Lektion in Demut

– Buenos Aires Vibes –

Die Tangostunde beginnt. Keine Begrüßung. Frauen auf die eine Seite, Männer auf die andere. Nachmachen, was die Lehrer machen, lautet die unausgesprochene Vorgabe. Die Lehrer stehen vor uns – sie vor den Frauen, er vor den Männern. Beide drehen und verzieren, was das Zeug hält. Wir sollen es ihnen gleich tun. Keine Chance. Doch sie verschwenden keinen Blick darauf zu schauen, ob wir bei dem, was wir zu tun versuchen, auch nur kleine Erfolgserlebnisse haben. Vielleicht wissen sie auch einfach, dass wir diese nicht haben und wollen sich selbst den Anblick und uns die Peinlichkeit ersparen. Mein Blick und der einer Mitschülerin kreuzen sich, beide versuchen wir unbeholfen die schnellen Verzierungen durchzuführen, ohne uns dabei selbst zu treten. Beide scheitern wir hoffnungslos und müssen lachen. Da dreht sich die Lehrerin um, schaut uns streng an, führt ihren Zeigefinger an die Lippen und zischt: „Psssssssst, Chicas.“ Dann macht sie weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Nach einer gefühlten Ewigkeit beginnt der zweite Teil der Stunde. Im Paar. Sie zeigen eine Figur, eine lange Figur, eine ganze Sequenz eigentlich. Sie zeigen sie 3x. Dann verlassen sie die Tanzfläche. Alte Schule. Wir sollen probieren. Wir schauen uns fassungslos an. Wir haben keine Ahnung, wie wir das machen sollen. Immerhin nehmen sie die Figur später etwas auseinander, zeigen zunächst Teile davon, die wir dann zusammensetzen können. Zeit für ausgiebiges Üben oder Fragen bleibt trotzdem nicht. Denn es geht rasant weiter, noch zwei Figuren ähnlichen Ausmaßes haben sie geplant für diese 90-Minuten-Klasse. Als die Stunde zu Ende ist, haben wir vermutlich nicht wahnsinnig viel Tango gelernt, dafür aber Demut: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

12 Kommentare zu „Lektion in Demut

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  1. Also an deiner Stelle würde ich andere Schlüsse ziehen:
    Zu diesem Unterricht gehe ich nie mehr wieder hin. Wäre Zeit- und Geldverschwendung.
    Was erwartest du hier zu lernen? 3 Figuren / Sequenzen in 90 Minuten.. ??
    Sollte doch einleuchten, dass das nichts bringt.
    Dass jedeR noch viel zu lernen hat im Tango, dafür braucht es diese Vorführung sicher nicht.

    Und trotzdem war die Stunde voll?
    Kein Wunder ändern die nicht das Konzept.

    Ich war noch nie in BA, aber es gibt sicher bessere Angebote.

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    1. In Buenos Aires gibt es noch mehr als in Berlin eine große Vielfalt. Ein Ziel meines Aufenthalts war es eben auch, genau diese Vielfalt kennenzulernen. Und wenn man bedenkt, dass früher, bevor es Tangolehrer mit pädagogischen Unterrichtskonzepten gab, tatsächlich mehr oder weniger so gelernt wurde, finde ich es um so faszinierender, dass dabei so gute Tänzer herauskamen.

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      1. Soweit mir bekannt ist, gibt es kommerziell agierende Tango-Lehrer, gar Tango-Unterricht im Klassenverband, in Buenos Aires erst seit es Tango-Touristen dorthin zieht.
        Wobei ich es irgendwie verstehen kann, wenn professionelle Showtänzer – welche jeden Tag stundenlang leistungsorientiert trainieren müssen – die Kundschaft als Bewegungslegastheniker sehen, welche die Dollars besser in Tickets ihrer Shows investieren sollten.
        Aber gut, mittelfristig hat jeder die Lehrer, die er verdient und auch bezahlt…

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  2. Nun ja, das kann man auch in Deutschland finden. Das Tangolehrerpärchen zeigt hochkomplexe Sequenzen und das Publikum steht staunend herum und versucht hilflos irgendetwas nachzumachen. Das habe ich schon häufiger erlebt. Auch in Berlin.
    Wenn man dann nachfragt, was das soll, bekommt man als Antwort, wenn es zu schwierig sei, soll man halt erst mal gehen üben. Das wäre doch auch schön.

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  3. So einen Unterricht würde ich noch während der Stund verlassen, nicht ohne mir vorher für alle sichtbar den Eintritt zurückerstatten zu lassen. Nix Demut. Ich weiß, dass ich nicht gut Tango tanzen kann, das braucht mir keiner zu demonstrieren. Aber offensichtlich brauchen solche Lehrer die Demonstration der Unzufriedenheit ihrer Schüler !

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  4. Ich kann all die Kritik in den Kommentaren absolut nachvollziehen, möchte aber noch einen anderen Aspekt einbringen: Manchmal tendieren Schüler nach meiner Erfahrung dazu, die Verantwortung für den Lernprozess stark an den Lehrer abzugeben. „Wenn ich’s nicht kann, hat er’s mir nicht gut beigebracht.“ Pädagogische Konzepte, die den Schüler sehr „betüdeln“, bestärken das. Bei dem in dem Artikel geschilderten Unterricht trägt der Schüler eine viel größere Verantwortung, die er annimmt, sofern er sich auf diesen Unterricht einlässt. Er muss sich vieles selbst erschließen oder ertüfteln. Dinge, die so gelernt werden, sind erwiesenermaßen auch fester verankert. Früchte trägt das sicher erst, wenn man mehrmals kommt, sich an diesen Lehrstil gewöhnt und vorallem mit bestimmten Elementen, die gezeigt werden, vertrauter wird. Und auch dann wird es nie jedermann*fraus Sache sein. Aber es war auch in der von mir besuchten Stunde zu beobachten, dass Schüler, die an diesen Unterricht gewöhnt waren, davon durchaus mehr profitiert haben. Sie konnten gezielter fragen (in dem mini-kleinen Rahmen, den es dafür gab), intensiver selbständig mit ihren Tanzpartnern an den Figuren arbeiten und sich die Figuren besser erschließen.
    Klar, auch ich finde solchen Unterricht als Unterricht nicht pädagogisch „gut“. Aber diese grundsätzliche Generalkritik wollte ich trotzdem nicht ganz unkommentiert stehen lassen.

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    1. Zuerst mal ist es eine Frage der Ziele: wer Freude an umfangreichen Figuren hat mag gut damit fahren. Solches Vorgehen hat aber einen gravierenden Nachteil: es überfordert den Führenden und unterfordert die Folgende.
      Verantwortung für mein Lernen zu übernehmen hieß für mich, wöchentliche Gruppenkurse abrupt zu beenden, sobald ich auf Milongas halbwegs „schmerzfrei“ tanzen konnte. Hin und wieder Einzelstunden brachten mir ab da mehr.
      Techniktraining hingegen kann m.E. nur wirken, wenn man es selbstständig durchführt. Ein Kurs kann nur Anleitung sein, der zeitliche Umfang ist viel zu gering.

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  5. Ich würde in solche Gruppenkurse in BA nicht gehen. Solche Kurse sind meist nur so ausgelegt. Der Tourist ist sowieso bald wieder weg und überschätzt sich gerne, man muesste wissen wie die Beschreibung der Vorrausetzungen des Kurses war, weil „schwer“ ist auch relativ. Meines Erachtens machen solche Gruppenveranstaltungen nur Sinn um Verbindungen für den Urlaub zu knüpfen. Ansonsten Tangolernen nur im Einzelunterricht. Man kann das Programm vorgeben und der Lehrer kann sich auf einen einstellen. Nebenbei, der Unterricht hier ist oft genug auch nicht anders, nur das der Lehrer meist viel weniger kann schon mit der alleinigen Ausführung eines Ochos überfordert ist.

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  6. Ich hatte mal ein ganz ähnliches Erlebnis bei einer sehr berühmten Tangolehrerin aus BA. Wir sind ziemlich angesäuert und auch etwas entmutigt aus diesem Workshop gegangen und fanden die Lehrerin dann auch entsprechend schlecht. Fast 10 Jahre später muß ich mir nun eingestehen, daß wir uns maßlos überschätzt hatten bei der Auswahl des Workshops. Wir waren schlicht überfordert und wären wir in einen Anfängerworkshop gegangen hätten wir bestimmt viel lernen können.
    Genau so scheint es dir nun in BA ergangen zu sein. Mein Rat wäre, gehe ins DNI und buche eine Einzelstunde mit anschließender Praktika bei einem der Lehrlinge.

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    1. Klar, das ist auch für die Lehrer blöd, wenn in den Fortgeschrittenen-Stunden zu viele nicht Fortgeschrittene sind. Mit solchem Unterricht, macht man das den Schülern dann immerhin klar, dass sie hier (noch) nicht richtig sind.

      Im DNI war ich auch, muss aber gestehen, dass das nicht so meins war. Weder vom Unterricht, noch vom Tangostil. Jedem das seine… Obwohl ich dort eine sehr besondere Tangostunde bei Kerzenschein hatte.

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