Weibliche bzw. männliche Aspekte im Tango Argentino

Männer wollen wirken, Frauen wollen verstehen. 

Hannah Arendt (jüdisch-deutsch-amerikanische Theoretikerin und Publizistin 1906 – 1975)

Selbstverständlich ist das Eingangszitat heute so generell kaum haltbar. Ich denke, man muss die Radikalität aus dem zeitgeschichtlichen Kontext heraus verstehen. So thematisierte beispielsweise der Journalist Günter Gaus in einem Fernsehinterview mit Hannah Arendt 1964 gleich zu Beginn des etwa einstündigen Gesprächs die Geschlechterfrage. Es war 1964 offensichtlich ungewöhnlich, dass eine Frau allein in einem Fernsehformat interviewt wurde.
Nun ist das Hinterfragen von geschlechtsspezifischen Attributen keineswegs ein isoliert europäisches Phänomen. Man denke nur an die Prinzipien von Yin und Yang im chinesischen Daoismus. Und auch der Tango Argentino spielt mit der Diversität – bisweilen sogar mit der realen oder gefühlten Polarität – der Geschlechter(-rollen).
Ich denke, man sollte nicht dem Irrtum verfallen, geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person zu verknüpfen. Es gibt – so meine ich jedenfalls – ganz viel differenzierende Abstufungen. So mag es Frauen geben, die im Sinne des Zitats von Hannah Arendt männliches Wirken verinnerlicht haben. Ebenso gibt es wahrscheinlich viele Männer, die das weibliche Verstehen in ihr Repertoire der Verhaltensweisen aufgenommen haben.
Wenn die Idee vom Tango als Dialog stimmt, dann erscheint es logisch, dass das weibliche Verstehen im Tango wichtiger ist, als das männliche Wirken. Insofern kann man sich nur wünschen, dass die weibliche Qualität des Verstehens noch stärker im Tango zur Geltung kommt. Ein stärkeres Wirken birgt die Gefahr des Verlustes eines ausgewogenen Dialogs der Geschlechter.

Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung der drei Bloggerinnen der Berliner TangoVibes zu einem Gastbeitrag. Die Idee, Männer zum Weltfrauentag schreiben zu lassen, fand ich bestechend. Ich habe mich deswegen auch sehr bemüht, meinen Beitrag angepasst an die Umgebung – entsprechend kurz zu halten. 🙂

@ Cassiel

Cassiels nur aus seiner Sicht „vollkommen überflüssigen deutschsprachigen Tango-Blog“ findet ihr unter http://www.tangoplauderei.blogspot.de.

 

12 Kommentare zu „Weibliche bzw. männliche Aspekte im Tango Argentino

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  1. Lieber Cassiel,

    finde es erhellend, dass Du das hier vorgegebene Themen-Feld der männlichen Sicht auf den Tango ebenfalls nutzt, eine Meta-Perspektive einzunehmen, indem Du beispielsweise über männliche und weibliche Attribute bzw. die Frage nachsinnst, ob es sie überhaupt in einer Weise gibt, dass sie Männer oder Frauen eindeutig oder zumindest klar unterscheidbar charakterisieren.

    Dabei erwähnst Du sowohl die Yin-und-Yang-Lehre als auch die Gender-Diskussion, in der eher der Standpunkt vertreten wird, so etwas wie Geschlecht sei ja doch nur ein gesellschaftlich geprägtes Konstrukt. Und auch in der Yin-und-Yang-Lehre geht es ja schließlich nicht um ausschließliche Zuschreibungen der darin aufgestellten Dualitäts-Prinzipien von „Männlich“ und „Weiblich“ auf Mann oder Frau, sondern um Tendenzen, die das gesamte Sein durchwirken, im äußeren wie auch im innermenschlichen, wo sie dann eher auf seelische Archetypen verweisen. Damit relativiert diese taoistische Dialektik eine vermeintliche Eindeutigkeit von „Mann“ und „Frau“ ebenso wie die Genderforschung.

    Und ich sehe das ähnlich wie Du, dass Männer und Frauen im Tango nicht miteinander kooperieren könnten, wenn sie nicht auch die ganze Palette der jeweils gegengeschlechtlichen Zuschreibungen in sich trügen. Darin, denke ich, besteht ja gerade auch das auf Synthese und Ganzheitlichkeit zielende Entwicklungs-Potenzial des Tangos.

    Dennoch scheint Hanna Ahrendts These auch heute, zumindest insofern, noch zu gelten, dass sich Männer und Frauen, in der Art und Weise, wie sie mit einem Thema umgehen, tendenziell unterscheiden. Da möchte ich mich selbst gar nicht ausnehmen. Was mir gerade beim Lesen Deines Textes noch einmal so richtig bewusst geworden.

    So scheinen wir Männer doch mehr dazu zu neigen, uns selbst aus einem Thema heraus zu abstrahieren, über das wir Betrachtungen anstellen und lieber allgemein darüber zu reflektieren (das ist übrigens nicht als Kritik gemeint). Ich finde nur, die vielen Beiträge der Blogerinnen hier zeigen doch einfach einen Unterschied auf. Denn die weibliche Sicht darin bezieht die eigene Person, mit ihren jeweiligen Erlebnissen, persönlichen Empfindungen und Prozessen dabei immer klar mit ein.

    Sind wir Männer also vielleicht einfach weniger mutig als die Frauen, uns vor anderen mit all unseren Gefühlen, Selbstzweifeln und Unsicherheiten schonungslos zu offenbaren? (Und verfassen daher lieber Abhandlungen allgemeinerer Natur?) Oder können wir ersteres vielleicht einfach (noch) nicht so gut? Wie siehst Du das denn?

    Unser Nachbar aus Wien, im Zugabteil der 1. Klasse nebenan, scheint sich hier schon mal etwas weniger bedeckt zu halten (schöner Text übrigens!).

    Jedenfalls bin ich schon mal sehr neugierig auf weitere Beiträge von Männern. Oder vielleicht auch noch von Dir?

    Liebe Grüße, Ralf

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  2. Lieber Ralf, schön schreibst Du. Ich finde die Umgebung dieses Gedankenaustauschs sehr angenehm. In einem überwiegend männlich geprägten Medium (dem Internet) bloggen drei Frauen (BerlintangoVibes) und laden männliche Gastautoren ein, anlässlich des Weltfrauentages zu schreiben. In meinem Fall hängt noch ein weiterer Wechsel an, da ich als Mann eine Frau (Hannah Arendt) zitiere. Durch dieses kooperierende Modell ist die Gefahr der Dogmatik und der Missverständnisse minimiert.

    Abgesehen davon sehe ich verschiedene Fallen (sowohl für Frauen, als auch für Männer), sich in dieser Frage zu äußern. So setzen sich Frauen häufiger dem Vorwurf aus, „hysterisch“ zu sein, wenn sie sich zur Genderfrage äußern. Männer können ihre Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie sich quasi als „männliche Emanze“ oder alternativ als „Rauhbein“ dem Thema nähern. Diese Gefahren sind in der aktuellen Umgebung zu vernachlässigen.

    Du schneidest noch ein weiteres Thema an: Die Selbstbeobachtung der Autorinnen hier, die Du im Gegensatz zu unseren (männlichen) eher akstrakteren Wortmeldungen siehst. Ich muss noch einmal darüber nachdenken, aber spontan würde ich sagen, der reflektierende Grundcharakter meines Textes resultiert wahrscheinlich eher aus einer gewissen Scheu, mich dem Thema zu nähern. Für mich ist es jedenfalls evident, dass Männer die Gender-Diskussion nicht dominieren sollten (und damit erneut Frauen zurücksetzen).

    Im Tango gelingt mir das meistens indem ich mich selbst weitestgehend zurücknehme und mich gemäß den tradierten „Codigos“ verhalte. Damit bin ich – so denke ich jedenfalls – auf der sicheren Seite (was meine Person angeht). Aber natürlich nimmt man in der Milonga vieles wahr. Ich kann mich in meiner ganzen Tango-Karriere an genau eine Situation erinnern, in der ich interveniert habe. Eine Herr „belagerte“ penetrant über einen längeren Zeitraum eine Dame und schließlich habe ich diese Dame per Blickkontakt aufgefordert (üblicherweise sind Damen, die sich unterhalten, sicher vor einer Aufforderung). Nachdem wir eine Tanda getanzt hatten, hat sie mich gefragt, ob wir uns noch ein Getränk an der Bar holen und noch ein wenig reden. Das Verhalten des aufdringlichen Zeitgenossens haben wir dabei überhaupt nicht thematisiert (nach ca. 10 Minuten verließ er sowieso die Milonga).
    Eine andere Situation konnte ich nicht so befriedigend auflösen. Es war ein Tango-Wochenende und vor der letzten Milonga traf ich eine Tanguera, mit der ich an dem WE noch gar nicht getanzt habe. Wir redeten kurz und verabredeten uns unverbindlich auf eine spätere gemeinsame Tanda. Kurz vor Ende der Milonga habe ich meinen Sitzplatz gewechselt, da es eine sehr große Milonga war und ich von meiner Position aus sie nicht sehen konnte. Nach bevor ich sie per Blickkontakt auffordern konnte, schob sich ein Herr direkt vor sie, ging in die Knie um einen sog. „Nahfeld-Cabeceo“ zu platzieren. Sie schüttelte mit dem Kopf und damit war dann auch unsere gemeinsame Tanda kaputt. Das Verhalten des entsprechenden Tänzers fand ich mindestens rücksichtslos, vielleicht sogar dominant.

    Zu Deiner letzten Frage: Ich denke, ich kann einigermaßen frei über meine Gefühle, Selbstzweifel usw. in meinem Blog schreiben. Aber ich rede mich leicht … schließlich schreibe ich unter Pseudonym. Das finde ich persönlich sehr angenehm. Ich kann daher nicht sagen, wie es wäre, wenn ich auf einer Milonga auf einen nachdenklichen Text angesprochen würde. Vermutlich wäre ich nicht sehr begeistert.

    Einstweilen viele Grüße

    c.

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  3. Wir danken Euch für die Artikel und die Diskussion.

    Am Freitag habe ich hier in Buenos Aires mit einem Argentinier gesprochen, der mir sagte:“Meine grösste Herausforderung beim Tango ist, gleichzeitig zu denken und zu fühlen.“ Ich stutzte, diesen Gedanken hatte ich noch nie. Ich kann ihn aus Perspektive der Führenden aber nachvollziehen und frage mich seither: Ist das ein Männer-Frauen-Ding oder ein Thema, das eher die Rolle beim Tango betrifft.

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  4. Nun ja, das Eine schließt das Andere vielleicht nicht ganz aus.
    Bei Anfänger-Führenden ist das Denken eben verständlicherweise noch im Vordergrund. Später übernimmt das eigentlich nach und nach ein innerer Autopilot, der die tänzerischen Optionen diskret unter vier Augen mit der Intuition bespricht, ohne damit den Oberflächen-Verstand über Gebühr zu strapazieren und vom Fühlen abzulenken.
    War besagter Argentinier denn noch ein Anfänger?
    Wünsch Dir jedenfalls viele wundervolle Tänze in Buenos Aires, mit guten Tänzern, die mit ihrem Gefühl auf angenehmste Weise präsent sind!
    Auf Cassiels Antwort-Text würde ich gerne ebenfalls kurz Bezug nehmen.
    Darin, Cassiel, hast Du auch einige mögliche Bedenken benannt, sich offen zu äußern. Also, mich würde es nicht stören, wenn ich bei einer Milonga auf irgendeinen meiner Texte angesprochen würde. Wir offenbaren uns im Tanz ja ohnehin andauernd in einer solch umfassenden Weise, wie wir das schriftlich gar nicht könnten. Nur, dass es uns während des Tanzens in der Regel nicht ständig und voll bewusst ist. Letzteres trifft – wenn auch in geringerem Maße – genauso auf das Schreiben zu: Denn jeder Text verrät so manche Geheimnisse über die Autorin/ den Autor, welche dieseR selbst nicht kennt. Publizieren ist – wie das Tanzen – also immer ein Wagnis!
    Und natürlich sollten wir Männer keinerlei Diskussion dominieren. Abgesehen davon, dass Dominanz doch ganz generell etwas ziemlich Uncooles ist, finde ich, wird es jedoch Zeit, dass sich Frauen und Männer, wie auch im Tango üblich, endlich überall auf Augenhöhe begegnen und sich über alle wichtigen Themen des Lebens partnerschaftlich austauschen. Nachdem wir sie in den letzten hundert Jahren – oder noch länger – doch ziemlich alleine für Gleichberechtigung haben kämpfen lassen. Und höchstens darauf reagiert, und versucht haben, irgendwie nachzuziehen.

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    1. Nein, Anfänger war er wahrlich nicht. Aber vielleicht kommen Denkphasen stetig wieder, wenn man weiter am Tanz und insbesondere der Führung arbeitet.
      Leider konnte ich hier bislang nicht viel Tanzen – die Gesundheit hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht -, aber zwei Wochen habe ich noch.

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  5. Das könnte ein Grund sein, wenn jemand sich zum Beispiel permanent neues Repertoire erarbeitet. Aber ich denke schon, dass man das auch dann nicht ständig auf Kosten des Tanzgenusses zu üben braucht, schon gar nicht auf einer Milonga – und noch viel, viel weniger mit einer Tänzerin, die nicht zugleich die eigene Übungspartnerin ist.

    Was einem im Denken festhalten, und hindern kann loszulassen, sind oft genug auch verinnerlichte Ängste, wie nicht gut genug zu sein, für wen oder zu was auch immer.

    Eine solche Selbstaussage wäre jedoch ebenso gut als indirekte Entschuldigung vorstellbar, dafür, sich gerade nicht so entspannt einlassen zu können, wie man es der Situation entsprechend vielleicht gerne gewollt hätte. Möglicherweise hatte er Stress mit seiner Tanzpartnerin oder Freundin, die eventuell noch zugegen gewesen sein könnte auf der Milonga…

    Und in einer derart generalisierten Form wirkt ein solcher Satz zumindest situativ noch entlastender. Niemand muss sich dann persönlich angesprochen fühlen, etwas auf sich beziehen, und niemand braucht sich dazu konkreter noch zu erklären. Wie auch immer …

    Wünsch Dir jedenfalls gute Besserung – a la salute! Ralf

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    1. Der Satz fiel in einem allgemeinen Gespräch über Tango, und bezog sich auf seine Erfahrung mit dem Tango, definitiv war er nicht auf den gemeinsamen Tanz bezogen, weder als Bewertung noch Entschuldigung.

      Die Schwierigkeit des Trennens zwischen Üben und Tanzgenuss ist durchaus etwas, was ich auch kenne. Gerade mit Tanzpartnern, mit denen man auch übt, geht in Phasen intensiven Lernens auch auf Milongas die reine Freude am Tanzen oft sehr leicht verloren.

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  6. Ganz schön meta, dieser Post. Für mich vielleicht etwas zu hoch. Wenn ich lese „geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person “ frage ich mich, was denn nun – reden wir über Statistik, die nur etwas bisher Existentes beschreibt, oder über tatsächlich verbundene Eigenschaften?

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  7. Das kenne ich natürlich auch. Wer nicht? Bleibt aber trotzdem die Frage, was genau er damit gemeint hat, mit seiner ganz allgemein getroffenen Aussage, dass es ihm beim Tanzen schwer falle, Denken und Fühlen in Einklang zu bringen.
    Schließlich hat er ja nicht gesagt, dass es ihm schwer falle, Tanzgenuss und Üben auseinanderzuhalten.
    So wie es aussieht, können wir auch weiterhin nur spekulieren, wenn die Situation, in welcher der Satz gefallen ist, keinen Aufschluss ermöglicht, wie Du sagst.

    Da es einfach ein Mehr an Information bräuchte, um überhaupt auf das eigentliche Thema zu kommen, wäre es doch interessant, so lange nachzufragen, bis verständlich wird, was er genau damit gemeint hat. Ein Interview hierzu, mit ihm, könnte vielleicht auch interessante Aspekte für die „Männerwoche“ in die Diskussion bringen?

    Ansonsten geht es mir da wohl ähnlich wie Dir. Ich hatte einen solchen Gedanken auch noch nie, und kann mit dieser Aussage ebenfalls nicht mehr anfangen.

    So für sich genommen klingt das doch ein wenig, wie wenn ein Geiger sagen würde: Entweder denke ich über mein Spiel nach oder ich empfinde, was ich spiele. Das wäre ebenso merkwürdig. Und eigentlich ist es ja völlig absurd, weil beides untrennbar zusammengehört. Technik und Struktur ohne Aussage und Inhalte, sind leer und sinnlos, nichts als Hohlformen. Und was bleibt vom Gefühl, wenn mir die Sprache fehlt, ihm Ausdruck zu geben, es zu kommunizieren.

    Ich würde ihn, sofern noch möglich, fragen: Was genau ist dein Problem? In welchen Zusammenhängen, Situationen et cetera empfindest Du ein solches Auseinanderdriften in Dir und Deinem Tun?
    Also vielleicht könntest Du noch genauer nachfragen?

    Oder haben hierzu andere Mitreisende noch eine Idee? Bzw. fallen Euch mögliche Erfahrungszusammenhänge für ein entsprechendes Problem ein?

    Cassiel – kannst Du etwas damit anfangen? Könnte es damit zu tun haben, dass Männer eher wirken wollen? Oder vielleicht überhaupt mehr zur Verkopfung neigen als Frauen?
    Und ist es Dir überhaupt Recht, dass wir uns in Deinem Kommentarbereich über dieses Thema weiter auslassen? Sonst können wir damit ja auch in mein Zugabteil hinüberwechseln, um einmal bei Bernhards Reise-Metapher zu bleiben … dort tut sich ohnehin noch nichts, gibt es noch gar keine Kommentare bzw. Mitreisende, dafür jede Menge freier Sitz-Plätze.

    Und dieses ominöse Problem, das sonst vielleicht niemand außer dieser geheimnisvolle Argentinier hat, könnte ja durchaus auch ein Paar-Thema sein?

    Apropos, wie sieht es hier mit den Frauen aus? Kennt Ihr so etwas oder kennt ihr es von bzw. in dem Zusammenspiel mit den Männern?

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  8. Eigentlich wollte ich mich beim Kommentieren in dem Blog der drei Gastgeberinnen aus Berlin etwas zurückhalten. Wir sind alle Gäste und ich neige dazu, ihnen bei der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen den Vortritt zu lassen.
    Weil ich z.T. direkt gefragt wurde möchte ich jedoch kurz schreiben.
    @Yokoito (08.03 13:39)
    Dass Du mit meiner Wortwahl Deine Schwierigkeiten hast, haben wir ja schon mehrfach in meinem Blog durchdiskutiert, damals hast Du noch unter dem Namen w[…] kommentiert. Wenn Du den Satz komplett zitiert hättest, dan wäre auch u.U. klar geworden, was gemeint war (eigentlich kannte ich im Tango bislang nur eine Person, die durch vorsätzliche oder fahrlässige sinnverändernde Kürzungen beim Zitieren aufgefallen ist). Also hier noch einmal der vollständige Satz:

    Ich denke, man sollte nicht dem Irrtum verfallen, geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person zu verknüpfen.

    Ich kann nicht so ganz nachvollziehen, was an dem Satz nun „meta“ sein soll. Geschlecht ist – spätestens seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes aus dem letzten Jahr – kein biologisches Merkmal mehr. [1 BvR 2019/16] Ob es ggf. ein soziologisches Geschlecht gibt, wird selbst unter Experten noch heftig diskutiert. Und der Wertewandel geht weiter. Die o.g. BVerfG-Entscheidung zur Intersexualität ist nach meiner Überzeugung nur ein Anfang (zur Übung möchte ich die Lektüre des Abschnitts RndNr.62 empfehlen). Es wird weitergehen. Nun kann man berechtigterweise die Frage stellen, ob wir uns im Tango mit diesen ausdifferenzierten Gedanken auseinandersetzen wollen. Da kann ich nur meinen Denkansatz präsentieren: Gerade weil wir im Tango häufig mit geschlechtsspezifischen Rollen und Klischees operieren bzw. spielen, sollten wir uns sehr bewusst diesen Themen einmal stellen. Dazu gehört auch die Frage nach Mann und Frau. Es kann doch nicht ernsthaft die Lösung sein, das tradierte Rollenbild vom Rio de la Plata aus der Mitte des letzten Jahrhunderts in die heutigen Milongas zu tragen.
    @Ralf Satori (08.03. 20:50)
    Ich will versuchen, auf Deine direkte Frage zu antworten. Ja, ich kenne das auch. In meiner Tango-Anfangszeit (figurenorientierter-OldSchool-Ansatz) war ich als bekennender Grobmotoriker hoffnungslos überfordert. Kleine Linksdrehung, große Rechtsdrehung (oder war es umgekehrt?), Sandwich, Media Luna, Sacada, Entrada usw. usf. In meiner Einfalt habe ich versucht, es mit dem Kopf zu lösen. Das ist natürlich gründlich daneben gegangen. Ich habe sogar argentinische Lehrer erlebt, die im Kurs gesagt haben, „egal was passiert, die Frau muss (!) immer vor dem Mann stehen“. Man kann sich leicht ausmalen, zu welcher Hatz es gekommen ist.
    In den letzten Jahren sind viele Stunden modernerer Unterricht hinzugekommen und ich kann im Optimalfall mein Hirn sogar ausschalten (genauer gesagt, es geht entspannt von sich aus in den StamdBy-Mode). Das hat in meinem Fall sehr viel mit Basis-Technik zu tun. Irgendein Lehrer benutzte einmal das Bild von einem „Bewegungsgedächtnis bestimmer Körperregionen“, darin steckt die Idee, dass fundamentale Bewegungsabläufe inrgendwann verinnerlicht sind (so ähnlich wie beim Autofahren: Blinker setzen, runterschalten, bremsen, abbiegen). Ich kann die Frage, „ob Männer eher zur Verkopfung neigen“ nicht generell beantworten. Da ich eine stark wissenschaftliche, beinahe analytische Berufsausbildung habe, trifft es in meinem besonderen Fall bestimmt zu.
    Hast Du die Frage mit „Deinem Kommentarbereich“ an mich gerichtet? Ich habe in diesem Blog keinen Kommentarbereich, der „gehört“ den drei Bloggerinnen. Insofern sollten sie diese Frage entscheiden.
    Zu Deiner abschließenden Frage nach kommentierenden Frauen kann ich nur aus meiner Erfahrung mit meinem Blog beisteuern: Das Internet ist (noch) ein überwiegend männlich dominiertes Medium. Der rauher werdende Umgangston, der in den letzen Jahren immer stärker zu beobachten ist, trägt gewiss nicht dazu bei, dass sich Frauen entspannt an Diskussionen beteiligen. Du siehst, es gibt viel zu tun.

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  9. Lieber Ralf, wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich ihn danach fragen und als Interviewpartner stelle ich ihn mir tatsächlich sehr interessant vor.
    Doch vielleicht tritt an dieser Sache auch ein weiterer der – zugegeben – sehr pauschalisierten Mann-Frau-Unterschiede zutage: Ich hätte seinen Satz und dessen subjektive Bedeutung nie so rational in die Tiefe zu ergründen versucht. Mir diente die Aussage als Gedankenanstoß. Was dieser konkrete Mensch mit diesem Satz nun ganz genau meinte und wie das zu bewerten ist, war für mich sekundär. Wichtiger war mir, was der Satz mit mir macht, und was ich daraus mache. Also welche Gedanken sich formen, welche Ideen mir dazu kommen. Weder der eine noch der andere Ansatz ist richtig oder falsch, sie sind nur grundlegend verschieden.
    Nachdem ich Deine und Cassiels Gedanken dazu gelesen habe, kam mir Folgendes in den Sinn: Die Rolle des*r Führenden hat mehr rationale Anteile als die des*r Folgenden, ich denke, das kann man so sagen. Ihr habt ja bereits ausgeführt, dass damit aber nicht unbedingt aktives Denken verbunden ist, sondern es mit wachsender Erfahrung eher wie Autofahren wird. Trotzdem hoffe ich, dass sich dabei kein Autopilot einschaltet. Spricht ein Führender also von der Herausforderung, beim Tango gleichzeitig zu Denken und zu Fühlen, könnte dies auch meinen, Denken und Fühlen zu verschmelzen, also mit dem ganzen Wesen zu tanzen, ohne dass Herz oder Kopf aktiv ausgeschaltet wird und ohne dass das eine das andere im Tanz behindert.

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  10. Auf diesen Gedanken der Synthese und des Einklangs von Fühlen und Denken (im besten Falle) wollte ich hinaus.
    Denn die Verbindung von Herz und Kopf ist doch eigentlich für alles entscheidend. Egal, ob wir ein Instrument spielen, ein Bild malen, in der Liebe, also im Bereich der Beziehung, oder beim Tanzen. Aber ich muss mein Medium, meine Sprache dazu doch immer auch kennen und das jeweilige Themen- und Wirkungsfeld reflektieren, und in dieser Interaktion wiederum mein Gegenüber wie mich selbst. Und: was dabei eben geschieht, zwischen diesem „Ich“ und diesem „Du“. Auch hierin, denke ich, ist dieses Reflektieren nichts rein rationales, sondern eher ein ganzheitliches Geschehen, das alle Ebenen anspricht, fordert und mit einbezieht.
    Dabei kann ich mich gerade nicht auf einen Autopiloten verlassen!
    Dieser Autopilot (im positiven Sinne) bezieht sich nur auf die sprachlich-strukturelle Ebene. Um beim Beispiel des Tangotanzens zu bleiben: Um gut miteinander tanzen zu können, darf meine Aufmerksamkeit nicht mehr allzu stark davon absorbiert sein, wie ich bestimmte Bewegungs-Elemente auszuführen oder -Abläufe ineinander zu weben habe (wenn wir einmal von der Rolle des Führenden ausgehen) Denn erst dann kann ich meine ganze Aufmerksamkeit der Kommunikation an sich zuwenden. Oder um noch einmal das Beispiel mit der Musik heranzuziehen. Gut improvisieren kann ich dort auf meinem Instrument ja auch nur, wenn ich nicht mehr über Ton- und Harmonie-Systeme nachdenken muss oder, was es alles erfordert, zwischen Tonarten hin und her zu wechseln. Also ist damit natürlich nicht automatisiertes Spielen oder Tanzen gemeint.
    Und ich denke zwar ebenso, dass die männliche Rolle einen höheren rationalen Anteil erfordert und beinhaltet. Doch vor allem in ihrer grundlegenden Erarbeitung und gar nicht mehr so sehr in ihrer Anwendung.
    Denn sobald deren Anforderungen auf einem bestimmten technischen Niveau einmal bewältigt und damit auch verinnerlicht sind, Gefühl, Instinkt, Intuition und Ratio im Sich-gegenseitig-aufeinander-Beziehen auf dieser Ebene also zusammenfinden können, sollte bei einem guten Tänzer in der führenden Rolle kein rationalistischer Rest-Anteil, soz. als un-integriertes Anhängsel, mehr übrig bleiben.
    Und an dieser Stelle möchte ich, lieber Cassiel, gerne noch auf Deine Antwort eingehen: Ich wollte Dir mit meinem etwas humoristisch gemeinten Schlenker nicht zu nahe treten. Vor allem warst mit „verkopft“ dabei schon gar nicht Du gemeint! Wollte damit einfach nur den Bezug zu Deinem Artikel ins Spiel bringen und zugleich die Frage (unserer Korrespondenz-Partnerin) an Dich weitergeben, da mir erst einmal nichts mehr dazu einfiel.
    Natürlich gibt es zwischen „verkopft“ und „reflektiert“ nicht nur einen Unterschied. Es ist für mich, wie ich weiter oben versucht habe zu formulieren, etwas grundlegend Verschiedenes. Benennt ersteres eine Einseitigkeit, beinhaltet zweiteres zumindest die Möglichkeit eines vollumfänglich ganzheitlichen Vorgangs.
    Und was Deine Idee der Zurückhaltung als Gast hier anbelangt… so glaube ich eher, dass wir der Einladung, hier für einige Tage aus dem „männlichen Blickwinkel“ auf das Tango-Geschehen schreiben zu dürfen, am besten unsere Wertschatzung zum Ausdruck bringen, indem wir ihr folgen und uns so gut wie wir es können, eben einbringen.
    Und was die Frage nach „Deinem Kommentarbereich“ anbelangt, hatte ich damit nur darauf angespielt, dass er sich ja schließlich unter Deinem Artikel befindet und dort, so wie ich vermutete, vor allem Kommentare stehen sollten, die sich direkt oder zumindest indirekt auf diesen beziehen. Es war nur als Aufmerksamkeit gemeint, nichts weiter.

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