Beginner’s Mind

„Beginner’s Mind“ ist ein Ausdruck aus dem Zen Buddhismus, der uns daran erinnert, die Dinge so zu sehen, wie sie sich in der unmittelbaren Wahrnehmung und Erfahrung zeigen, frei von Erwartungen, Bewertungen und Vorurteilen. Die Aufgabe ist, eine altbekannte Sache immer wieder so anzugehen, als sei es das erste Mal. Mit all der Neugier, Begeisterung, aber auch Unsicherheit und Bescheidenheit, die dem ersten Mal eigen ist. Der Anfängergeist, auch Shoshin genannt, ist im Zen ein erstrebenswerter Zustand, den Anfänger geschenkt bekommen und für dessen Erhaltung alle anderen hart arbeiten müssen. Er beinhaltet eine unheimliche Freiheit: Anfängern ist es erlaubt, Fehler zu machen, Dinge auszuprobieren, nicht perfekt zu sein und dabei Freude zu haben.

„In the beginner’s mind there are many possibilities,
in the expert’s mind there are few.“ (Shunryu Suzuki)

Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Anfängergeist im Tango. Scheint der Status „Anfänger“ in der Tangowelt doch etwas zu sein, was die meisten möglichst schnell hinter sich lassen wollen. Fehler sind unerwünscht und egal was passiert, das Tangogesicht muss sitzen. Je abgeklärter, desto besser.

Doch damit nicht genug. Schaut man sich auf den Berliner Tanzflächen um, hat man oft den Eindruck, wer den Anfängerstatus endlich mit großem Ehrgeiz und viel Anstrengung hinter sich gelassen hat, der möchte sicherstellen, dass er nie, nie, nie wieder dorthin zurückfällt. Deshalb wird er*sie am besten gleich Tangolehrer. Drei oder vier unterrichts- und milongaintensive Jahre scheinen dafür schon auszureichen. Von all den inoffiziellen „Lehrern“, die den vermeintlichen Anfängern, insbesondere den Anfängerinnen, bereits bei der kleinsten Unsicherheit mitten auf der Milonga eine Lektion erteilen, möchte ich gar nicht erst sprechen.

Neben dieser Gruppe sucht man auch all diejenigen, die es sich mit ihrer Tango-Routine bequem gemacht haben, in den Anfängergeist-Gefilden vergebens. Zwar tanzen sie vielleicht immer das Gleiche und vielleicht auch immer mit den Gleichen, aber sie wissen zumindest, dass es funktioniert. Spielerisches Ausprobieren, Neues erforschen, Entdeckergeist – Fehlanzeige. Natürlich, Tango ist und bleibt für die meisten von uns ein Hobby. Der Aufwand, den wir dafür betreiben, muss im Rahmen bleiben. Doch sollten wir unseren Tango deshalb so sehr einstauben lassen? Wer nach einer Pause wieder Unterricht bei einem*r seriösen Lehrer*in nimmt, muss sich oft anhören, dass er*sie keinen einzigen Schritt „richtig“ setzt. Diese Erkenntnis ist nicht angenehm, aber wertvoll, denn sie offenbart neue Möglichkeiten. Zurück auf Los, jetzt sofort!

Auf einem kleinen Tango-Festival fragte mich einmal ein Tangolehrer, mit dem ich an der Bar ins Gespräch kam, wie lange ich denn schon Tango tanze. Ich antwortete, ich sei Anfängerin. Er wirkte irritiert und wollte zu meinem Anfängertum unbedingt eine Zahl hören (was ich von dieser Frage halte, habe ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits geschrieben). Ich nannte sie ihm. Er hob die Augenbrauen und dann sagte er: „Ich tanze seit 18 Jahren Tango und auch ich habe meine Baustellen, viele sogar.“ Also lasst uns zu unseren Baustellen stehen und wie Kinder vergnügt in ihnen spielen, statt sie so schnell wie möglich notdürftig zuzuschütten, nur um den Schein des Könnens zu erzeugen, denn – wie wir alle wissen – wurden in so mancher Baugrube schon echte Schätze gefunden.

2 Kommentare zu „Beginner’s Mind

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  1. Tango bringt keine Lebensphilosophie mit sich – aber gut wenn man eine hat! Meine Einstellung ist da nicht weit von Deiner weg, nur würde ich „wie ein Anfänger“ und „ein Anfänger sein“ trennen.

    Die Frage nach den Tangojahren braucht keine Interpretation, ich würde sie entweder beantworten oder nicht. Die Reaktion auf das Understatement „ich bin Anfänger“ schmeichelt dem Ego.
    Und was nützt die Erkenntnis, dass man auch vielen Jahren viele Baustellen hat – welches sind es und will man sie noch angehen oder nicht?

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    1. Mein Gedanke ist: ich habe vor zu tanzen, bis sehr sehr alt bin und wirklich nicht mehr tanzen kann, somit sind die bisherigen Jährchen erst der Anfang. Und vermutlich habe ich gar keine Vorstellung davon, was noch alles kommt.

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