Tango, Paardynamik und -therapie

Tango in Verbindung mit Paartherapie erscheint genauso naheliegend wie oft auch dringlich, jedenfalls für Paare in chronischen Krisensituationen. Und das sind erfahrungsgemäß gar nicht so wenige, unter all denen, die frisch zum Tango kommen.
Außerdem besitzt dieser Tanz von seinem ganzen Wesen her auch noch eine ziemlich herausfordernde Seite für Paare, mit der sie dort nach und nach zusätzlich konfrontiert werden. Nicht selten brechen latent vorhandene Konflikt-Potenziale erst so richtig durch, drängen ins Bewusstsein und werden akut, sobald ein Paar beginnt, den Tanz miteinander zu erlernen und auf Milongas zu gehen. Spätestens dann hält das Themenfeld „Freiheit und (Ver-)Bindung“, eine der Kern-Polaritäten in der Struktur des Tanzes, massiv Einzug auf die Beziehungs-Bühne. Häufig auch mehr oder minder in not- und schmerzverursachender Weise, aus dem Dilemma zwischen einem Festhalten-Wollen des Partners und Eifersucht auf der einen Seite, und dem Wunsch zugleich, sich in diesem neuen Erfahrungs- und Erlebnisfeld auch selbst möglichst frei zu bewegen, sich ohne enge Beziehungsfesseln neu zu erfahren und tänzerisch weiterzuentwickeln.
Dieses Spannungsfeld überzieht Paare dann nicht selten mit einer Vielzahl sich konkret äußernder Konflikte, die sie schnell an die Grenzen ihrer Gelassenheit, Integrations- und Lösungsfähigkeit bringen können. Solchen Problemen wohnt jedoch zugleich ein immenses Wachstums-Potenzial inne, das für die persönliche wie auch gemeinsame Weiterentwicklung genutzt werden kann. Wie weit dies möglich ist, hängt allerdings von so einigen Faktoren ab: beispielsweise davon, wie es um die polaren Bindungskräfte von Liebe und Begehren bestellt ist oder wie gut diese noch erhalten sind; aber vor allem davon, wie sich in diesem Prozess die dynamisch veränderliche Balance von als noch positiv empfundener Herausforderung und schon weitgehender Überforderung beider Seiten gestaltet. Letzteres ist sicherlich nicht zuletzt von der Beschaffenheit der inneren Stabilität jedes Einzelnen abhängig – und diese wiederum von seinen ganz persönlichen Ressourcen an „Bindungssicherheit und Freiheitsbefähigung“. Beides entwickeln wir im Einklang miteinander während unserer erst Lebensjahre oder auch nicht. Diese Grund-Pole jeglichen Beziehungsgeschehens, die auch für den Tango als Tanz bestimmend sind und in dessen Umfeld leicht eine konflikthafte Zuspitzung erfahren können, bilden ein ganz großes Koordinatensystem für mögliche Paar-Probleme.
​Abgesehen von diesem potenziellen Minenfeld lässt sich der Tanz aber auch hervorragend als diagnostisch-therapeutisches Mittel nutzen, da die Art und Weise, wie ein Paar sich umarmt, miteinander verbindet, gemeinsam ins Fließen oder Stocken kommt und wie – bzw. ob – dies kommuniziert wird, gegenseitige Fehlertoleranz/Schuldzuweisungen, Kampf/Kooperation, wer führt/folgt…, wichtige Aufschlüsse über Beziehungs-Qualitäten und -Muster bzw. Blockaden sowie -Ungleichgewichte (auch noch anderer Art) gibt.
Denn die sinnlich-nonverbale Kommunikation des Tango beinhaltet vor allem Hinweise auf Beziehungsstrukturen.
Zudem sind alle vergangenen und aktuellen Erfahrungsebenen dem Körper eingeschrieben: Persönlichkeit, Identität, Lebenseinstellung, Verhaltensmuster und unbewusste Glaubenssätze et cetera drücken sich in Körperhaltung, -Struktur sowie in unseren Ausdrucks-, Kommunikations- und Gestaltungsmöglichkeiten aus. Man kann nicht nicht kommunizieren, worauf auch der Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick verweist. Im Tango, wo sich dieser gesamte Bereich wie unter einer Vergrößerungs-Linse zeigt, gilt das erst Recht! Man spürt im Tango den Partner, wie er ist oder nicht ist, überdeutlich. Und nichts davon lässt sich dort mehr ausblenden! Der Tango macht uns vor aller Augen zu einem offenen Buch, während er sich zusehends darin einschreibt und dieses Buch dabei verändert …
Zugleich aber bietet dieser Tanz ein Feld an, die sich zeigenden Kontakt- und Beziehungsschwierigkeiten, Wahrnehmungs- und Koordinationsstörungen spielerisch-humorvoll zu bearbeiten.
Doch da diese Paarthemen stets auch auf die jeweiligen Innenwelten der Beteiligten, ihre frühkindlichen Prägungsmuster, verweisen, kann es hierbei leicht heikel werden! Manchmal bedarf es an dieser Schwelle der Einbindung eines erfahrenen tiefenpsychologisch arbeitenden Psychotherapeuten, dem sich die Eine oder der Andere, wo nötig, auch in der Einzelarbeit anvertrauen kann. Denn all die persönlichen Beziehungs-Strukturen, die mit denen der Partnerin interagieren, stellen das Innerste unseres Betriebs-Systems dar. Dort einzudringen und darin womöglich schlafende Hunde zu wecken, ohne tieferes Wissen und Erfahrung mitzubringen, kann einen Menschen und damit seine gesamte Existenz aus der Bahn katapultieren.
Ein verantwortungsvoll handelnder Tangolehrer sollte also stets seine Grenzen kennen und sich niemals für einen Therapeuten halten! Selbst dann nicht, wenn er/sie in langjähriger Praxis zunehmend in das Erfahrungsfeld der vermittelnden und behutsam beratenden Arbeit mit Paaren in Krisensituationen, während des Einzel- und Kursunterrichts, hineingewachsen ist. Möchte er dabei weitergehen, bedarf es einer langjährigen therapeutischen Ausbildung. Ich persönlich habe großen Respekt vor den Grenzen und inneren Widerständen derer, die in meinen Unterricht wie auch in meine tango-basierte Paarberatung kommen. Sie sind, finde ich, zu respektieren. Denn Widerständen und Grenzen kommt auch eine wichtige Schutzfunktion zu.

Und natürlich beschäftigt mich die Frage – beruflich wie auch persönlich – sehr, warum so viele Paare sich so grundbelastet und oft an der Kante miteinander fühlen. Warum in unserer Zeit und Kultur Beziehung als etwas so Schwieriges erlebt wird:
Nun, wer kennt es nicht, die Enge und das Gefühl der Selbst-Reduktion, in einer Zweierbeziehung!? Und wie oft habe ich den Satz schon gehört, von einer Seite, wenn es zu einer Trennung kommt, auch bei Paaren, die an meinem Tangounterricht teilnehmen: „Endlich hab ich mein Leben wieder.“ Doch wo war dieses Leben vorher? Und warum erscheint es in manchen Beziehungen so schwer, es darin aufrechtzuerhalten? Und wie leben wir tatsächlich nach einer solchen Trennung unser Leben? Leben wir es denn danach wirklich? Oder fühlen wir uns darin vielleicht nur bald schon wieder einsam und verloren und sehnen uns mit wachsender Tendenz nach der Geborgenheit einer Zweierbeziehung zurück? Schließlich verlieben wir uns erneut. Das sogenannte Leben leuchtet ein weiteres Mal in den schönsten Farben auf; und wir fühlen uns durch und durch lebendig und verbunden mit allem.
​Und weil es so schön ist, wünschen wir uns gleich wieder gaaanz viel Nähe und Gemeinsamkeit mit diesem anderen Menschen. Und schon beginnen wir aufs Neue, Schleife zu fahren, mit den vermeintlich unzuvereinbarenden Bedürfnissen nach Freiheit und Nähe – nur eben in der nächsten Beziehung. Doch letztlich bleibt alles beim Alten, wie wir es schon kannten.

Es fällt Paaren oft nicht leicht, ein freiheitliches Klima in ihrer Beziehung zu pflegen, in dem neben Nähe und Verbindlichkeit in gleicher Weise auch der Respekt vor den Grenzen und Freiheitsbedürfnissen des Partners gedeihen können – wie auch vor den eigenen. Die Gründe hierfür mögen vor allem in der Kindheit liegen, einerseits durch die Verinnerlichung des elterlichen Beziehungsmodelles, doch natürlich ebenso durch den entwicklungsbedingten Stand unserer Potenziale von Bindungs- und Freiheitsfähigkeit, letztere beispielsweise in Form selbstbestimmten Handelns, auch im Rahmen einer Beziehung, zu leben. Zudem beide Seiten nicht einander im Widerspruch zu empfinden.
Denn ein gemeinsames Leben, das diese Bezeichnung im besten Sinne auch verdient, speist sich immer zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der selbstständigen und singulären Erlebnis-Sphäre beider Teilhabenden.
Insofern ist Autonomie und Selbständigkeit – wie uns das gerade der Tango stets vor Augen führt – nichts, das die Paarbeziehung in Frage zu stellen oder zu untergraben braucht, sondern ganz im Gegenteil – ihre Existenz-Bedingung.
Andererseits – und das zeigt uns ebenfalls der Tango – stellt ein Kontinuum achtsamer Hingabe aneinander ihr eigentliches Feld dar, die Selbstständigkeit dazu nur die Basis. Jedenfalls im Hinblick auf die Paar-Beziehung und den Tanz. Doch natürlich ist der Mensch immer mehr als nur Teil eines Paares und sollte darauf achtgeben, es auch zu bleiben.

Um ein einigermaßen erfülltes Leben führen zu können und in sich Liebesfähigkeit zu entfalten, bedarf es also immer eines „Sowohl-als-auch“, also der Integration beider Pole zu einer Einheit hin. Der Tango führt uns diese Synthese vor Augen und fordert sie uns zugleich ab, egal wie schwer es einem Paar fallen mag. Darin scheint einer seiner wesentlichen Lern- und Geburtsprozesse zu bestehen.

© Ralf Sartori

Ralf ist ein Tausendsassa, mehr erfahrt ihr unter http://www.tango-a-la-carte.de.
Der Text ist in wesentlich längerer Fassung auch in Band 6 seiner Buchreihe TANGO GLOBAL enthalten, mit dem Titel: „Die Essays – Teil 2“, der im Juni 2018 im Münchner Allitera Verlag erscheint. Der erste Teil ist unter dem Titel „Die Essays/Über den Tango, das Leben und den ganzen Rest” als Band 5 derselben Reihe erschienen.

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