Ein L packt (sich) aus

coat hanger and L size tag on white

Gestatten, dass ich mich vorstelle?
Ich bin ein L.
Manche böswilligen Modemacher halten mich für ein XL, gutwillige für ein M.

In der Tangowelt habe ich es nicht immer leicht, meist stehe ich neben einem hübschen XS oder sitze zwischen einem S und einem M. Weitere Ls sehe ich selten, oder sie entziehen sich meiner Wahrnehmung. Und ein L, dass 1,82 groß ist, ist kein echtes L, das ist eher ein überdimensionales M.

Außerhalb des Tangos fühle ich mich meistens ganz wohl, mittendrin wäre ich zumindest lieber ein l statt ein L. Manchmal bekomme ich Signale, dass es besser sei, wenn ich zumindest ein M wäre. Ich gebe es zu: ich wäre ja auch gerne ein Elfen-M oder -S. Bin ich aber (noch) nicht und der Weg dahin ist schwieriger, als man meint. Wer es auch schon versucht hat, weiß wovon ich spreche. Wer nicht, behauptet gerne, dass es gaaaaanz „leicht“ sei, sich zu minimieren und ruht sich in seinem XS-Universum aus.

Nun…ich bemühe mich, kann und will aber nix versprechen.
Und bis dahin bin ich dazu übergegangen, mich nicht mehr in allzu weiten Klamotten zu verstecken und Bein und Hüfte zu zeigen, wenn mir danach ist.

Aber ich habe eine Bitte, stellvertretend für alle Ls und XLs: wenn wir Euch nicht gefallen, was Euer gutes Recht ist, behaltet es charmant für Euch.
Denn: Alles andere kann sehr verletzend sein. Und: macht unseren Umfang nicht verantwortlich für Eure Fehler!
Beispiel gefällig?
In einem Kurs, in dem häufig die Partner*innen wechselten, wurde eine nette kleine Tango-Kombination gezeigt. Es funktionierte bei meinen ersten drei Partnern hervorragend. Mit Nummer 4 wollte und wollte es einfach nix werden. Ich meinte, das Problem zu erkennen und es lag nicht bei mir. Der Lehrer, der zu uns kam, bestätigte meine Analyse und gab Hilfestellung.
Dann war der Lehrer wieder weg und auch das Vermögen, die Figur zu tanzen. Mein Tanzpartner sah mich an und sagte: „Es kann mit uns nicht funktionieren!“
„Was? Warum?“
Immerhin etwas verlegen sagte er, dass ich für diese Drehsystem-Pivot-Parada-Gancho-Kombi zu viel sei.
„Was?“
„Na zu viel Körper.“
„Was?“
Er meinte tatsächlich zu viel Körpermasse! Die sei einfach im Weg!
Ich habe zu dieser Äußerung eine klare Meinung und trotzdem hat sie mich verletzt. Ich denke auch nicht, dass ein runderer Körper zu Tanzunfähigkeit führt.
Man kann dies anhand diverser YouTube-Tango-Videos gerne überprüfen.

Ich frage mich, ob es der Konfektionsgrößenpolizei im Tango tatsächlich nur ums Tanzen geht.
Auch ich habe Vorlieben für bestimmte Typen und lasse meine Augen gerne weiden. Dennoch, einige der schönsten Tandas hatte ich nicht mit meinem „Idealmann“. Vielmehr waren es ein Mann, der sehr viel kleiner war als ich, aber eine unglaublich schöne und einfühlsame Verbindung aufbauen konnte, ein Herr, den ich, hätte ich ihn nicht tanzend erlebt, eher mit Rollator und Heizdeckchen in Verbindung gebracht hätte und eine Frau, die ein sehr kräftiges XL war, aber die flotteste und rhythmischste Milonga führte, die ich je tanzen durfte.
Was ich sagen will: die Optik sagt erstmal nichts über das Tanzvermögen und das Tanzerlebnis aus. Über den Charakter im Übrigen auch nicht 😉.
Wenn ich Tanzen gehe, suche ich ein schönes Erlebnis auf der Tanzfläche, eine Begegnung in der Bewegung. Nicht mehr und nicht weniger.

Auch sind mir innere Werte eines Menschen wichtiger als das Aussehen. Und bevor jetzt grollige Einwürfe kommen: Ja, ich mag gepflegte Menschen und möglicherweise bevorzuge ich einen gewissen „Stil“, aber das ordne ich eher dem Charakter zu bzw. der Tatsache, wie jemand für sich selbst sorgt. Nicht zuletzt gibt es da auch noch Sympathie und Antipathie, die sich sowohl auf äußere und innere Werte beziehen kann.
Nach wie vor mag ich Vielfalt in allen Bereichen und ich wünsche mir, dass wir im Tango davon auch ein wenig mehr zulassen, wenn es um die Vielfalt des Aussehens und der „Fülle“ geht.

6 Kommentare zu „Ein L packt (sich) aus

Gib deinen ab

  1. Hallo,
    ich habe jetzt beim Überfliegen des Textes nicht einmal recht herausgelesen, ob Du Weiblein oder Männlein bist, aber das spielt keine Rolle.
    Ich bin Männlein und gehöre sogar in die Fraktion XXXL (den Konfektiongrößen nach) bei knapp 184 cm Länge.
    Jener Tanzlehrer hat nur bedingt recht, leider musste ich diese Erfahrung auch schon machen.
    Obwohl ich selbst beweglich und sportlich bin, musste ich ebenfalls bereits durch die harte Realität lernenen, dass es beim Tanzen tatsächlich ein paar Dinge gibt, die dann gleich sehr viel schwerer zu realisieren sind, wenn zwei pfundige (bayrisch „pfundig“ = ?? 🙂 Menschen aufeinander treffen
    Denn die Masse gleich zweier solcher Menschen verändert alles, Achsen, Zentrum, Abstände usw.
    Soll heißen, 2 füllige Personen werden das nur dann gut beherrschen lernen, wenn sie auch viel MITEINANDER üben und nicht immer nur ein fülliger und ein schlanker Mensch.
    Andererseits, es muss ja nicht immer close embrace sein … und im entfernteren Abstand spielt die Körperfülle nun wirklich absolut keine Rolle mehr.
    Tatsächlich schwierig sind also nur beispielsweise Colgadas einer Art, bei denen man fast „ineinander“ steht … solche Drehungen sind aber klar die Minderheit … also würde ich mir als L (L = oberes Mittelfeld, aber nur nach dem Willen der idiotischen Mode-Industrie) gar nicht solche Gedanken machen. In meinen Augen ist ein Mensch mit „L“ bei 182 Größe sicher nicht das, was ich als füllig bezeichnen würde, sondern ganz normal gebaut.
    Aber lass uns mal ehrlich sein:
    Meistens sind jene mit mehr Masse auch eher etwas unbeweglicher. … und DAS ist das eigentliche Hauptproblem, nicht die Masse selbst. entweder arbeitet man also sehr an sich und wird beweglicher, oder aber man muss lernen, mit den Bedingunegen, die man, hat, gut umzugehen. So einfach ist das.
    Unabhängig davon berechtigt keine Masse der Welt zu unschönen Äußerungen, niemanden und nirgends.
    Wenn ein Tanzlehrer grob gesagt „Du bist zu dick“ ausdrückt, dann ist das, wie ich finde, für einen Tanzlehrer extrem unhöflich und sehr sehr unprofessionell.
    Ich mache Dir einen Vorschlag:
    Betrachte jenen unschönen Kommentar als das, was es ist: Als Armutszeugnis für jenen Tanzlehrer, der nicht in der Lage und zu unflexibel ist, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen.
    Dann kannst Du hoffentlich darüber lachen. 🙂
    Beste Grüße aus MA
    Jürgen

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    1. Hallo Jürgen,
      Danke für Deinen Beitrag. Kleine Korrektur: es war ein Tanzpartner im Kurs, nicht der Tanzlehrer.
      Und ja, ich denke auch, dass Alles letztlich eine Frage der Technik ist 🙂
      Liebe Grüße
      berlintangovibes

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      1. Ich glaube es wird nicht einfach, durch bessere Technik zu kompensieren, wenn man deutlich weniger zum Tanzen kommt als ein ´“Elfen-S“. Zumal naturgemäß nur wenige besonders begabt sind und Mehrheit logischerweise Mittelmaß abliefert.

        Letztens hat es mich in einen Hardcore-Frauentechnik-Workshop verschlagen: Yogamatten, Balanceübungen, Drilltraining, das volle Programm. Size XL … absolute Fehlanzeige. Wenn es eine „Tango-Konfektionsgrößenpolizei“ gibt, dann beschäftigt diese jedenfalls auch weibliche Beamte in ihren Reihen.

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  2. Für mich ist es mit einer ähnlich großen und gewichtigen Partnerin, gemessen an der Bevölkerungsverteilung, am einfachsten. Nun sind das zwei Faktoren unter mehreren und es müssen ja auch nicht immer optimale Vorraussetzungen da sein.
    Aber gibt es vielleicht schlicht zu wenige L-Männer im Tango? 😉

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  3. Ja, wenn man die Frau in ein Kreuz führt und nicht sicher ist, ob sie ihre Beine gekreuzt hat und beim vergewissernden hinunter schauen keinen Blick auf ihre Füße möglich ist, dann ist dies schon eine Herausforderung. Da muss man dann mal kurz spüren, auf welchem Bein steht sie überhaupt, damit man mit dem richtigen Bein weitergeht und es nicht zu einer Kollision kommt.

    Andererseits belohnen auch XXL Frauen ihre Tänzer mit einem glücklich, dankbaren, seligen Blick und es kommt bei den anderen Frauen gut an, wenn man mit ihnen tanzt. Ich erinnere mich an eine Milonga, bei der ich die ganze Zeit mit einer etwas adipösen Frau tanzte. Die Veranstalter riefen dann irgendwann mal zur Damenwahl auf. Ich konnte mich kaum retten. Auf Nachfrage, so gut könnte ich doch gar nicht tanzen, wurde mir von einigen Beauties gesagt, sie hätten mich mit der XXL Lady tanzen gesehen. Ich müsse ein Guter sein.

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    1. Hallo waldstern,
      nun sollte man(n) im Tango ja eh spüren und nicht gucken – so habe ich es jedenfalls gelernt und mache es auch, wenn ich mal führe.
      Und ich bezweifle, dass man die Füße vor „Üppigkeit“ nicht sieht…ich spreche in dem Beitrag ja auch von L und nicht von XXL.
      Mit XXL-Frauen zu tanzen, weil sie dann „dankbar“ sind und es bei anderen „Beauties“ gut ankommt – naja! Ob das die richtigen Motive sind und jemanden zu einem „Guten“ machen? Ich hege da so meine Zweifel…obwohl, eigentlich habe ich dazu eine klare Meinung, die sich sicherlich von selbst erklärt.

      Grüße
      berlintangovibes

      Gefällt 1 Person

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