Gastbeitrag: Plädoyer zur Huldigung des Tangoherzens

Plädoyer zur Huldigung des Tangoherzens
Ich bin Anfängerin, ist einer meiner ersten Sätze, wenn ich auf einer Milonga aufgefordert werde. Zum einen möchte ich damit etwas Perfektionsdruck von mir selbst nehmen, zum anderen ist das der Wink mit dem Zaunpfahl an meinen Führenden, es ist meine Art zu sagen bitte gib auf mich acht, weil ich im Zweifel noch nicht so weit bin wie du. Grundsätzlich teilt sich das Feld dann, in mehr oder weniger, drei Lager auf: 1. Die Lehrer, 2. Die Tangogötter und 3. Die Tester.

Die Lehrer
Ein Lehrer möchte, wahrscheinlich aufgrund seiner Erfahrung, der Tanguera etwas beibringen. In der ersten Intention nicht verkehrt, allerdings trifft man diesen Vertreter meist auf einer überfüllten Milonga an. Als Anfängerin bin ich auf einer Milonga immer sehr nervös. Oftmals kenne ich mein Gegenüber nicht und möchte auch nicht, dass er, nach einem Lied, schreiend vor mir davonläuft. Daher ist es eine enorme Herausforderung, wenn ich innerhalb einer Tanda noch schnell eine neue Figur dazu lernen soll. Angenehm ist es noch, wenn es einfach funktioniert. Unangenehmer wird es schon, wenn es nicht so recht gelingen will. Dann spaltet sich diese Gattung nochmals auf, die einen geben auf und tanzen etwas lustlos einfach weiter, die anderen legen meist noch einen drauf und versuchen einen noch schwierigeren Schritt. Daher ist es mitunter vorgekommen, dass ich mir das Ende der Tanda sehnlichst herbeigehofft habe, obwohl ich ein wesentlich schlechteres Tanzniveau hatte. Als Anfängerin komme ich mir mehr als unfähig, verunsichert und zeitweise vollkommen inkompetent vor, wenn ich dermaßen überfordert werde. Und letztendlich kann ich mich auch nicht auf meine Hauptaufgabe, unser gemeinsames Tangoherz, konzentrieren, das macht niemandem Spaß.

Die Tangogötter
Diese Gattung ist wirklich die Krönung der Schöpfung. Es gibt wenige, die wirklich herausragende Tänzer sind. Knackpunkt an der Sache ist, dass sich alle Tangogötter dafür halten. Man hat sich diesem Partner anzupassen und unterzuordnen. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass dieser Partner Rücksicht auf sein Gegenüber oder dessen Tanzniveau nimmt. Unklar ist mir bis heute warum diese Tänzer überhaupt mit mir tanzen – nein entschuldigt: Ich stolpere, er schwebt. Es kommt hinzu, dass man sich äußerst geschmeichelt zeigen sollte, weil dieser Partner auch nicht mehr mit jedem über das Parkett tänzelt. Diese Spezies ist leicht zu erkennen, da auch ihre verbale Kommunikation sehr von sich selbst überzeugt ist. „Ah ich merke schon du hast oft in der offenen Umarmung getanzt und eben nicht mit mir.“ Das war dann auch die letzte Tanda für mich und ihn, denn für eine junge selbstbewusste Frau werde ich so jemandem nicht mein Vertrauen schenken und ihn in mein Herz schließen.

Der Tester
Nun nach zwei von drei oftmals wirklich schwierigen Tanzpartnern müssen diejenigen gewürdigt werden, welche der Grund dafür sind das ich Anfängerin nicht vollkommen verstört den Tango aufgebe. Dieser Führende ist nach meiner Auffassung der einzig wahre Tanguero, er legt großen Wert darauf seine Folgende zu beschützen. Er sorgt dafür das man sich zu aller erst wohl fühlt. Dabei testet er sehr behutsam aus, was man bereits kann und was noch etwas wackelig ist. Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, lächeln beide oder streicheln sich rücksichtsvoll über den Rücken. Er beherrscht die Kunst, die Tanguera durchatmen zu lassen und ihr Zeit zu geben sich neu zu sammeln. Für mich ist er der Inbegriff des Bildes, welches ich vom Tango habe und mir die wunderbare Verbindung meines Tangoherzes ermöglicht.
Es fasziniert mich außerordentlich, was für eine absolut intime Verbindung ich mit manchem Partner habe. Für mich ist die Verbindung des Tangoherzes dabei vollkommen unabhängig von Status, Alter, Aussehen, tänzerischem können, Herkunft, Armut, Reichtum oder Intellekt, der Inbegriff von Toleranz sowie Respekt für mein Gegenüber und dadurch wunderschön. Eventuell kann sich der ein oder andere Vertreter mehr darauf konzentrieren diese Verbindung zu huldigen als künstlich Leistungsdruck zu erzeugen oder das eigene Ego über dieses wunderbare Gefühl zu stellen.

Vielen Dank an Anna für diesen Gastbeitrag!

4 Kommentare zu „Gastbeitrag: Plädoyer zur Huldigung des Tangoherzens

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    1. Nach meinem Eindruck haben Tänzerinnen in den Kinderschuhen weniger Skrupel beim Aufsuchen einer Milonga als das starke Geschlecht. Mir sind in meiner Stamm-Milonga schon etliche Damen ohne Sparringspartner begegnet, die anderenorts einen Kurs belegen.

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      1. Was bedeutet da „Skrupel“? Folgen ist zumindest in den ersten Jahren einfacher, da kann frau sich auch eher auf Milongas bewegen. Deswegen erfüllen sich halt Tanzpartner-Träume noch seltener.

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  1. Dieser Beitrag liegt mir seit seinem Erscheinen schwer im Magen. Eine komische Mischung aus Leistungsdenken, Idealisierung und Klischee.

    Von dem vielen, das mir zu dem Thema einfällt, nur eins: eine junge Frau um die dreißig. Sie hat es im Beruf schon zu etwas gebracht und sie hat ein Problem mit dem Tango, weil sie da eine Situation nicht unter Kontrolle hat.

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