Nickerchen

Ich war nie ein Fan von Nickerchen, Mittagsschlaf, Powernapping oder wie auch immer man es nennen möchte. Schon als Kind, wenn meine Oma nach dem Mittagessen sagte:  „Komm wir machen mal kurz die Augen zu.“, war das für mich der Moment zum Wegrennen oder lautstarken Protestieren. Ich fand das unnötig und überflüssig. Als ich meinen ersten freiwilligen Mittagsschlaf gemacht habe, war ich mitten in der Teenagerzeit. Nach einer zu kurzen Nacht legte ich mich nachmittags nach den Hausaufgaben hin und wachte am frühen Abend wieder auf. Da ich gar nicht daran gewöhnt war, tagsüber zu schlafen, lief nach dem Aufstehen mein Morgen-Programm automatisch ab. Erst als ich zum „Frühstück“ in die Küche kam, bemerkte ich, dass es nicht morgens, sondern noch abends war. Kurzum: Tagsüber schlafen war nicht meins.
Seit ich Tango tanze, ist das anders – okay, vielleicht, aber nur vielleicht, spielt auch das fortschreitende Alter eine Rolle. Marathons und Festivals oder auch Milonga-Städtetrips sind ohne die berühmten Nickerchen kaum zu bewältigen. Lebhaft erinnere ich mich an eine Tango-Reise nach Rom, bei der nach dem täglichen Sightseeing- oder Shoppingprogramm ein kollektives Nickerchen fest dazugehörte, bevor wir uns wieder für die nächtlichen Tangoaktivitäten bereit fühlten. Aber nicht nur auf Reisen, sondern auch in meinem Alltag sind Nickerchen inzwischen ein fester Bestandteil. Wenn auf einer werktäglichen Milonga die Zeit mal wieder viel zu schnell vergangen ist, kann schon eine halbe Stunde Powernap am nächsten Tag zwischen Arbeitstag und Abendprogramm wahre Wunder wirken. Noch besser funktioniert für mich das Vorschlafen, wenn schon absehbar ist, dass es vermutlich mal wieder etwas später werden wird.
Manchmal frage ich mich dennoch, ob es nicht einen arbeitnehmer- und Schlaf-Rhythmus-freundlicheren Weg gibt, Tango zu tanzen. Ich begrüße die steigende Zahl an Nachmittagsmilongas am Wochenende. Mehr echte After-Work-Milongas fände ich auch toll, also solche, die wirklich früh beginnen und entsprechend früh enden. Oder sogar Mittagspausenmilongas oder Pre-Work-Milongas am frühen Morgen, wie es in den „normalen“ Nachtclubs eine Weile Mode war. Wäre das wirklich eine Option? Ich weiß  nicht. Vorerst bleibt mir wohl weiterhin nur mein regelmäßiges Nickerchen.

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