Meine Droge der Nacht

Seit vier Tagen mache ich nichts anderes als tanzen, schlafen und essen. Es ist Tango-Festivalzeit und ich bin ins ferne Istanbul geflogen, um dabei zu sein. Heute ist der letzte Abend. Ich bin hundemüde, meine Füße tun weh, meinen Muskeln fehlt jegliche Energie. Kurzum: Eigentlich kann ich nicht mehr. Vernünftig wäre es, einfach im Hotel zu bleiben, ein heißes Bad zu nehmen und früh schlafen zu gehen. Aber ich bin ja nicht hier, um vernünftig zu sein.
Also überschminke ich die Spuren des fehlenden Schlafes in meinem Gesicht, kleide mich besonders schick und ziehe ein letztes Mal los. Ich tanze eine Tanda, danach setze ich mich hin und merke sofort, wie die Müdigkeit erbarmungslos zuschlägt. Ich habe jetzt genau zwei Möglichkeiten: Entweder ich drehe alibimäßig noch ein oder zwei Runden auf der Piste, damit ich nicht ganz umsonst gekommen bin und gehe nachhause. Oder ich treffe eine klare Entscheidung, trinke vielleicht noch einen doppelten Espresso und dann wird nonstop durchgetanzt, denn Pausen machen müde. Ich wähle Option zwei. Verschnaufpausen gibt es nur noch, wenn ich etwas trinken möchte, mich frisch machen muss oder sich ein interessantes Gespräch entwickelt. Schon mehr als einmal habe ich mich so aus Müdigkeit und Lustlosigkeit in ein Tango-High katapultiert. Aber ich weiß auch, ein bisschen Glück gehört dazu, damit es funktioniert. Glück, genug Tanzpartner zu finden und vor allem Tänze zu haben, aus denen ich für mich etwas Positives, Energiegebendes ziehen kann. Dafür brauche ich nicht die perfekten Tanzpartner. Das Entscheidende ist meine eigene innere Einstellung, jeden Tanz zu genießen und den Fokus auf das zu legen, was funktioniert und was sich gut anfühlt. Heute habe ich das nötige Glück. Ich komme in den Flow und Tango wird meine Droge der Nacht. Ich habe wunderbare Tänze, tolle Tanzpartner, höre Musik, die mich im positiven Sinne mitnimmt und lasse mich von der besonderen Stimmung des letzten Festival-Abends tragen. Als ich um sechs Uhr am nächsten Morgen nach einer großartigen Afterparty ins Hotel humple, bin ich sehr dankbar, der Nacht eine Chance gegeben zu haben.

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