Ja – ich will (nicht)!

Über kaum ein anderes Thema habe ich in letzter Zeit so viel geredet, gelesen und diskutiert, wie über das Auffordern zum Tango, sei es über den Blickkontakt oder die direkte Ansprache. Ich für meinen Teil liebe den Cabeceo. Gibt er doch die Möglichkeit, keinen direkten Korb zu verteilen oder zu bekommen. Schaut er, weil er tanzen möchte, kann sie, ohne lange Diskussion, entweder so tun, als hätte sie es nicht gesehen, oder kann mit minimaler Geste ablehnen.

Mein lieber Freund C. hat mir letztens erzählt, wie schwer ihm das Auffordern fällt. Zu einer/einem Folgenden zu gehen und vor versammeltem Milongapublikum einen Korb zu bekommen wäre für ihn das höchste Maß an Peinlichkeit, auch wenn es wahrscheinlich kaum eine*r mitbekäme. Beim Cabeceo kann er so tun, als würde sein Blick einfach nur im Raum umherschweifen. Manchmal ergibt sich daraus ein „Hängen bleiben“ seines Blickes an einem anderen und daraus eine Tanda. Mit der Zeit ist C. selbstsicherer geworden und richtet seinen Blick inzwischen auch gezielt auf das Objekt seiner Tanzbegierde.

Mit großem Erstaunen höre ich auch zu, wenn Führende sich darüber beklagen, dass die/der Aufgeforderte nicht bereitwillig folgt. Die üblichen Begleitargumente: Einen Tango/eine Tanda kann man mit Jedem tanzen. Hier werden dann gerne alte und konservative Tangomaestros zitiert, die das schließlich auch schon so gesehen haben. Und? Muss es deswegen so bleiben? Dürfen sich Dinge nicht ändern? Ein weiteres, beliebtes Argument: Wenn man(n) schon den Mut hat aufzufordern, sollte die/der Aufgeforderte das auch honorieren und gefälligst tanzen. Ich plädiere nach wie vor dafür, mit (fast) Jeder/Jedem mal ein „Tänzchen“ zu wagen, und das mache ich in der Regel auch. Aber das ist und bleibt meine Entscheidung! Und manchmal, aus welchen Gründen auch immer, entscheide ich mich eben dagegen. Es gibt vielfältige Gründe nicht zu tanzen. Ich war auch schon auf Milongas ohne zu tanzen. Mal, weil ich durch Fußprobleme schlichtweg nicht tanzen konnte, aber trotzdem meine Freund*innen treffen und die Milonga-Atmosphäre genießen wollte, mal, weil sich nicht die richtige Lust auf das Tanzen einstellen wollte.

Ein Nein ist keine Katastrophe. Es wird Gründe dafür geben. Und ja – manchmal ist es eine persönlich gemeinte Sache. Weil man Diejenige oder Denjenigen unsympathisch findet, oder, oder, oder. Wir gehen ja auch nicht mit Jedermann oder Jederfrau Kaffee trinken und nicht mit jeder oder jedem Kolleg*in auf ein Feierabendbierchen.

Eine weiterer Gedanke zu Selektion: Warum muss Folgende*r mit Jeder/Jedem tanzen? Fordert denn jede*r Führende auch jede*n Folgende*n auf? Wohl kaum! In der Regel wird ausgewählt. Warum wird den Folgenden das Recht verwehrt, dies auch zu tun? Und warum beschert ihnen ein, sei es auch noch so höfliches,  „Nein“ so schnell das Prädikat Zicke?

Eine Freundin las kürzlich in einem ziemlich chauvinistisch anmutenden Beitrag eines Tango-Blogs die Frage, warum „beim Tango um das Auffordern so ein Geschiss“ gemacht wird. Ihre Antwort: „Weil ich auch nicht mit jedem Scheiß-Typen tanzen möchte!“. So kann man das auch sehen! Vielleicht könnte das Problem gelöst werden, wenn man „konservative“ oder gar geschlechtszuweisende Strukturen auflöst, die auf den meisten Milongas vorherrschen. Als ich auf einer meiner ersten Milongas per Cabeceo einen Tänzer aufforderte, brachte es mir prompt böse Kritik plus Belehrung ein, das man (oder besser frau) das nicht mache. Das ist doch schade! Mein Freund C. würde sich das wünschen, auch mal aufgefordert zu werden. Und wir müssten Zusagen oder Ablehnungen nicht mehr den (Geschlechts-)Rollen zuordnen. Sollte man sich hier mal eine Scheibe von den Queer-Milongas abschneiden?

 

 

 

 

12 Kommentare zu „Ja – ich will (nicht)!

Gib deinen ab

  1. Sehr schön und treffend geschrieben! Ich teile diese Meinungen sehr. Zum letzten Punkt würde ich nur hinzufügen: wer führt (egal ob Herr oder Dame) soll (am liebsten mit Cabeceo) auffordern. Das finde ich fair, da die Aufgaben unterschiedlich sind. Aber signalisieren, dass man als Folgende/r Cabeceo-bereit ist, das geht immer 🙂

    Gefällt mir

    1. Danke, Ingrid.
      Ich finde es aber auch o.k., wenn Folgende auffordern, bzw. sehr deutlich signalisieren, wenn sie tanzen möchten 🙂
      Lieben Gruß 🙂

      Gefällt mir

  2. Ich bin zwar nicht leicht zu erschrecken, finde es aber dennoch immer wieder erschreckend, dass offenbar auch heute noch etliche Männer Probleme damit haben, von Frauen aufgefordert zu werden.

    Gerade wenn dieser Herr der Schöpfung ein Problem damit hat, von einer Frau mit Mirada und Cabeceo aufgefordert zu werden, zeigt eigentlich, dass der Mann, entweder von keine Spur von Ahnung oder gar Wissen beleckt ist, wie Mirada und Cabeceo entstand und wofür es gut ist, oder einen gewaltigen Sprung an der Schüssel hat (wahrscheinlich beides).

    Gefällt mir

    1. Danke, für die deutlichen Worte, Wolfgang.
      Ich finde es einfach erstaunlich, wie emotional dieses Thema zum Teil diskutiert wird, vor allem, wenn es eben um eine gewisse „Selbständigkeit“ der Frauen, bzw. Folgenden geht.
      Lieben Gruß!

      Gefällt mir

  3. Ich fordere auf wen ich will und wie ich will. So einfach ist das für einen emanzipierten Mann. – So einfach wäre es auch für die Damen, wenn sie wenigstens den Sprung aus dem 19. ins 20. Jahrhundert schafften. Aber nein: Die sitzen sich lieber den Arsch platt als dasselbe zu tun wie Männer: Aufzufordern wen sie wollen und wie sie wollen. Selber schuld! Kein Mitleid!

    Gefällt mir

    1. Hallo Harri,

      in dem Beitrag geht es nicht um Mitleid oder Schuld.
      Es geht, wie in Blogs ja durchaus üblich, um die subjektive Beobachtung der Schreiberin und um deren Beobachtungen.
      Ob die Damen des 19. Jahrhunderts den Sprung ins 20. geschafft haben steht hier nicht zur Debatte. Vielmehr ist doch die Frage, wie wir uns auf den Milongas des 21. Jahrhunderts verhalten (wollen), was wir dort erleben und was wir uns wünschen.
      Aufmerksamen Leser*innen dürfte aufgefallen sein, dass ich auch über einen Mann schreibe, dem es nicht soooooo leicht fällt, aufzufordern, was ich aber keinesfalls als Mangel an männlicher Emanzipation oder überhaupt als irgendeinen Mangel deute. Ebenso beschreibe ich die Situation, dass es frau passieren kann, dass ein Auffordern ihrerseits als Verletzung bestehender Regeln gesehen wird.
      Es geht schlichtweg um einen respektvollen und gleichberechtigten Umgang miteinander 😉

      Lieben Gruß!

      Gefällt mir

      1. Hallo berlintangolady,

        im Beitrag geht’s ums Auffordern. Und der Umgang ist halt gerade nicht gleichberechtigt und emanzipiert, solange viele Frauen im Tango nicht Auffordern. Und NUR so lange sie es nicht tun wird es Männer geben, welche glauben, so gehöre es sich. Und nur wer auffordert erwirbt das Recht, Nein zu sagen. Und ein Nein ist keine Katastrophe, da stimme ich voll zu!

        Es wird wohl leider noch lange dauern, bis die überwiegend konservative Tangoszene dahin kommt…

        Schöne Grüße!

        Gefällt mir

      2. Hallo Harri,

        natürlich geht es um das Auffordern, aber im Subtext auch ganz klar um Konventionen und darum, wie wir miteinander umgehen. Ich finde auch, dass man das nicht so schwarz-weiß sehen kann indem man sagt, „die Frauen müssen…“oder „die Männer müssen“, oder, oder…generell würde ich lieber von Führenden und Folgenden sprechen (denn auch dazu gibt es ja Annahmen, dass nur die Führenden auffordern sollten, sowohl bei führenden Frauen als auch Männern).
        Und ich finde durchaus, dass man(n) und frau immer nein sagen dürfen. Dieses Recht muss sich keine(r) erst erwerben.

        Lieben Gruß!

        Gefällt mir

  4. Ich mache mir aus dem Auffordern per Cabeceo eine Art Sport; ich freue mich immer, wenn ich einen neuen persönlichen Entfernungs- oder Schwierigkeitsrekord aufgestellt habe. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil ich meist nach dem Start der Musik noch 1-2 Sekunden brauche, um mich zu entscheiden, ob und mit wem ich gerne tanzen würde. In der informellen Gruppe meiner Lieblingstänzerinnen gibt es ein paar, die mich deshalb (ich hoffe liebevoll) schon ein wenig verspotten; warum ich mir das Leben denn so schwer machen würde, ich könne ja auch einfach hingehen und fragen.

    Ehrlich gesagt ist mein Gedächtnis nicht so gut, daß ich mir für jede Dame, mit der ich schon mal Tanzkontakt hatte, merken würde, wie sie es aufforderungstechnisch am liebsten hat. Da ich zudem versuche, bei jeder Milonga mit mindestens einer bislang unbekannten Dame zu tanzen, ist es zudem manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, ob ein Nicht-Gucken jetzt Desinteresse bedeutet, oder daß die Dame gar nicht mit Cabeceo rechnet. Vielleicht ist die Tangoszene in Berlinos Aires da ein wenig mehr standardisiert – zu wenig Datenpunkte, um das beurteilen zu können.

    Was das aufgefordert-werden angeht: Beim Selber-Auffordern erhöht die Möglichkeit, einen Korb zu bekommen, für mich den Reiz sogar. Das wäre im übrigen auch ein Pro für Cabeceo – eine Mirada ist ja auch ein Ausgesucht-werden. Wenn ich dagegen von einer Frau aufgefordert werde, gebe ich prinzipiell keine Körbe, um die Damenwahl ein bißchen zu unterstützen. Wenn sie sich allerdings auf breiterer Front durchgesetzt hat, würde ich dann schon auch mit dem Körbe-Geben anfangen.

    Gefällt mir

    1. Hallo Yokoito,

      den Ansatz, auf jeder Milonga mit jemanden zu tanzen, mit dem man noch nicht getanzt hat, finde ich sehr schön!
      Zum Thema Cabeceo und Entfernung muss ich etwas schmunzeln – mir fällt in letzter Zeit auf, dass mit dem zunehmenden Alter meine Sehkraft nachlässt, was dazu führt, dass ich ungewollt Cabeceos aus „weiter“ Entfernung manchmal gar nicht sehe.
      Dass Du auffordernden Damen keine Korb gibst, finde ich prima – und ja, sobald Frauen und Männer gleichermaßen auffordern, sollte auch das gleichberechtigt möglich sein 🙂

      Lieben Gruß
      berlintangovibes

      Gefällt mir

  5. Dass die Art und Weise des Auffordern ein interessantes Thema ist, wundert mich nicht. Ich hatte viel Gelegenheit, darüber nachzudenken. Das Blickkontakt suchen gab es schon immer, auch als es zumindest bei uns noch keinen Namen hatte. Ich mag das auch sehr gerne. Unter vertrauten Tanzpartnern kürzt es den Vorgang des Aufforderns ab und es ist sehr nett, sich einfach per Blickkontakt verständigen zu können. Allerdings dürfte ein Hinweis reichen, dass man es so machen kann. Alles weitere ergibt sich von selbst. Das Propagieren des cabeceo fängt dagegen an, mich zu stören. Es geht ist dann wohl eher um das Verhindern der Tanzaufforderung.

    Der Satz „Einen Tango/eine Tanda kann man mit Jedem tanzen.“ ergibt überhaupt keinen Sinn, weil beides nicht gleichgesetzt werden kann. Gemeint war hier sicher „Einen Tango …“ der nur 3 Minuten lang ist. Das trifft aus meiner Sicht auch zu. Dieser Satz kann in einem Umfeld, wo man ganze Tandas tanzt, nicht gesagt worden sein.

    Ein „Tänzchen wagen“ geht in solchen Milongas überhaupt nicht. Das sieht man an den versteinerten Gesichtern der einschlägigen Damen und Herren. Die gehen kein Risiko ein. Die Auffassung, dass einer Aufforderung immer nachzukommen ist, ist offenbar schilicht veraltet. Seit nur ganze Tandas getanzt werden, ist das Nein salonfähig geworden. Meine persönlichen Erfahrungen zu diesen Themen habe ich bei Herrn Cassiel hinterlassen. Auch in den USA scheinen Tandas heutzutage üblich zu sein.

    Ist es für die Damen ein angenehmeres Gefühl, jemanden durchaus mehrere Jahre lang schmoren zu lassen, als ein oder zweimal Nein zu sagen? Bewusstes Wegschauen signalisiert für mich Verachtung – Stichwort: Scheiß-Typ oder eben schlechter Tänzer. Ich persönlich fand es immer noch besser, einen Tanz zu tanzen und die Sache mit einem distanzierten „Danke“ zu beenden. Wenn er dann wiederkommt, kann sie immer noch nein sagen.

    Zum Auffordern durch Frauen: Ich sehe wohl nicht richtig? Das ist ja haarsträubend! Und so einem wird geglaubt? Wenn man überhaupt von Scheiß-Typen redet, würde ich die genau an dieser Stelle verorten. Besser noch das zweisilbige Wort mit dem A am Anfang. Ich wurde und werde von Frauen aufgefordert und hoffe sehr, dass das so bleibt.

    Fußprobleme: Wie wäre es mit Schuhe ausziehen und Beine hochlegen?

    „Fordert denn jede*r Führende auch jede*n Folgende*n auf?“
    Wirklich jede auffordern kann wahrscheinlich ich nicht. Ich überlege genau, wer zu mir passen könnte und wem ich vielleicht etwas zu bieten habe. Deswegen nehme ich Körbe auch hochgradig persönlich. Das Peinliche stört mich gar nicht so sehr, weil ich doch meistens schnell wieder auf der Piste bin. Am meisten ärgere ich mich über mich selbst, dass ich Person oder Zeitpunkt verfehlt habe. Ein Nein ist keine Katastrophe, aber schon ein sehr einschneidendes Erlebnis. Ich merke mir so etwas für auf Dauer, nicht zuletzt, weil ich ihr ja ersparen möchte, zum zweiten Mal Nein sagen zu müssen.

    Was stört die Dame am Prädikat Zicke? Wenn Sie mit dem Herrn nichts zu tun haben will, kann ihr doch egal sein, was er über sie denkt? Wenn doch, kann sie es ihm sagen. Sollte dazu der Wunsch gehören, zu einem späteren Zeitpunkt zu tanzen, wäre es kein Korb. Und da sind wir wieder beim beliebten Thema: Wo das Auffordern nur aus der Ferne und ohne Worte geschehen kann, wird solch nette Konversation immer ein Wunschraum bleiben.

    Gefällt mir

    1. Hallo Chajim,

      der Satz „Einen Tango/eine Tanda kann man mit jedem tanzen“ meinte, dass ich beides schon so gehört habe. Sowohl, dass man einen Tango mit jedem tanzen kann, als auch, dass man mit jedem eine ganze Tanda tanzen kann.
      Zu den „haarsträubenden“ Kommentaren: ich bin noch etwas „eingeschüchtert“, wenn es um ein aktives Auffordern meinerseits geht, bin jetzt aber, u.a. auch durch Kommentare hier im Blog, wieder dazu übergegangen auch aufzufordern, bzw. meine Tanzwünsche sehr deutlich zu signalisieren.
      Am Prädikat Zicke stört mich einfach, dass es eine vollkommen unnötige „Schlechtmacherei“ ist und wenig mit respektvollem Umgang zu tun hat.

      Lieben Gruß
      berlintangovibes

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: