Mein Freund, der Tangoschuh

Vorsichtig mache ich einen Schritt auf die glatte Treppe, setze den Fuß behutsam auf, verlagere das Gewicht, aber ich bin nicht vorsichtig genug… Ich nehme noch wahr, wie der Fuß nach vorne wegrutscht, der Absatz meines Schuhs sich an der Treppenstufe verhakt, mein Fußgelenk unangenehm überstreckt wird und „Rumms“ lande ich unsanft auf meinem Allerwertesten. Mein Körper hat das Ganze heil überstanden, was ein Glück. Doch dann sehe ich es: Der Absatz des Tangoschuhs ist komplett abgebrochen.  Meine Lieblingstanzschuhe für fast 200 Euro einfach futsch. Es geht bei dem Verlust weniger um’s Geld, als um den emotionalen Wert. Denn irgendwie werden Tangoschuhe, auf denen wir uns wohlfühlen, für uns Tänzerinnen doch fast so etwas wie gute Freunde, die uns durch endlose Milonganächte und manchmal nicht enden wollende Unterrichtsstunden begleiten. Schuhe, die wenn man sie trägt, schon nach ein paar Schritten oder spätestens zwei bis drei Tangos mit dem eigenen Körper verschmelzen, ein Teil von uns werden, und das – zumindest bis spät in die Nacht – auch bleiben. Natürlich hat nicht jeder Schuh das Zeug zum treuen Begleiter. Ich hatte schon Schuhe, die fühlten sich eher an wie persönliche Feinde. Als würden sie eigenständig das Ziel verfolgen, mir jeden Schritt und jede Drehung so schwer wie nur möglich zu machen. Als hätten sie Spaß daran, wenn ich mir bei einem missglückten Voleo den Absatz gegen mein Schienbein haue oder – noch schlimmer – unsanft gegen meine eigenen Zehen stoße, sodass sie sogar zu bluten anfangen.
Dieser Schuh war anders. Doch leider habe ich nicht viel Hoffnung für den Patienten. Trotzdem bringe ich ihn einige Tage später zu einem Schuhmacher und zeige diesem die Misere. Es ist ein sehr kramiger Laden, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ich mag das. Der Meister schaut sich meinen Schuh an, lächelt und sagt: „Das sollte keine große Sache sein. 10 Euro, wenn alles gut geht.“ Eine Woche später hole ich den Schuh ab, er ist wieder heil. Ich kann mein Glück kaum fassen. Nur an einer Ecke sieht man noch ein paar Spuren, wie eine kleine Narbe, die ihn nur noch schöner macht.

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