Manege frei

Hereinspaziert. Gestern auf einer Milonga. Punkt 22.45 Uhr: Tauschtandatime. Dieses Mal gibt es ein Lehrstück – ungewollt.

Mikrodurchsage: „Leute, wisst ihr was, wir üben jetzt Ronda einhalten“ (das klingt wie Malen nach Zahlen. Bloss nicht über den Strich!!!).

Weil Gäste zwar gut zum Zahlen aber schlecht mit Zahlen sind, stellen sich Gast P. aus Argentinien (halb so alt wie die meisten Gäste) und die Hausherrin in die goldene Mitte. Und bringen die Leute auf Spur.

Spot on: „Ich bin euer Verkehrspolizist“. Haha, P. findet das witzig. Jeder darf sein was er will. P. will heute Autorität sein. Während P. lenkt, steht der Hilfsheriff auf Highheels brav daneben.

Mich langweilt es. P. sagt genau das, was ich tagsüber schon in einem Blog gelesen habe. Und dann spielt sich das Schauspiel live vor meinen Augen ab. So, als hätte auch der Gastgeber den Artikel gelesen und dann Gedanken bekommen. Kann ja vorkommen. Lesen bildet…

Ich wäre sicher eine tolle Souffleuse für das diktierende Duo gewesen. Ja, ich hätte mich gern in einer Muschel verkrochen. Erst recht, als mir langsam der Text ausgeht: Der Verkehrspolizist mutiert zum Dompteur, der sich mit ausladendem Gehabe von den netten Zirkustieren distanziert. Hier muss ich Stocken, das stand definitiv nicht im Blog! Ich bin überfordert.

Kommando „Bewegt euch“. Die Pferde beginnen zu traben. P. schnipst den Takt. Sporadisch und ohne Garantie, ihn zu treffen. Er schnalzt, er schnalzt laut. Das Schnipsen wirkt ansteckend. Ein Zuschauer stimmt ein. Hoffentlich, um der Skurrilität die Krone aufzusetzen. Aber wer weiß.

Wie respektlos, denke ich. Dabei schaue ich nur zu. Und was sehe ich? Keines der Pferde schert mit den Hufen oder aus. Scheuklappen oder scheue Klappen. Oder einfach klug genug sich nicht um P. zu scheren.

6 Kommentare zu „Manege frei

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  1. Hilfreich wäre ein Link auf den Blogartikel, da wüsste man doch eher, wovon du berichtest.

    Interessant fand ich deine Bemerkung, dass der Argentinier halb so alt war, wie das durchschnittliche Publikum. Erinnert mich das doch an eine Aussage meiner Tochter, als ich ihr empfahl, in Berlin mal eine Milonga zu besuchen. Sie hatte ein Jahr in Lateinamerika gelebt und ihre Gastschwester studierte Tanz. Sie kann inzwischen also nicht nur perfekt Spanisch, sondern auch die üblichen lateinamerikanischen Tänze wie Salsa, Tango etc.. Da sie gerade in Berlin ein dreimonatiges Praktikum machte, legte ich ihr nahe, mal auf eine Milonga zu gehen. Berlin wäre hier eine Hochburg.
    Ihre spätere Antwort auf meine Nachfrage, wie es gewesen sei, war, „Papi, da sind nur ganz alte, schreckliche, hässliche Frauen, die kein Mann will und die sich nach ein bisschen männlicher Energie und Umarmung sehnen. Da gehe ich nie wieder hin!“

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  2. Es kommt leider viel zuoft vor, dass man vor sich eine Schnarchnase sowie hinter sich einen Drängler hat und sich den verbleibenden Platz dann noch mit einem Lückenspringer teilen muss.
    Die eigene Tänzerin sollte dort möglichst kollisionsfrei hindurch manövriert werden, ohne dass sie von diesen Problemen allzuviel mitbekommt.
    Die Reaktion der Veranstalter sind dann solche Auswüchse.
    Liebe Tänzer, mit mehr als einem Paar auf der Tanzfläche haben wir einen Gesellschaftstanz, der einen Teil der Aufmerksamkeit auf die Umgebung bindet.
    Gönnt eurem Umfeld diesen Teil und alles wird gut.

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  3. Ich bin auch mal „domptiert“ worden, 1997 in Berkeley/San Francisco, aber das ging ganz anders. Es war nicht während der Milonga, sondern eine Einführung oder Practica mit Nora Dinzelbacher. Die Paare stellten sich in einem Kreis auf, hatten eisern die Ronda einzuhalten und alle paar (fest vorgegebene) Schritte verschiedenster Art ging es weiter zum nächsten Partner in Blickrichtung. Eigentlich nichts Besonderes, aber da nahmen wirklich ALLE teil vom Supertänzer bis zum Anfänger, vielleicht 100 bis 200 Leute. Nach der Stunde hatte man vielleicht ein Drittel der möglichen Partner durchprobiert und konnte für die Milonga schon mal planen. Da ging es dann völlig locker zu. Ich habe nie wieder erlebt, wie jemand so charmant und freundlich eine solch große Menge konsequent im Griff hatte.
    Nach der Milonga lud „Miller“ (später Tangolehrer von Christina Ladas) noch zu sich nach Hause zum Tangovideos anschauen ein.

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