Hard to Say I’m Sorry

Wer einen Fehler macht, entschuldigt sich. So haben wir es als Kinder gelernt, so ist es höflich, so soll es sein. Auch im Tango. Doch ganz so einfach ist es eben doch nicht.

Den Folgenden wird bereits zu Beginn vermittelt, dass sie sich im Tango niemals entschuldigen müssen. Aus meiner Sicht gibt es ein paar Ausnahmen von dieser Regel, aber grundsätzlich macht man*frau als Folgende*r mit dem Verzicht auf eine Entschuldigung nur selten etwas falsch.

Viel schwieriger ist es für die Führenden.

Die Tango-Etikette verlangt von ihnen besondere Höflichkeit und die Bereitschaft, die Schuld stets auf ihren breiten Schultern zu tragen, egal ob sie „juristisch“ gesehen wirklich schuld sind oder nicht. Stoßen auf der Tanzfläche zwei Paare aneinander, sollen sich beide Führende entschuldigen, um das Eskalationspotenzial zu reduzieren und die Schuldfrage nicht mitten in der Tanda vor ihren jeweiligen Tanzpartner*innen auszufechten.

Komplizierter wird es bei kleinen Missgeschicken innerhalb des Tanzpaares selbst. Unstrittig ist, dass ein schmerzhafter Tritt auf den Fuß der*s Tanzpartners*in eine Entschuldigung nach sich ziehen sollte. Ebenso Momente, die die*den Folgende*n in prekäre Situationen bringen. Von diesen eindeutigen Fällen abgesehen, gibt es eine große Grauzone. Ich hatte schon Tänze, da begleitete ein unablässiges „Sorry, sorry, sorry“ die Musik, was äußerst anstrengend war und dem holprigen Tanz auch den letzten Rest Tanzfluss nahm: Sorry, dass ich so schlecht führe…sorry, dass ich an deinen Fuß stoße…sorry, dass ich die Musik nicht gut interpretiere…sorry, dass du mit mir tanzt…sorry, dass ich überhaupt auf dieser Milonga bin?
Seit ich selbst Führen lerne, verstehe ich den Drang, sich zu entschuldigen. Insbesondere wenn es nicht so richtig flutscht und man sich unsicher fühlt. Während eines Partnerwechsels im Unterricht sagte in einer solchen Situation eine Folgende zu mir: „Du machst das schon ganz gut, aber bitte entschuldige dich nicht ständig.“

Auch das Gegenteil gibt’s: Ein technisch sehr guter Tänzer und ich als damals fortgeschrittene Anfängerin. Bereits während des ersten Liedes wurde der Niveauunterschied mehr als klar und der Tanz für mich äußerst unangenehm. Die Führung an die Folgende anpassen? No way! Der Herr fühlte sich dabei über jegliche Schuld erhaben. An ein „Sorry“ war nicht zu denken. Stattdessen spürte ich, wie seine Führung immer härter und sein Gemüt immer angespannter wurde. „Ich Tango-Gott mache keine Fehler. An allem, was nicht klappt, bist allein du dummes, unfähiges Anfänger-Ding schuld“, schrie er mir körpersprachlich ins Gesicht. Gar nicht schön, überhaupt nicht schön war das.

Ein stetiges Entschuldigungsmantra ist nicht gut. Die totale Verweigerung ebenso wenig. Wann und wie entschuldigt man sich denn nun?

„Missverständnisse sind keine Fehler“, hörte ich einmal eine Tangolehrerin sagen. Ein weiser Satz. Interpretiert ein*e Folgende*r eine Führung anders als sie gemeint war, hat weder sie noch der*die Führende zwangsläufig einen Fehler gemacht. Der Tanz kann meist einfach weiter gehen, der*die Führende passt sich an, eine Entschuldigung ist nicht notwendig.

In anderen Fällen reicht ein Lächeln oder ein sanftes, entschuldigendes Lachen. Auch über den im Tanz ohnehin vorhandenen Körperkontakt lässt sich das „Sorry“ non-verbal gut und dezent transportieren. Ein Streicheln auf der Schulter, ein kurzes, herzliches Drücken… Sollte doch eine verbale Entschuldigung notwendig sein, bevorzuge ich sie beiläufig, leise, fast ins Ohr geflüstert, als etwas, das nur uns beide angeht, und den Tanz und unsere Verbindung nicht belastet, sondern stärkt. Andere Tangueras haben da aber vielleicht andere Vorlieben. Je nach Situation und Persönlichkeit können auch selbstkritische und humorvolle Varianten stimmig sein, besonders wenn man mit einer Person regelmäßiger tanzt. So sagte ein sehr erfahrener Tänzer nach einer absolut missratenen Figur mal schmunzelnd zu mir: „Das ist schon das zweite Mal am heutigen Abend, dass ich das so schlecht führe. Ich sollte diese Figur für heute einfach lassen.“ Und ein anderer Tänzer ist bekannt für den augenzwinkernden Satz: „Jetzt bitte keine Fehler!“

3 Kommentare zu „Hard to Say I’m Sorry

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  1. Hallo,

    ein schöner Beitrag, vielen Dank!

    Innerhalb des Paares finde ich zu viel „entschuldigen“ auch eher störend, neige leider selber auch dazu. Kann mal sein, ok, wenns passt, ansonsten lieber weniger davon… Kleine „Missverständnisse“ kann man auch mit Humor und locker nehmen.
    Insgesamt scheint mir die „Fehler“toleranz in der Tangoszene noch ausbaufähig. Übertriebener Perfektionismus führt zu mangelnder Lockerheit, was denTanzgenuss für mich eher mindert.

    Wir hatten mal einen Workshop, bei dem absichtlich mal der eine, mal der andere, mal beide etwas „falsch“ machen sollten; war sehr lustig und interessant, denn gerade aus vermeintlichen Fehlern können interessante neue Variationen entstehen.

    Schönes Wochenende!

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  2. Ja dieses Entschuldigen. Schon ein Übel. Ich neige auch dazu. Vielleicht nicht in der ausgeprägten Art und Weise, wie du schilderst, aber fremd ist es mir nicht.
    Bislang dachte ich, es wäre eine klassische Reaktion des verunsicherten Mannes. Es ist ja wohl so, dass der Mann sich nicht nur aus sich selbst heraus männlich fühlt. Zum großen Teil wird ein Mann durch das Begehren einer Frau zum Mann. Und die Feuilletons sind voll mit einschlägigen Artikeln über fehlende oder verunsicherte männliche Selbstwirksamkeit.
    Aber dem kann ja gar nicht so sein, wenn du als weibliche Führende nun auch in diesen Entschuldigungsmodus kommst. Was ist es dann?

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