfahrungen sind. Stechen manche Milongas durch Eleganz und Stil heraus oder ist es wie in Berlin. Ist das Publikum eher jünger oder älter, eher international oder bodenständig regional, eher mit einem künstlerisch ambitionierten oder handwerklich traditionellen Tanzstil anzutreffen.

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    1. Interessante Frage, die auf jeden Fall einen eigenen Artikel wert ist.

      Nun muss ich aber auch eine Lanze für Berlin brechen: Ich tanze generell nicht mit Jogginghosenträgern und habe hier trotzdem genug potentielle Tanzpartner. Aber Berlin ist eben vielfältig. Hier gibt es alles.

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      1. Dann bin ich mal gespannt auf deinen Artikel.

        Entstand doch der heutige Tango Argentino zum Ende des 19. Jahrhunderts am Rio de la Plata zu Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in der Unterschicht der Städte Buenos Aires und Montevideo. Die Schwarzen bildeten damals einen nicht gerade kleinen Teil der Bevölkerung, dazu kamen viele Immigranten aus Italien, Frankreich Polen und Russland, die alle in eher ärmlichen Verhältnissen in den Mietskasernen der Vororte lebten. In diesem Schmelztiegel entwickelten sich die Musik und der Tango.

        Der Tango wurde zuerst von der Oberschicht verschmäht und nur in den Vororten und Bordellen getanzt. Über den Umweg über Paris wurde er allerdings um 1920 herum auch in der Oberschicht populär. Ab Ende der Dreißigerjahre entwickelte er sich zum Massenphänomen, die sogenannte goldene Ära des Tangos. Der Sturz Juran Perons 1955 und der Wechsel zu einer Militärregierung führte zum Niedergang des Tangos. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam es bedingt durch Musiker, die vor der Militärdiktatur nach Frankreich geflohen waren und durch das Interesse an der Musik von Astor Piazolla in Europa und letztendlich auch wieder in Buenos Aires zu einer Renaissance des Tangos.

        Man sieht, dass Tango sich geschichtlich betrachtet wellenförmig entwickelte. Er startete in der Unterschicht, wurde von der Oberschicht aufgenommen und verbreitete sich anschließend in einer dritten Welle in nahezu allen Bevölkerungskreisen.

        Wobei ich schon den Eindruck habe, dass er seine heutige Popularität eher seinen verhaltenstherapeutischen Aspekten verdankt. Tango als positive Aktivität, damit sich Paare kennenlernen und zueinanderfinden, Menschen körperlich und verbal miteinander kommunizieren. Menschen können durch den Tango lernen, Interesse auszudrücken und sich abzugrenzen, in einer Beziehung Impulse setzen und aufnehmen; darüber hinaus spricht er das aktuelle Thema der Achtsamkeit an, da er letztendlich eine reine Achtsamkeitsübung ist. Wenn der Führende die Folgende sicher durch den Raum führt, darauf achtet, dass sie nirgends anstößt, darauf achtet, auf welchem Fuß sie gerade steht usw.. ist das letztlich eine reine Wechselwirkung zwischen Achtsamkeit und Tango Argentino.

        Hebt doch auch Maria Mondino weiter unten in ihrem Blogbeitrag Tango als Tool für die persönliche Entwicklung für mehr Weiblichkeit respektive Männlichkeit und als Weg von der Introvertiertheit zur Extrovertiertheit hervor und betont das heilende Element der Tango Umarmung.

        Andere Autoren nennen Tango als Therapiemöglichkeit bei Depressionen durch das Erleben emotional positiver Erfahrungen, bei Parkinson durch das Training der Motorik, bei Borderline Störungen durch die Fokussierung auf Beziehungen und das Ausdrücken von Gefühlen, sowie als Tool für die Paartherapie, in dem die Paare lernen ihren Partner wieder positiv wahrzunehmen, herauszufinden wie es ihr/ihm emotional geht und wie sie ihr/ihm im Tango angemessen und wertschätzend begegnen können.

        Insofern ließe sich ein Wechsel von der Unterschicht zur Oberschicht zu verhaltenstherapeutisch orientierten und/oder bedürftigen Personen konstatieren.

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