Krasse Subkultur

Es ist mal wieder spät geworden auf der Milonga und nun will ich schleunigst nach Hause. Schon als ich aus dem dunklen Hinterhof auf die belebte Straße trete, ereilt mich der erste Kulturschock. Ich bin umringt von „Party People“. Ich setze meinen Scheuklappenblick auf, gucke weder links noch rechts, nur schnell zur Bahn. Auch an der Haltestelle hat die Nacht ihre Spuren hinterlassen: Auf dem Boden liegen Zigarettenkippen, heruntergefallene Pommes und Glasscherben. Es riecht nach Alkohol und Döner. Die meisten Menschen sind aufgedreht und laut, manche auch schon jenseits von gut und böse. Ich sehne mich zurück in die wohlgeordnete Milongagesellschaft. Jetzt verstehe ich sehr gut, warum viele Tangueras und Tangueros sich nach der Milonga lieber ein Taxi gönnen, um das schöne Milongagefühl unbeschadet nach Hause zu bringen. Verzweifelt suche ich den Bahnsteig nach einer anderen verlorenen Tangoseele ab. Leider erfolglos.
Die Bahn fährt ein. Es wird voll. Zwei junge Männer setzen sich zu mir. Sie sind nicht mehr ganz nüchtern, haben sich aber noch unter Kontrolle – also kein Grund zur Sorge. Sie fragen mich, wo ich feiern war. „Ich war Tango tanzen“, antworte ich. Tango tanzen? Wie? Um diese Uhrzeit? Sie sind irritiert. Was man da die ganze Zeit macht, bei so einer Tangoveranstaltung, wollen sie wissen. „Das gleiche, was ihr vermutlich auch gemacht habt“, antworte ich, „Tanzen, Musik hören, Menschen wiedersehen oder neu kennen lernen, sich unterhalten, etwas trinken.“ Aha? Sie schauen ungläubig. Die ganze Nacht? „Ja, die ganze Nacht.“ Ob da nicht nur alte Leute sind, fragen sie. Ich tue beleidigt – sie entschuldigen sich. So haben sie das natürlich nicht gemeint. Wo ich denn sonst abends ausgehe, wollen sie weiter wissen. Ich zähle mehrere Milongas auf. Sie schauen sich erstaunt an. Das kennen sie alles nicht. „Natürlich nicht, das sind alles Tangolocations“, füge ich hinzu. Wie viele Tangoveranstaltungen es denn in Berlin so gäbe, haken sie nach. „Sehr viele, jeden Tag mehrere.“ Ihre Augen werden größer und größer. Sie können sich das alles gar nicht vorstellen, vermuten, dass ich sie auf die Schippe nehme. Ich zeige ihnen zum Beweis meine Tangoschuhe. Das überzeugt sie. „Boah, voll die krasse Subkultur, dieser Tango“, sagen sie noch, dann steigen sie aus.

Ein Kommentar zu „Krasse Subkultur

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: