Einfach nur tanzen?

„Oh schau mal, mit wem XY da gerade tanzt. Sie ist doch gar nicht so gut, warum tanzt er bloß mit ihr?“, meine Sitznachbarin weist mit den Augen auf eine Seite der Tanzfläche. Ja, jetzt sehe ich es auch. Kritisch nimmt der ganze Tisch das Tanzpaar unter die Lupe. Sofort beginnen die wildesten Spekulationen. „Ist sie eine Schülerin von ihm?“, fragt eine aus der Runde. „Nein, ich glaube nicht. Aber schau‘ mal, wie tief ihr Dekolleté ist. Klar, dass er in dem Outfit mit ihr tanzt“, mutmaßt ein anderer. „Sie legt es doch ohnehin immer darauf an, mit den Tanzlehrern oder Showtänzern zu tanzen, er ist nur der nächste in der Reihe“, höre ich vom anderen Ende des Tisches. „Wenn es denn beim Tanzen bleiben würde….“, fügt eine Frau vielsagend hinzu. „Du bist doch nur neidisch. Wahrscheinlich nimmt sie reichlich Privatstunden bei ihm“, sagt abgeklärt jemand zu meiner Rechten. „Ach was, da läuft bestimmt was zwischen den beiden“, mischt sich der nächste in die Diskussion ein. Von der anderen Seite des Tisches ruft jemand: „Ich habe gehört, sie hat einen guten Job und ist eine ehrgeizige Tanguera. Er will sie sicher als Schülerin akquirieren, das könnte lukrativ sein.“ „Soweit ich weiß, ist sie gut vernetzt, vielleicht hofft er, dass sie ihm geschäftlich nützlich sein kann? Ich glaube, finanziell sieht’s bei ihm gerade nicht so rosig aus“, vermutet jemand zu meiner Linken. Wieder jemand anderes sagt: „Schau doch mal, wie er tanzt, der ist nicht mehr ganz nüchtern, für den zählt nur noch jung und hübsch.“ „Genau, abschleppen will er sie. Du wirst sehen, gleich wird er ihr auch noch einen Drink ausgeben“, meint jemand, „dafür ist er doch bekannt.“

Die Tanda ist zu Ende. Er bringt sie zurück zu ihrem Platz und stellt sich wieder an die Bar. Kein Drink, keine Visitenkarte, keine Telefonnummer, kein lukrativer Vertrag, kein gemeinsames Verschwinden in der Besenkammer oder stürmisches Verlassen der Milonga. Ist es etwa möglich, dass er tatsächlich einfach nur mit ihr tanzen wollte?

5 Kommentare zu „Einfach nur tanzen?

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  1. Autsch..
    Je öfter ich diese „Geschichten aus Berlin“ lese, um so froher bin, nicht dort tanzen zu müssen.
    Sicher gibt es auch bei uns Neider und Schandmäuler, aber vergleichbares Stammtischgepöbel ist mir noch nicht untergekommen.
    Wenigstens habe ich nun einen neuen Superlativ:
    froh, froher, nicht in Berlin..

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    1. Nur wenn auf der Milonga in der Regel kein Mangel an führenden „herrscht“. Andernfalls dienen sowohl die Überlegungen als auch das Tratschen als Ersatzbeschäftigung dem „nackten Tango-Überleben“. Ich würde jedenfalls nicht erwarten, dass im nächsten Quartal noch alle mit am Tisch sitzen.

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  2. Tratschen unter Tangueros läuft kompakter ab, erst neulich:
    Ich: „Meinst Du die Damen dort drüben sind zum Tanzen oder zum Zuschauen hier?“
    Er: „Zum Tanzen – die Frage ist nur, ob Du bereit bist rüber zu gehen und eine aufzufordern.“
    Ich: „So verzweifelt bin ich nun auch wieder nicht.“
    Standort gewechselt … geschaut … genickt … getanzt …

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