Tango-Detox

Es reicht, ich habe die Schnauze voll. Zu viel Zeit habe ich in den letzten Wochen lustlos auf Milongas verbracht, zu viel Rumgesessen, ganze Wochenendtage und auch Arbeitstage im übermüdeten Delirium verbracht für nichts und wieder nichts. Bin auf Milongas gegangen, nur um dort festzustellen, dass ich keine Lust habe zu tanzen, und wenn ich es doch tue, habe ich keinen Spaß daran. Tangokrise? Vielleicht. Vielleicht ist es auch einfach zu viel. Jede Woche nehme viele, viele Stunden Tangounterricht, wenn ich auf Milongas tanze, komme ich aus dem Unterrichtsmodus nicht raus. Bei jedem Schritt sitzt mein Tanzlehrer auf meiner Schulter und flüstert mir permanent Korrekturen ins Ohr: „Den Fuß leicht ausgedreht. Halte die Schultern zurück. Du bist zu schnell. Entspanne den rechten Arm.“ Kein Wunder, dass das auf die Dauer keinen Spaß macht. Wo bleibt der Genuss?
Manchmal braucht es konsequente Entscheidungen statt Gejammer und meine lautet: Keine Milonga für mindestens vier Wochen. Am Ende sind es sogar sechs Wochen Milonga-Fastenzeit. Sechs Wochen, in denen ich mich voll und ganz auf den Unterricht konzentriere. „Tango-Detox“, nennt das einer meiner Tanzpartner, „Du wäschst Deinen Tango wieder rein. All die Schnuddeleien, die man sich auf Milongas angewöhnt, gewöhnst Du Dir jetzt wieder ab.“
Als die sechs Wochen um sind, freue ich mich auf meine erste Milonga wie ein kleines Kind auf Weihnachten und auch wenn es im ersten Moment tatsächlich etwas ungewohnt ist, mit Tanzpartnern verschiedener Tango-Stile zu tanzen und mich in unterschiedlichen Führungen und Umarmungen zu finden, so habe ich doch wieder einen Heidenspaß daran. Und ich kann es kaum glauben, auch der Tanzlehrer auf meiner Schulter ist mucksmäuschenstill.

7 Kommentare zu „Tango-Detox

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  1. Hm – wäre umgekehrt auch denkbar? Einfach mal nur tanzen und keinen Unterricht…. nicht daran denken, ob der Winkel im Fuß nun millimetergenau passt oder nicht… Genuss halt?

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  2. Hast du nun die Milonga-Pause hinter dir, oder fängt sie gerade an? Ist also der letzte Absatz eine Hypothese oder wirklich eingetreten?
    Das würde mich interessieren, da der Entschluss auf die Kombination Unterricht und Milonga zu verzichten mir nicht in den Sinn gekommen wäre.

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    1. Ich habe sie hinter mir. Der letzte Absatz ist tatsächlich so eingetreten, wie beschrieben. Auslöser für die Auszeit waren Milonga-Frust + Zeitknappheit. Irgendwo musste ich kürzer treten. Die Kurse waren gebucht, die Tanzpartner standen fest, da konnte ich nicht so kurzfristig raus. Daher der Entschluss, es mit den Milongas mal für eine Weile zu lassen. Es war eine interessante Erfahrung und kaum zu glauben, die Welt drehte sich trotzdem weiter. 😉

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      1. Sehr interessant, kann ich mir aber vorstellen… Was mir eine Menge gebracht hat, war es, Unterricht nicht nur in meiner Tanzschule zu nehmen, sondern zwischendurch auch einmal wo anders hinzugehen. Dort habe ich dann jede Menge neuer, guter Hinweise bekommen, von denen ich sehr profitiert habe. Das tolle in Berlin ist es, dass es so viele Lehrangebote gibt, dass man sich wie in einem Garten, die Lehrenden rauspicken kann, die einem viel bringen. Es gibt so viele Tango-Philosophen, Lehrschwerpunkte und Charaktere – und jeder kann einem was wertvolles mitgeben.
        Nichts gegen die angestammte Tanzschule, aber so wie es sinnvoll ist auf Milongas und im Unterricht die Tanzpartner zu wechseln, ist es auch mal gut das Spektrum der Lehrenden zu erweitern.

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      2. Das glaube ich gern. Ich bin davon überzeugt, dass es – zumindest für einen bestimmten Zeitraum – Sinn macht, sich einem Lehrer bzw. einem Stil zu verschreiben, um ein einheitliches Konzept des Tanzes zu lernen und sich nicht durch ggf. widersprüchliche Korrekturen verwirren zu lassen. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass es gut ist, wie Du schreibst, „zwischendurch auch einmal“ woanders hin zu gehen. Zudem gibt es sicherlich Phasen, in denen man sich von einem gelernten Konzept bewusst komplett löst und was Neues ausprobiert. Aus meiner Sicht ist Tango lernen – wenn man möchte – eine lebenslange Angelegenheit. Wie gut, dass der Tango so vielseitig ist.

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