No Tango in Buenos Aires

Buenos Aires – Vibes

Ich bin in Buenos Aires. Zum Tanzen natürlich. Zwei Milongas habe ich schon besucht und ich will mehr, na klar. Doch daraus wird erstmal nichts, denn ich bin krank und habe absolutes Tanzverbot. Um mir das Herz nicht gar so schwer werden zu lassen, versuche ich, dem Tango komplett aus dem Weg zu gehen. Es gibt schließlich viele Touristen, die hier eine gute Zeit verbringen, obwohl sie absolut nichts mit Tango am Hut haben.

Zunächst ist das auch recht einfach, denn mir geht es wirklich nicht gut, und viel weiter als zum Supermarkt um die Ecke oder zum Arzt bewege ich mich nicht freiwillig. Als ich wieder mehr Energie verspüre, aber noch immer Tanzverbot habe, wage ich vorsichtig erste kleine Sightseeing-Ausflüge und Spaziergänge. Ich versuche, mich vom eigentlichen Zweck der Reise – dem Tango – abzulenken.

Doch obwohl Buenos Aires eine „ganz normale“ Großstadt ist und für die meisten Bewohner Tango vermutlich bei weitem keine so wichtige Rolle spielt wie für uns Tango-Infizierte aus aller Welt, ist der Tango hier doch allgegenwärtig. Wer einmal die Spur aufgenommen hat, kann ihm kaum ausweichen: Auf einem Spaziergang stehe ich plötzlich vor einer Büste von Carlos Gardel, die am Straßenrand etwas unschön in einen Käfig eingesperrt ist. Ganz unverhofft begegnet mir wenig später Aníbal Troilo mit seinem Bandoneon und in der Nähe sehe ich weitere lebensgroße Figuren von wahren Tangolegenden. Als ich an der Escuela DNI Tango vorbeikomme, kehre ich zumindest für einen Kaffee ein und schnuppere diese etwas andere Tangoatmosphäre. An dem Laden mit Tangoschuhen und Tangokleidung kann ich dann auch nicht einfach so vorbeigehen. Auf einem anderen Spaziergang stolpere ich fast über einen Stern, der auf dem Gehsteig eingelassen ist und an Horacio Salgán erinnert. Etwas später spricht mich ein Mann an, der mir unbedingt Tickets für eine Tangoshow verkaufen möchte, deren Plakate mir schon zuvor aufgefallen waren. Wirklich zufällig komme ich am Tango Museum vorbei und kann mir den Besuch dann doch nicht verkneifen. An einem anderen Tag fahre ich mit der U-Bahn ausgerechnet zur Station O. Pugliese. Bevor ich am Salon Canning vorbeilaufe, wechsle ich vorsichtshalber die Straßenseite. Doch vor der Heimat von La Viruta kann ich meinem inneren Drang dann doch nicht widerstehen und schreite den im Boden verewigten Tangoschritt ab. Als ich endlich in einer Ecke der Stadt bin, in der ich mich vor Tango sicher fühle, schaut mich ganz unvermittelt unter einer Brücke ein an den Brückenpfeiler gemalter Bandoneonspieler an und nur wenige Straßenecken weiter erklingt aus einem noch geschlossenen Café, in dem gerade geputzt wird, laute Tangomusik, zu der die putzende Frau lauthals singt. Ich gebe auf, Buenos Aires ohne Tango geht einfach nicht.

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