30 Euro für 30 Sekunden

30 Euro hat der Workshop auf diesem Festival gekostet. Sehr viele Paare nehmen teil. Man ist hier nicht primär, um zu lernen oder weil man tänzerisch den großen Wurf erhofft, sondern um die berühmten Maestros zu erleben.

Doch irgendwie hakt es bei uns gerade noch mit der Figur, die wir üben sollen. So richtig kriegen wir sie nicht hin. Der Maestro sieht das, er kommt und zeigt uns die Schrittfolge erneut – mit mir. Er erklärt dabei meinem Tanzpartner, der neben uns steht, worauf er achten muss. Alles sehr technisch und sachlich. Dann – immer noch in der Umarmung – strahlt er mich an und sagt: „Okay, let’s go again.“ Er umarmt mich jetzt enger, ich spüre seinen Atem, seinen Herzschlag. Ich habe das Gefühl, die Vorderseiten unserer Brustkörbe verschmelzen miteinander. Nicht mehr zwei, sondern eins. Hilfe, ist das schön. Ich kann vor Aufregung kaum mehr atmen, mein Herz rast, meine Handflächen werden feucht. Hoffentlich werde ich nicht ohnmächtig. Dann deutet er den ersten Schritt an. Eins, zwei, drei Schritte werden es. So sanft und doch so klar. Wie auf Watte. Er tanzt die Figur einmal und ein zweites Mal, macht eine Pause, atmet, verbindet sich erneut mit mir, noch intensiver, noch näher. Meine Knie werden weich. Wieder ein paar Schritte, noch einmal die Figur. Dann hält er an, löst behutsam die Umarmung. Während ich noch auf dem Weg zurück in die Realität bin, schaut er mich mit seinen blitzblanken Augen an. „Nice“, sagt er (das sagen sie immer), drückt mich kurz und verschwindet. 30 Euro hat der Workshop gekostet, das macht ca. 1 Euro pro Sekunde mit ihm. Es war jeden Cent wert.

4 Kommentare zu „30 Euro für 30 Sekunden

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  1. Ich kann das gut nachvollziehen. Eine tanzende Freundin von mir meinte einaml, dass sie mit einem erfahrenen Tänzer Figuren hin bekommt, von denen weiß nicht einmal, dass sie existieren.
    Aber ich sehe noch einen anderen Aspekt in dem Bericht. Es geht um Nähe, Verbindung, um den gemeinsamen Flow, das gemeinsame Aufgehen im Tango. Letzthin berichtete beispielsweise die vorgenannte Frau, dass mitten im Tanz ihr Tanzpartner angefangen hat zu weinen. Auf ihre Nachfrage hätte er gesagt, er fände es schade und so traurig, dass ihm da was mit ihr gelinge,das ihm mit seiner Ehefrau nicht gelänge.
    Tango ist glaube ich auch gefährlich.

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    1. Gefährlich auf jeden Fall!
      Manchmal stelle ich mir die Frage, wie viel Flow und Verbindung sich einfach durch Technik herstellen lässt und wie viel „Magie“ oder „Chemie“ noch dazu kommen muss, damit es zu diesem besonderen gemeinsamen Aufgehen im Tanz kommt.

      Gefällt 1 Person

      1. Da sich die Magie ja bereits beim Gegen entwickeln kann, sehe ich für mich hinsichtlich deiner Frage die Antwort in dem bekannten Statement von Woody Allen auf die ihm gestellte Frage, ob man Sex lernen muss: „Ja, aber es macht auch Spaß, wenn man ihn nicht gelernt hat!“
        Wer die Technik drauf hat und sich ein gewisses Repertoire zu eigen gemacht hat, kann es halt besser.

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