Tanzniveau-Vorhersage dringend gesucht

Als mein Blick ihn zufällig streift, sehe ich, dass er mich direkt anschaut. Ich halte inne. Er nickt mir zu und weist Richtung Tanzfläche. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich kenne ihn nicht, habe ihn noch nie tanzen gesehen – soll ich auf seine Aufforderung eingehen oder nicht? Eine Tanda kann so unendlich lang sein, wenn es so gar nicht passt. Aber wenn ich jetzt ablehne und später sehe, dass er ein toller Tänzer ist, habe ich womöglich meine Chance vertan und ärgere mich. Eigentlich habe ich den Grundsatz, mit niemandem zu tanzen, den ich nicht vorher habe tanzen sehen. Aber natürlich gibt es ab und zu Ausnahmen. Bitte, bitte ich brauche einen Hinweis, wie er tanzt – jetzt sofort.

Mangels anderer Informationen suche ich diesen Hinweis in den Äußerlichkeiten. Mein Blick springt zu seinen Schuhen. Er hat ordentliche Schuhe an, noch dazu einfarbig schwarz – das werte ich positiv. Ich erinnere mich daran, was mir ein langjähriger Tänzer für solche Situationen einmal gesagt hat: „Wenn ich wissen will, wie gut jemand tanzt, muss ich mir auf normalen Milongas nur das Outfit ansehen. Anfänger*innen sind von der Regel ausgenommen, für alle anderen Frauen gilt: Je auffälliger Outfit und Styling, desto mäßiger das Tanzniveau. Bei den Männern ist es umgekehrt: Die Tanzqualität steigt proportional mit der Auffälligkeit und Eleganz des Outfits.“ Ob diese Regel stimmt? Unterschreiben würde ich sie sicher nicht. Aber an irgendetwas muss man sich ja orientieren.

Einen Anzug trägt er nicht, aber ordentlich gekleidet ist er und gepflegt sieht er auch aus. Körperhaltung? Aufrecht, aber nicht steif – vielversprechend. Ein letzter prüfender Blick in sein Gesicht: Er wirkt sympathisch. Einen Versuch ist es wert. Ich nicke ihm zu und lasse mich von ihm auf die Tanzfläche führen.

2 Kommentare zu „Tanzniveau-Vorhersage dringend gesucht

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    1. Dich interessiert, wie dieser konkrete Fall ausging? Magst du lieber ein Happy End oder ein Drama? Für beides hätte ich ausreichend Beispiele.
      Mir ging es in dem Text jedoch mehr um die Unsicherheit bzw. das Nicht-Wissen, dem wir uns so oder so vor jeder neuen Tanda mit einem Unbekannten stellen müssen. Daher das Open End.

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