Kilometer tanzen

„Kilometer tanzen“ hat mal eine erfahrene Tanguera zu mir gesagt, als ich sie fragte, was ich tun muss, um irgendwann so gut zu tanzen wie sie. Gesagt, getan. Hier bin ich also beim Tango-Marathon – wo könnte man besser Kilometer tanzen?

Das Kleid sitzt, die Schuhe sind geschnürt, ich bin bereit. „Auf die Plätze, fertig, los!“ Ich starte mit einem jungen Mann, nicht der beste Tänzer, aber man soll einen Marathon bekanntermaßen ja nicht zu schnell angehen und Raum für Steigerung lassen. Als nächstes suche ich mir einen erfahreneren Herrn. Für die ersten Kilometer genau richtig, denke ich mir. Es fühlt sich gut an. Mein Körper wird warm, die Bewegungen weicher. Ich bin bereit, etwas an Tempo zuzulegen. D’Arienzo – perfekt. Ich tanze mit einem wilden Tänzer, der mich über die Tanzfläche scheucht. Was ein Sprint! Ich will mich nicht übernehmen, wähle als nächstes einen Mann, dem ich einen ruhigeren Tanzstil zutraue. Doch auch er schont mich nicht, tanzt Rhythmus pur, spornt mich immer weiter an. Wir werden schneller und schneller. Danach bin ich außer Puste. Aber aufgeben ist nicht. Trotzdem jetzt bitte eine entspanntere Tanda. Ich habe Glück, mein nächster Trainings- äh, Tanzpartner hat Erbarmen. Passt sich an mein Tempo an. Danach fühle ich mich besser und hänge direkt noch einen flotten Vals dran. Es läuft gut, die Kilometer fliegen nur so an mir vorbei. Die Hälfte ist geschafft. In die zweite Hälfte starte ich mit einem sehr guten Tänzer, aber ungeeignet für meinen Zweck. Er steht mir zu viel rum, sucht den Kontakt und atmet mit mir – Pause um Pause – wie soll ich da nur auf meine Strecke kommen. Nach diesem Tanz hänge ich deutlich zurück. Ich muss aufholen und zwar schnell. Biagi, was ein Glück. Ich habe vorhin einen Führenden gesehen, der sich auf der Tanzfläche wunderbar an allen anderen Paaren vorbeischlängelt. Mal rechts, mal links. Wenn’s stoppt, wechselt er die Spur. Er wäre der perfekte Tanzpartner zum Aufholen. Ich finde ihn und los geht’s: Vorwärts, rückwärts, Ocho, Gancho, Voleo. Nach diesen zackigen Tangos bin ich wieder gleichauf mit den anderen. Sofort geht’s weiter, mein nächster Partner ist zwar nicht der Schnellste, aber er macht große Schritte und wenig Schnickschnack, so geht es gut voran. Jetzt Milonga mit einem humorvollen Herrn, was ein Zwischensprint! Meine Füße schmerzen, aber meine Kondition spielt mit. Ich habe eine gute Ausgangslage für’s letzte Drittel. Kurzer Boxenstopp: Schweißflecken trocknen, Wasser trinken. Dann wieder rein ins Getümmel. Ich wähle nicht mehr aus, Hauptsache tanzen. Ich tanze mit rundlichen Herren und dünnen, kleinen und großen, guten und mittelmäßigen und natürlich auch mit Frauen. So absolviere ich Kilometer um Kilometer. Mein Haar ist zerzaust, meine Haut klebrig vom Schweiß. Meine Energie lässt nach, aber es ist fast geschafft. Die letzte Tanda. Mit wem möchte ich über die Ziellinie gehen? Ein hübscher junger Kerl mit einer Umarmung, in der ich mich sofort wohlfühle, macht das Rennen. Eigentlich kann ich nicht mehr. Mehrfach muss er meine Achse retten und mich festhalten, ab und zu gönnt er mir eine kurze Pause, nur Stehen und Sein – wie schön. So schön, dass ich fast vergesse, warum ich hier bin. Letzter Tango: Eine schwungvolle Cumparsita, Zeit für den Endspurt. Er legt einen Gang zu, ich mobilisiere meine letzten Kräfte, die Ziellinie ist in Sicht, wir sprinten los. Und dann ist es plötzlich vollbracht, die letzten Töne sind verklungen, der letzte Kilometer getanzt – der Marathon geschafft!

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