Ich höre, was Du singst, aber ich verstehe es nicht!

Zum Buch Ecken in Buenos Aires – Tangotexte von Homero Manzi herausgegeben von Eckart Haerter.

Die Privatstunde ist fast zu Ende und es kommt der Teil, auf den ich mich immer am meisten freue. In den letzten 10-15 Minuten wird nicht mehr unterrichtet, nicht gesprochen, nicht unterbrochen und auch nicht mehr korrigiert. Es wird nur getanzt.

Ich genieße das sehr und bin meinem Lehrer dankbar, dass er mir dieses „freie“ Tanzen anbietet und galant über alles hinwegsieht, was nicht funktioniert. Manchmal singt er dann die Tangos mit und ich lausche seiner warmen Stimme, was eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf mich hat. Leider verstehe ich kein einziges Wort von dem, was da gesungen wird. Ich kann (noch) kein spanisch. Bisher habe ich mich damit zufrieden gegeben und „nur“ auf die Stimmung, Melodie, das Orchester und den Gesang geachtet. Lediglich im Einzelfall habe ich mir den einen oder anderen Text übersetzen lassen. Auf Dauer jedoch ein recht unbefriedigender Zustand. Ich fing an, nach Übersetzungen zu schauen. Im Internet zu recherchieren ist eine Möglichkeit, aber für mich als eher analogen und bibliophilen Menschen nicht das Optimale. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich in einem Antiquariat auf Ecken in Buenos Aires – Tangotexte von Homero Manzi gestoßen bin. Sogleich gekauft machte ich es mir noch am selben Abend mit dem Büchlein und einem guten argentinischen Rotwein auf der Couch gemütlich und tauchte ein in Manzis Texte. Ich war erstaunt über deren poetische Schönheit und das Fehlen übertriebener Schnulzigkeit. Der Herausgeber Eckart Haerter, selbst Tangotänzer und -lehrer, hat die ausgewählten Tangotexte, zum Teil erstmalig, ins Deutsche übertragen. Besonders gefällt mir, dass diese erst im Original abgedruckt sind und dann die deutsche Übersetzung folgt. Dazu gibt es die Info, wer die Musik zum Text geschrieben hat.

Eine Unterteilung in die Themen Das Barrio, Das Bandoneon, Mann und Frau und Der Tod machen durchaus Sinn, so baut sich beim Lesen jeweils eine gewisse „Grundstimmung“ auf. Textinhalte, die sich einem aufgrund des historischen und/oder kulturellen Kontextes nicht gleich erschließen, werden vom Herausgeber kommentiert und werden so leicht verständlich.

Leider ist das Buch derzeit nicht im Buchhandel bestellbar, aber antiquarisch hat man gute Chancen.
Angabe zu meiner Ausgabe: Ecken in Buenos Aires. Tangotexte von Homero Manzi. Ausgewählt und ins Deutsche übertragen von Eckart Haerter. 168 Seiten. ISBN 3-00-00-4115-X Erschienen 1999.

200[1]

6 Kommentare zu „Ich höre, was Du singst, aber ich verstehe es nicht!

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  1. Danke für den inspirierenden Beitrag. Habe das Buch sofort online bestellt – es ist im Schweizer Buchhandel noch erhältlich als Neuausgabe (z.B. Ex Libris für Fr. 17.10).
    Freue mich auf’s Lesen!

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  2. Als Zuhörer in einem Konzert vermisse ich die Fähigkeit, den Text zu verstehen, aber zum Tanzen brauche ich den Inhalt des Textes nicht. Ich möchte ihn aber gleichwohl nicht missen, denn der ausgesendete emotionalen Inhalt brauche ich wiederum zum Tanzen.

    Und das Erlernen der Sprache verschiebe ich wie so vieles auf später. Danke für den Literaturhinweis.

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    1. …liegt ja vielleicht im Auge der Betrachter*innen, ob Schnulze, gefühlvoller Text oder eindrucksvolle Schilderung einer Situation. Ein bißchen historische Kenntnisse und Ahnung von der Textgattung können bei der Entscheidung helfen 😉

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