Hawi d’Ehre

 

Unlängst bin ich per Bahn von Berlin nach Wien gereist. Der Schnäppchenpreis war ein Argument, die Aussicht den Christoph Ransmayr (1), den ich gemeinsam mit meinen Tanzschuhen, drei Tage durch Berlin getragen hatte, endlich fertig zu lesen, das viel Bessere. Der Zug stand im untersten Geschoss im hintersten Winkel dieses seltsamen Berliner Hauptbahnhofes, dessen Bestimmung es zu sein scheint, eine Menge Bestimmungen unter einem Dach versammeln zu wollen. Da stand also, ein Ding der ungarischen Staatsbahnen, mit Waggons, die man aus vergangenen Zeiten herübergerettet hatte. Ein Coupé mit dick gepolsterten Fauteuils, welche jenen typischen Mief verbreiten, wie wir ihn aus anständigen alten Wiener Kaffeehäusern kennen, der sich über Jahrzehnte ansammelt, von dem man nur vermutet kann, dass er von tausenden Hosenböden stammt. Aber durch einen gewissen verschwenderischen Charme werden alle Bedenken recht gut kompensiert. Also, grindig (2), wie der Wiener sagt, aber lange noch nicht so abgefuckt, wie der Berliner meint, weshalb ich mir von dieser Bahnfahrt einen höheren Wohlfühlfaktor erwartete, die ich am Ende dann mit einer ordentlichen Raunzerei (3) abschließen könnte. Summa summarum: Wellness für das Gemüt einer Wiener Seele.
Das Ticket wurde von einem sächselnden Ungarn entwertet. Mehr an Unruhe gab es nicht in der 1. Klasse, bis Leipzig. Hier stiegen Mitreisende zu. Es scheint ein germanisches Grundbedürfnis zu sein, einen lesenden Mann, mittels Mirada und Cabeceo, dem ein festes und bestimmtes „Tach“ folgt, aus seiner Bequemlichkeit zu reißen. Dass der Wiener per brummig nasalem „Joh, ehhh,“ sein Innenleben zu schützen versuchte, wird gänzlich missverstanden. Nein, es war keine Zusage, die aufs Parkett führen sollte und schon gar nicht wurde ein: „Ach, n’Wiener, wie nett!“ erwartet. Eine Deutsche die mich mitten aus der Textzeile, “Am Tag der Hinrichtung der beiden…“, in die Alltagsbanalität einer Bahnfahrt schleudert. (4) Na hawi d’Ehre, das wird heiter. (5) Im Groschenroman würde jetzt zu lesen sein: das Unglück nahm seinen Lauf – die Frau setzte sich vis-á-vis und machte es sich bequem.
„Hallo, sie sind doch aus Wien, oder?“ Es fühlt sich nach einer schmerzhaften Form eines Abrazo an. Na, gut, wir haben uns gefunden. Sie kann sich natürlich auch so an einen Mann ranmachen, um ihn zum Komplizen für was-auch-immer zu machen. Ich bin in der langsamen Musik und dem monotonen Rhythmus eines Zugs auf Gleisen. Sie hat offenbar ein Zeitproblem und möchte dynamisch loslegen. Noch immer umweht sie nervöse Energie einer eben Zugestiegenen, die sich nebenbei auch noch organisiert – sprich in einer riesigen Kunstlederhandtasche herum kramt. Schade, denn ihre hellen Augen wären ein Versprechen, aber schwer lastet der Druck meiner immer länger werdenden Antwortpause und ihrer Ungeduld auf meiner Brust. Einen Funken zu lange habe ich in diese Augen geblickt, als dass ich mich noch abwenden könnte, um damit mein Ruhebedürfnis unmissverständlich zu demonstrieren. Meine Ohren werden rot. Unter stillem, verborgenen, Protest werde ich einen Höflichkeitsbasico zulassen.
„Könnte man so sagen, wenn man so wollte,“ antworte ich artig und ziehe damit eine Variante des Wiener Schmähs aus dem Ärmel, die mir alle Optionen offen lässt, um wieder die Führungshoheit zu erlangen. (6)
„Ach, das ist gut. Sie kennen sicher eine Kaffeehausempfehlung?“
„Mädl, da hast was falsch verstanden. Na, sicher ned. Mei Kaffeehaus braucht koane Touristen“, denke ich, während ich ihre Umarmung annehme und wir uns in Position begeben.
„Wo logieren, Gnädigste?“, frage ich. (7)
„Ach, wie heißt das, da muss ich gucken,“ und schon kramt sie wieder in ihrer Tasche. Nichts ist wichtiger als diese Handtasche.
Mit: „A fesche Toschn, Zimmer, Kuchl, Kabinett,“ lade ich zum gemeinsamen Einschwingen ein. (8)
„Ich hab’s: K+K Hotel, sieht richtig schnuckelig aus.“
„Welcher Hieb?“ „Ähm, welcher Bezirk?“ (9)
„Postleitzahl ist 1070, soll’ne gute Gegend da sein, hamse gesagt.“
„Jo, gibt halt welche, die mögen Schnöseln“, murmle ich und denke, dass es erste Fortschritte in unserer zarten Beziehung gibt. Ihre Umarmung ist passender geworden. Ich setze den Seitschritt in Richtung der Zwei. (10)
„Also, da würde ich Madame das Café Mozart empfehlen, das ist Ecke,…“ und schon zückt sie ein Smartphone und setzt eine abrupte Parada. Das Schicksal meint es gut mit mir. Der Schaffner nähert sich.

(1, 4) Christoph Ransmayr, Cox oder der Lauf der Zeit
(2) verstaubt mit Patina, aber noch brauchbar
(3) nörgeln
(5) ich habe die Ehre – als Verabschiedung oder als Ausruf einer Verstimmtheit
(6) Wiener Schmäh ist KEINE Form von Humor, sondern ironisch-zynische Distanzhaltung die nur im direkten Dialog verwendet wird
(7) Antiquierte Anredeformen sind in Wien gebräuchlich. Abhängig vom Tonfall wird Neutralität, Sympathie oder Verachtung ausgedrückt
(8) Eine wirklich schöne Tasche, so groß wie eine Standard-Gemeindewohnung der 1930 er Jahre
(9) Umgangssprachlich für Wiener Bezirk
(10) Arrogant, Eitel – der 7. Wiener Bezirk gilt als Aufsteiger- und Yuppie-Bezirk

 

@ Bernhard Siegl

Bernhard gewährt unter http://www.Tango-Blog.at weitere spannende Einblicke in die Wiener Tangoszene.

3 Kommentare zu „Hawi d’Ehre

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  1. Was für ein schöner Beitrag zum Thema „Tango und Begegnung der Kulturen“! Der zugleich unausgesprochen die oftmals entlastenden Aspekte einer solch nonverbalen Kommunikation ins Bild setzt.

    Und dass diese Art von Zügen fast schon verschwunden, ist ein Trauerspiel!!!

    Als seien Züge vor allem dazu da, Entfernungen schnell zurückzulegen. Und als läge ihre tiefere Bestimmung, wie auch jene von Kaffeehäusern, nicht darin, poetisch eskapistische und literarisch inspirierende Daseins-Zustände zu ermöglichen.

    Ein herzliches Servus nach Wien, Ralf

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  2. Lieber Bernhard, wünsch Dir eine gute Reise!
    Und uns wünsch ich, dass für den Schutz der noch verbliebenen beseelten Rückzugs-Reservate und Musen-Orte die lange überfällige Wertschätzung und Debatte endlich in Gang kommt, damit nicht auch noch ihre wenigen Reste fortgetilgt werden.
    Wien hält hier vermutlich eines der letzten Biotope bereit.
    Die schönen Kaffeehäuser in München sind jedenfalls schon längst von den rotierenden Messern der Mietpreis-Spirale hinweggesenst worden. Fliegerbomben könnten da kaum mehr Schaden anrichten. Dafür eröffnet in deren Ruinen wenigstens nicht gleich der nächste absurd überteuerte und sterile Business-Wichtigtuer-, Schnösel- oder Schickeria-Laden, wie es sie mittlerweile fast nur noch gibt in unserer Stadt.
    München ist leider längst zu einem Sozial-Ghetto für Millionäre, Blender und Hochstapler geworden. Geld in Massen wirkt da wie eine fette Walze, die jede Diversität, alles Echte und Lebendige in kürzester Zeit platt macht. Weil es ja immer nur darum geht, aus allem noch mehr Geld herauszupressen.
    Das hat zwar jetzt scheinbar nicht allzu viel mit dem Tango direkt oder dem Gender-Thema zu tun. Doch irgendwie pflege ich gerne die Illusion auch weiterhin, dass sich in der weltweit wachsenden Tango-Community noch ein Klima entfalten könnte, in dem sich die Sinne für eine poetischere Weltwahrnehmung wieder mehr öffnen.
    Ich denke, was wir alle brauchen, sind mehr Parallel-Welten zu dieser galoppierenden neoliberalen Monokultur. Dieses Glyphosat und Round-up für die Seele.

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