Master of Small-Talk

– Buenos Aires Vibes –

Ich bin kein Small-Talk-Fan, auch nicht beim Tango. In Buenos Aires ist der „Zwischen-den-Tangos-Talk“ aber noch viel bedeutender als bei uns. Hier wird gern das halbe Lied durchgequatscht. Gut, dass dieser Herr, mit dem ich gerade tanze, sich als wahrer Meister des Small-Talks entpuppt, sodass es sogar für mich Small-Talk-Muffel eine wahre Freude ist. Und er kommt dabei ganz ohne zweifelhafte Komplimente aus. Ein kurzes Gesprächsprotokoll:

Der Einstieg ist klassisch. Aufforderung per Cabeceo. Nach dem ersten Lied erfragt er meinen Namen (zugegeben nicht mein liebster Gesprächseinstieg, dennoch genehmigt) und woher ich komme. Er will wissen, ob es mir in Buenos Aires gefällt und wo ich Spanisch gelernt habe. Damit sind die Standardfragen abgegrast. Nun wird es interessant. Über den Cliffhanger meiner Spanischkenntnisse kommen wir nach dem nächsten Tango zu meinem Auslandssemester in Lateinamerika, von dort mit einigen kleinen Nebenschauplätzen zu meinem und seinem jetzigen Job – eigentlich eines meiner Small Talk No-Gos, aber er macht das so nett, dass ich es fast gar nicht bemerke. Die nächste Pause widmet er dem Thema „Tango-Biographie“, verzichtet aber auf die Frage, wie lange ich schon tanze. Stattdessen interessiert ihn, ob mein Lehrer in Berlin Argentinier ist, auf welche Festivals ich fahre und warum ich mir ausgerechnet Tango als Tanz ausgesucht habe. Mit dieser Frage leitet er – unterbrochen durch ein weiteres Lied – auch schon über zum nächsten Thema „dem Tango an sich“, der Philosophie, unserem jeweiligen Verständnis des Tangos. Aus diesen philosophischen Tiefen steigen wir nach einem weiteren Tanz wieder auf und tauschen uns über die Milongas in Buenos Aires aus. Danach wählt er die Musik als Gesprächsthema, fragt mich nach meinem Lieblingsorchester, meiner Lieblingstanda. Daraus entwickelt sich wenig später das Thema Stimmungen und Gefühle beim Tango. Nach dem folgenden Lied wird es noch persönlicher, wir sprechen über Gefühle im Paar und mit dem Tanzpartner. Ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob das Gespräch nun Beiwerk des Tanzes ist oder der Tanz Beiwerk des Gesprächs. Aber eines weiß ich, das waren nun schon viel mehr als nur vier Tangos (es handelte sich um eine Milonga ohne Cortinas). Bevor ich Gefahr laufe, ihm ganz unbemerkt im Small-Talk-Stil all meine Geheimnisse zu offenbaren, leitete ich deshalb mit dem Satz „Lass uns noch einen letzten Tango tanzen“ das Ende unserer Begegnung – zumindest für diesen Moment – ein.

4 Kommentare zu „Master of Small-Talk

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  1. Eine dieser Fragen hat mich beschäftigt:
    “und warum ich mir ausgerechnet Tango als Tanz ausgesucht habe“
    Ich hab mir den Tango nicht ausgesucht, der Tango hat mich ausgesucht (ich wurde von einer Freundin zu einem Kurs überredet, und dann nicht mehr vom Tango losgelassen)

    Gefällt mir

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