Tango bei Mr. Lee oder so ist Berlin

Ich bin eine Berlinerin.
Geboren in Berlin-Schmargendorf, einem Ortsteil des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, als die Stadt noch in Ost und West geteilt war. Damals war Berlin schon bunt, aufregend und international. Mit der Wende hat sich dieser Zustand exorbitant gesteigert, neue Kieze wurden erschlossen,  Szenen erweitert und neu gegründet, vieles provisorisch „zusammengeschustert“.  Doch Einiges davon hat in den letzten Jahren an Charme verloren oder ist ganz untergegangen. Es gibt die Tendenz zu chic, zu teuer, zu „in“.
Umso wärmer wird es mir ums Herz, wenn ich Orte entdecke, an denen mein Berlin noch lebt.
Solch einen Ort fand ich letzten Samstag. Unweit der Bernauer Straße wurde ich auf eine Milonga eingeladen. Von außen sah das Gebäude wie ein normales Wohnhaus aus. Durch den Hof gelangten wir in das Hinterhaus, dessen Flur in mir die Frage aufkommen ließ, ob die Bauaufsicht je schon hier gewesen war? Im dritten Obergeschoss hörten wir dann die ersehnten Tangoklänge – aus einer Schule für Chinesische Kampfsportarten. Wir traten durch die Tür, neben der ein kleiner asiatischer Altar stand,  und befanden uns mitten in einem großen Raum. Tische und Stühle unterschiedlichster Art, liebevoll mit Deckchen und Kerzen geschmückt, standen am Rand der Tanzfläche, die sonst wohl dem Kampftraining diente. An der Wand hingen diverse Schwerter und Wandbehänge mit asiatischen Schriftzeichen, Matten lagen in der Ecke übereinander gestapelt und ein zusammengefalteter Drache, der sich von seinem Löwen- und Drachentanz ausruhen durfte, lag dahinter. Es roch unwiderstehlich gut nach Essen. Wie sich herausstellte, gab es begleitend zur Milonga  köstliche, hausgemachte Empanadas vom Gastgeber. Dieser begrüßte uns auch umgehend und sehr herzlich und integrierte uns in die anwesende Gesellschaft.

Alles in Allem war dies nicht der Ort, an dem ich mir Tango vorstellte. Dieser Ort war weit entfernt von Kronleuchtern, edlem Tanzparkett, gold gerahmten, riesigen und erblindeten Spiegeln. Dennoch, dies war eine der schönsten Milongas, die ich in der letzten Zeit erleben durfte. Die Herzlichkeit des Gastgebers, die liebevolle Herrichtung bzw. Anpassung des Raumes an Tangobedürfnisse, die schöne Musikauswahl und die hervorragenden Empanadas schufen ein bezaubernde Atmosphäre, die ich mir in manchen wunderschönen Ballsälen wünschen würde.

Ob es solche Kleinode auch anderswo gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber für mich ist das typisch Berlin.

Ein Kommentar zu „Tango bei Mr. Lee oder so ist Berlin

Gib deinen ab

  1. Keine Anmerkung zum Tangothema, sondern zum Nebenthema Berlin.

    Die Autorin schreibt über „mein“ (ihr) Berlin. Das hat mich berührt und daran erinnert, dass es auch mal „mein“ Berlin gab: In den 70ern, lang ist’s her, als ich in Berlin studierte. Seither komme ich immer wieder zurück in diese Stadt und habe erlebt, wie schnell sie sich wandelt. In den ersten Jahren hat es mich befremdet, aber inzwischen und schon lange fasziniert es mich. Berlin ist schnelllebiger als andere Großstädte, was sicher auch an seiner spezifischen Geschichte liegt.

    Wahrscheinlich hat jeder länger in Berlin Lebende „sein“ Berlin. Und wahrscheinlich entdeckt er/sie trotz aller heftiger Veränderungen – wie die Bloggerin – immer wieder Kleinode, die sie/ihn sagen lassen: Typisch Berlin!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: