Auszüge aus dem Tagebuch einer zwangspausierenden Tangoholikerin – Erster Teil

15. Februar 2018
Ca. 13 Uhr
Ich liege im OP und spüre, wie das Narkosemittel seinem äußerst angenehmen Dienst tut. Die Fuß-Operation lässt sich jetzt nicht mehr verhindern.
Ca.15 Uhr
Liege im Aufwachraum, habe Schmerzen, fühle mich aber noch angenehm high. Bekomme was gegen die Schmerzen – fühle mich noch higher, jetzt ohne Schmerzen. Muss mal fragen, ob ich was für zuhause mitbekommen kann.
16. Februar
11 Uhr
Werde vom Krankentransport nach Hause gefahren und in meine Wohnung in den dritten Stock gehievt! Frage mich, wer einem, von außen betrachtet, dabei mehr Leid tut. Fuß ist dick, tut bei jeder kleinen Bewegung trotz Schmerzmittel weh.
12 Uhr
Brauche jetzt erstmal einen Kaffee! Humple langsam an zwei Gehstützen in die Küche und koche mein Lebenselixier. Fuß pocht. Stehe auf einmal vor dem Problem, wie ich eine volle Tasse ins Wohnzimmer bekomme, wenn ich beide Hände für die Gehstützen brauche. Lösung: Hänge mir einen Beutel um den Hals, darin Kaffee im verschlossenen Thermobecher.
12:10 Uhr
Zurück auf der Couch. Milch für den Kaffee vergessen. Muss weinen.
12:25 Uhr
Trinke Kaffee mit Milch auf der Couch. Zweimal Küche und zurück, fühle mich wie eine Marathon-Heldin.
17 Uhr
M. kommt. Mutiere zu einer Tyrannin und lasse mich gnadenlos bedienen.
17. Februar
Beschließe, dass ich mich in den kommenden Wochen, in denen ich zuhause sein werde, nicht mit Tango beschäftige, damit ich nicht traurig werde.
18 Uhr
U. kommt zu Besuch. Bringt u. a. Pizza mit. Wir reden über Milongas und planen den nächsten Tango-Kurzurlaub.
19. Februar
Erster Verbandswechsel in der Praxis. Sehe zum ersten Mal das volle Ausmaß der Wunde, die Schwellung und das Hämatom. Die Ärztin sagt, es sieht super aus. Mir wird schlecht, versuche, nicht auf meinen Fuß zu brechen und bei Sinnen zu bleiben. Tanzen ist für die nächsten Wochen gestrichen.
20. Februar
Beschließe, dass es nicht schaden kann, ein paar Tangovideos auf You-Tube zu schauen. Werde traurig, leide an Tangoentzug. Tröste mich mit Schoki.
21. Februar
Schaue mehr Tangovideos auf You-Tube und esse noch mehr Schokolade. Abends mit Besuch.
23. Februar
Werde immer fetter. Muss dem Besuch sagen, dass sie nicht so viel Kuchen und Schokolade mitbringen sollen.
25.Februar
Habe Lust auf was Süßes. Muss dem Besuch sagen, dass sie wieder Kuchen und Schokolade mitbringen sollen. Brauche Trostschokolade.
26. Februar
Schaue regelmäßig Tangovideos auf You-Tube, habe Schwierigkeiten, neue zu finden.
27. Februar
Schaue mir Tangomode und –Schuhe im Internet an.
28. Februar
Beschließe, den Tango heute links liegen zu lassen. Links. Erinnere mich, dass mein linker Fuß intakt ist und ich auf ihm kleine Pivots üben könnte.
29. Februar
Erzähle meiner Physiotherapeutin, dass ich am 16. März über das Wochenende zum Tangotanzen nach Rügen fahre. Physiotherapeutin lacht herzhaft. Bin verunsichert.
2. März
Frage meine Ärztin, wann ich wieder tanzen kann. Erinnere sie an ihre Aussage vor der OP, das nach zwei Woche alles wieder o.k. sei. Ärztin schaut mich belustigt an. Ja – nach zwei Wochen ist das Gelenk soweit o.k., dass man mit Physiotherapie anfangen kann. Ich könne ja mal versuchen, so zu tanzen – haha. Das Lachen meiner Ärztin irritiert mich.
3. März
16 Uhr
Sitze mit Verbandschuh und Gehstützen in der Staatsoper. Tristan und Isolde. Barenboim dirigiert. Verdammt enge Sitzreihen.
16:30 Uhr
Stelle fest, dass die Inszenierung nicht meinen Geschmack trifft. Handlung wurde, zumindest vom Bühnenbild her, in die 60er Jahre verlegt. Stelle mir Tristan lieber als Tanguero vor und wie er mit Isolde seine Geschichte tanzt.
17:30 Uhr
Fuß schwillt.
18:30 Uhr
Finde Wagners Musik anstrengend. Stelle fest, dass ich eher der Typ für Barock und Wiener Klassik bin. Oder Tango! Erinnere mich an das Tangokonzert von Barenboim in Buenos Aires. Überlege, ob ich ihn anschreibe und bitte, auch die Staatsoper mal mit Tango zu bespielen.
19 Uhr
Ich leide. Habe Schmerzen. Tristan und Isolde leiden auch.
20 Uhr
Tristan leidet nun fürchterlich und schreit es hinaus. Möchte mitschreien, traue mich aber nicht. Er steht in Jogginghose und Unterhemd auf der Bühne, äußert ungünstiges Outfit bei seiner Fülle. Muss auch dringend abnehmen.
21 Uhr
Tristan ist tot. Frage mich, wie lange ich noch lebe, wenn ich hier nicht bald raushumpeln und meinen Fuß hochlegen kann.
23 Uhr
Liege im Bett und stelle fest, das mir Malena, Maria und Margarita näher sind als Isolde.

2 Kommentare zu „Auszüge aus dem Tagebuch einer zwangspausierenden Tangoholikerin – Erster Teil

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  1. Bitter – ein „Fehltritt“ und die meisten „Tangofreunde“ sind weit, weit weg.
    Wollte mir doch mal ein Ersatzhobby zulegen. Wollte … und dabei blieb es..
    Hoffe der letzte Teil ist bereits geschrieben!

    Gefällt mir

    1. Hallo,
      ein „Fehltritt“ war es nicht 😉
      Aber es ist wirklich spannend,denn wenn ein wenig Abstand zum Tango und dem ganzen Drumherum da ist, wird deutlich, wer von den „Tangofreund*innen“ eben „echte“ Freund*innen sind und wer eher zu den „Zweckbekanntschaften“ gehört. Das kann überraschen, erfreuen aber auch enttäuschen.
      Und ja – Ersatzhobbys – wobei ich eher für gleichwertige Auch-Hobbys wäre – sind wichtig, geraten aber leicht ins Abseits, wenn man „voll auf Tango“ ist.
      Ich kann auf viele andere liebgewonnene Beschäftigungen ausweichen, was sicher gut ist.

      Der letzte Teil des Tagebuches ist kurz vor dem Abschluss!

      Liebe Grüße
      berlintangovibes

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