Die Waffen einer Frau

Wenn eine Folgende die Tanzfläche betritt, sieht man es kaum: Das Kleid ist elegant, die Schuhe glitzern im sanften Milongalicht, die Haare sind kunstvoll geflochten, die rot geschminkten Lippen formen ein seliges Lächeln. Sie wirkt zart oder fast ein bisschen zerbrechlich. Doch in Wahrheit ist diese Tänzerin schwer bewaffnet, eine Lara Croft des Tango quasi, gestählt durch die Erfahrungen auf den manchmal rauen Pisten der Stadt. Zum Glück muss sie ihre Geheimwaffen nicht oft einsetzen, dennoch ist sie froh, sie zu haben.

Kommt ihr der Tanzpartner beispielsweise näher als ihr lieb ist, wird ihr linker Arm zu kaltem Stahl und sichert ihr mindestens eine Unterarmlänge Distanz. Entpuppt sich der Führende in der Ronda als Verkehrsrowdy, erstarrt sie zu Beton und lässt sich kaum noch von der Stelle bewegen, schon ist er gemäßigt. Missfallen ihr Elemente des Tanzes gänzlich, fühlt sie sich durch die Führung gar für dumm verkauft oder vorgeführt, kann sie verbale oder körperliche Giftpfeile in Richtung ihres Tanzpartners schießen.
Ihre gefährlichste Waffe trägt sie jedoch unter ihren Füßen, die setzt sie nur ein, wenn die Sache komplett aus dem Ruder läuft. Dann verrutscht auch mal ein Gancho, ein Voleo landet an der gänzlich falschen Stelle und offensichtlich nicht aus Versehen endet ihr Schritt genau mit dem Absatz kraftvoll auf dem Fuß des Führenden.

Doch eigentlich machen sich Frauen ihre frisch manikürten Hände bzw. Füße nicht gern schmutzig. Stattdessen treten sie im Notfall lieber mitten im Tanz einen Schritt zurück, drehen sich um und verlassen hoch erhobenen Hauptes die Tanzfläche.

11 Kommentare zu „Die Waffen einer Frau

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  1. Scheint eine unangenehme Sache zu sein, Tangotanzen in Berlin.
    Gibt’s da eigentlich auch nette Kneipen mit Bier, Billard und Bundesliga? 😉

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      1. Meine Generation wurde vom Terminator geprägt und mein weiblicher Bodygard hat mich im Fokus, wenn ich mit Laras Töchtern tanze.
        I’ll be back!

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    1. Das nennt man wahrscheinlich Berliner Charme und ist den Lokalitäten geschuldet.
      Bei meinen gelegentlichen Berlin Besuchen schaute ich als souveräner Tango Anfänger schon bei manchen Tanzveranstaltungen vorbei. Das Tango Loft liegt in einer No-Go-Area, da bekommst du auf dem Weg dorthin Existenzängste. Alle schwärmen vom Spiegelsaal im Clärchen, ich fand ihn nur morbide. Die Villa Kreuzberg ist zwar ansprechender, aber ein 60-jähriger senkt dort den Altersdurchschnitt. Eine Seniorenveranstaltung. Aber die Leute können sehr gut tanzen, wenn es dich nicht stört, dass sie dabei Kaugummi kauen und Jogginghosen tragen.
      Insofern ist das alles schon ziemlich nah an Bier, Billard und Bundesliga Kneipen dran.

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      1. So unterschiedlich können Wahrnehmungen und Einschätzungen sein.
        Das Loft liegt sicher nicht im Villen-Viertel, aber dort gäbe es so einen Ort wie das Loft eben auch nicht. Als No-Go-Area würde ich den Wedding dennoch nicht bezeichnen. Und der Spiegelsaal – in meiner Welt eher eine besondere Art Berliner shabby-chic.
        In der Villa gibts weit über 60jährige, die mit Jogginghosen und Kaugummi tanzen? Allein das könnte einen Besuch wert sein. Auf jeden Fall ausgefallener als Bier, Billard und Bundesliga Kneipen, oder nicht?
        Klar, es muss nicht jede*r alles mögen. Zum Glück gibts hier viel Vielfalt, sodass jede*r eine Milonga finden kann, auf der er*sie sich wohlfühlt.

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  2. Einen Tanzpartner auf der Tanzfläche stehen lassen… Sorry, aber ich habe – ebenso wie die Führenden – durchaus die Möglichkeit, mir VORHER anzusehen, ob ich Lust auf eine Tanda habe. Und wenn mir das nicht gelingt – bei schwierigen Platzverhältnissen oder wenn ich viel tanze kommt das vor – so ist und bleibt es doch meine Entscheidung ob ich mich auf das „Risiko“ einlasse, womöglich eine für mich unschöne Tanda zu erleben. Kommt vor. Aber rechtfertigt m.E. kein unschönes Verhalten gegenüber dem Tanzpartner. Vielleicht kann er es ja schlicht nicht besser und muss und will noch lernen. Oder er ist unsensibel oder grob – und ich würde vielleicht nicht wieder mit ihm tanzen wollen – aber zu dieser Tanda habe ich mich entschieden.

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